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Schwarze Madonna

Nichts wird so stark mit dem Wallfahrtsort Maria Einsiedeln identifiziert wie die berühmte "Schwarze Madonna", das Gnadenbild Unserer Lieben Frau von Einsiedeln. Die Schwarze Madonna in der Einsiedler Gnadenkapelle wird jährlich von mehreren hunderttausend Menschen besucht und teilt ihre Freude und Hoffnung, ihre Trauer und Sorgen. Als Mutter Gottes führt sie die Menschen zu ihrem Sohn Jesus Christus, dem Erlöser der Welt.

Das Einsiedler Gnadenbild, die stehende Jungfrau und Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind auf dem linken Arm, kam im Sommer 1466 in die Heilige Kapelle. Der Klosterbrand vom 21. April 1465, der in der Heiligen Kapelle ausgebrochen war, hatte das ältere Madonnenbild zerstört. Ob das Bild als neues Gnadenbild in Auftrag gegeben worden ist oder ob man eine im Kloster vorhandene Statue dafür verwendete, ist ungewiss.

GnadenkapelleNovene zu Unserer Lieben Frau von Einsiedeln


Das Bild, im spätgotischen weichen Stil geschnitzt, wurde zwischen 1440 und 1465 im süddeutschen Raum geschaffen; es wird dem Umkreis von Hans Multscher oder dem frühen Werkstattbereich Multschers im Umkreis von Hans Striegel dem Älteren zugeschrieben.

Die 117 cm hohe schlanke, leicht nach links gebogene Marienfigur aus Lindenholz trägt eine Krone, sie hält in der rechten Hand ein Szepter und trägt auf dem linken Arm das bekrönte Jesuskind, das mit der linken Hand einen Vogel hält und mit der rechten den Segen erteilt.

Der Jesus-Knabe ist nackt, die Muttergottesfigur trägt ein erdbeerrotes, Damast imitierendes Kleid, das unter der Brust von einem Gürtel zusammengehalten wird und in strahlenförmigen Falten nach unten fällt.

Das jetzt schwarze Antlitz und die schwarzen Hände der Madonna, wie auch das Jesuskind, waren ursprünglich farbig gefasst. Sie wurden durch den Rauch und Russ der vielen Kerzen und Öllampen, welche ständig in der engen und dunklen Heiligen Kapelle brannten, im Laufe der Jahrzehnte dunkel, schliesslich silberschwarz. Schon im 17. Jahrhundert sprach man einfach von der „Schwarzen Madonna von Einsiedeln“.

Kurz bevor im Gefolge der Französischen Revolution Truppen von General Schauenburg am 3. Mai 1798 Einsiedeln besetzten und die alte Gnadenkapelle Mitte Mai niedergerissen wurde, konnte das Gnadenbild in Sicherheit gebracht werden. Zunächst im Alpthal versteckt und kurz darauf auf der Haggenegg für einige Wochen im Boden vergraben, führte die Flucht über Tirol bis nach Triest. Anschliessend führte der Weg des Gnadenbilds nach Vorarlberg, ins Dominikanerinnenkloster St. Peter in Bludenz und von dort wurde es dann in die zum Kloster Einsiedeln gehörende Propstei St. Gerold gebracht. In St. Gerold im Grossen Walsertal wurde die starkt mitgenommene Statue vom Ludescher Fassmaler und Ziermaler Johann Adam Fuetscher restauriert und teilweise neu gefasst. Seit dem Sommer 1799 ist die Haut von Mutter und Kind vollends schwarz gefasst. 1803 konnte die „Schwarze Madonna“ nach Einsiedeln zurückkehren und steht seither in der 1817 neu errichteten Gnadenkapelle.

Anfänglich trug die Madonna von Einsiedeln wohl nur einen als Schleier drapierten Umhang. Seit dem 17. Jahrhundert trägt die Madonna von Einsiedeln ein Kleid in der spanischen Hoftracht, das nur noch Gesicht und Hände der gotischen Figur und des Jesuskindes unbedeckt lassen. Die einzelnen Madonnenkleider, 37 an der Zahl, werden, zusammen mit Zepter, Kronen und dem wechselnden Schmuck, „Behang Unserer Lieben Frau von Einsiedeln“ genannt. Während man rund um die Mitte des 20. Jahrhunderts andernorts die Gnadenbilder ihrer Kleider beraubte, so wird die Beibehaltung des Prunkornates heute kaum mehr in Frage gestellt.

Die prunkvollen, stilisierten Gewänder schaffen zusammen mit dem Schleier, der bis zum Kleidsaum herab reicht und dem Gnadenbild den Umriss eines Dreiecks verleiht, eine hoheitsvolle Distanz und lassen der Mutter mit dem Kind doch eine intime menschliche Nähe und Vertrautheit.

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Schwarze Gnadenbilder

Es ist auffällig, dass alle Schwarzen Madonnen seit alters her als Gnadenbilder verehrt werden. Dabei ist es aber nicht die schwarze Farbe, welche diese zum Gnadenbild macht, sondern sie sind schwarz, weil sie von den Gläubigen als Gnadenbilder verehrt wurden. Andere bermühmte Wallfahrtsorte mit Schwarzen Madonnen sind Loreto (Italien), Montserrat (Katalonien), Rocamadour (Frankreich) und Tschenstochau (Polen). 

Doch übt die ungewohnte schwarze Hautfarbe dieser Statuen und Bilder zweifellos eine starke Faszination aus. Es gibt gerade auch von Seiten der vergleichenden Religionswissenschaft, der Esoterik, der analytischen Psychologie nach C.G. Jung und der feministischen Theologie weitere Erklärungsversuche. Diese sind teilweise durchaus bedenkenswert und beleuchten das vielschichtige Phänomen der Schwarzen Madonna von verschiedenen, für gläubige Christen teilweise ungewohnten Seiten. Es ist selbstredend, dass hier jedoch Vorsicht geboten ist und keine falschen Schlüsse über die Bedeutung der Schwarzen Madonnen gezogen werden dürfen.

Bei den Schwarzen Madonnen handelt es sich um katholische Kultbilder und so orientieren wir uns am Glauben und der Tradition unserer katholischen Kirche: Die als Schwarze Madonna dargestellte junge Frau mit Kind ist die jungfräuliche Gottesmutter Maria, die Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn – "Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater" – auf dem Arm trägt und ihn als einzigen Erlöser der Menschen der ganzen Welt zeigt.

Wer in diesem Glauben feststeht, für den kann die Auseinandersetzung mit anderen Erklärungsmodellen gerade im Kontext der Schwarzen Madonnen wichtig und hilfreich sein.


Warum ist die Madonna von Einsiedeln schwarz?

Bei uns in Einsiedeln ist die spätgotische, 117 cm hohe Lindenholzstatue aus der Mitte des 15. Jahrhunderts relativ unspektakulär zur Schwarzen Madonna geworden. Das wird aus dem Restaurationsbericht deutlich, den der Vorarlberger Maler Johann Adam Fuetscher im Herbst des Jahres 1799 geschrieben hat. Dort heisst es:

«Das Angesicht war durchaus schwarz: doch ist diese Farbe nicht dem Pinsel, sondern dem Dampfe der Lichter und Ampeln, welche seit so vielen Jahrhunderten in der H. Capell zu Einsiedeln immer brannten, zuzuschreiben: denn ich fand, und sah es augenscheinlich, dass die Fassung des Angesichtes anfänglich ganz fleischfärbig gewesen, wie es von den abgefallenen Crusten, die man noch aufbehalten, gar wohl zu erkennen ist.»

Warum musste das Gnadenbild restauriert werden? Auf seiner Flucht wurde es kurze Zeit auf der Haggenegg zwischen Alpthal und Schwyz vergraben. Das feuchte Erdreich ist der Holzstatue nicht gut bekommen. Nachdem das Gnadenbild vom Klosterschaffner Placidus Kälin, als Hausierer verkleidet, ins Dominikanerinnenkloster St. Peter bei Bludenz gebracht worden ist, wurde die schadhafte Statue sorgfältig restauriert. Nochmals Fuetscher:

«Nachdem ich von dem Angesichte alles abfällige und leicht auflösliche wegnahm, die festen Farbtheile aber, soviel möglich, ausglättete, so mahlte ich alsdann das ganze Angesicht sowohl der Mutter als des Kindes mit schwarzer, der vorigen, ähnlichen Farbe […].»

Was Johann Adam Fuetscher vor über 200 Jahren noch nicht wissen konnte: Das schwarze Antlitz von Mutter und Kind bestand aus verschiedenen Schichten - nicht nur aus Russ, sondern auch aus Farbe. Eine jüngste Untersuchung zeigte nämlich, dass es Einsiedler Gnadenbild verschiedene Schichten gibt und dass man in Einsiedeln eine allmähliche Abdunklung des "Inkarnats" förderte, weil man bewusst eine Schwarze Madonna haben wollte. Man wollte sich in Maria Einsiedeln einreihen in die illustre Schar der anderen grossen Marienheiligtümer!

Schwarz weil Gnadenbild – nicht umgekehrt!

Es ist interessant, dass die Schwarzen Madonnen gerade dann an Popularität gewonnen haben, als im 18. Jahrhundert die Kunst immer naturalistischer wurde und sich von der Religion emanzipierte. Die schwarze Farbe machte deutlich, dass die betreffende Statue der Gottesmutter kein Kunstgegenstand war, der gefallen wollte, sondern Fenster in eine transzendente Welt. Daher sind die Schwarzen Madonnen des Westens auch den Ikonen der Ostkirche ähnlich.

Darüber hinaus fällt auch immer wieder auf, dass die Gnadenbilder in der katholischen Kirche – ob Schwarze Madonna oder nicht – selten dem klassischen Schönheitsideal der Kunst entsprechen. Oft sind es Bilder und Statuen unbekannter Künstler. So schön die Madonnendarstellungen von Raffael und Michelangelo sind: keine von ihnen ist zum Gnadenbild geworden. Die Verehrung geniessen ausschliesslich die einfachen Zeugnisse christlichen Kunstschaffens.

Maria von Nazareth scheint eine Vorliebe für das Schlichte, Einfache und Authentische zu haben... Aber gerade durch die Schlichtheit und Einfachheit - ja, man könnte sogar sagen: durch die "Demut" der schwarzen Farbe - werden diese Gnadenbilder transparent auf jene hin, die sie darstellen sollen: die Jungfrau und Gottesmutter Maria. Die einfache Frau aus Nazareth, die von Gott zur Mutter seines menschgewordenen Sohnes erwählt wurde, mag es einfach. Die schwarze Farbe im Antlitz sollte dies offenbar unterstützen.

In diese Richtung weist auch der bei den verehrten Gnadenbildern früher obligate, heute aber immer noch weit verbreitete «Behang». Mit den starren, verhüllenden Textilien rückte der künstlerische Reiz zusätzlich in den Hintergrund. Zusammen mit Krone und Zepter wird ein derart bekleidetes Gnadenbild auch zur sinnfälligen Darstellung der in den Himmel erhobenen Gottesmutter. In Einsiedeln wird dies besonders deutlich.


Vorbilder für das Einsiedler Gnadenbild

Von den Vorgängerinnen des aktuellen spätgotischen Gnadenbildes von Einsiedeln wissen wir so gut wie nichts. Bestimmt befand sich schon früh in der «Kapelle der Einsiedler» ein Bildnis der Gottesmutter Maria. Erst recht nach dem Patroziniumswechsel von der Erlöser- zur Marienkapelle im 12./13. Jahrhundert drängte sich ein solches regelrecht auf. Wahrscheinlich ist, dass es sich dabei um eine romanische sitzende Madonna mit Kind handelte, analog zur romanischen Marienfigur, die sich heute in Einsiedler Privatbesitz befindet. Solche sitzende Madonnenstatuen werden "sedes sapientiae" genannt, auf Deutsch "Sitz der Weisheit", weil Christus auf dem Schoss seiner Mutter wie auf einem Thron sitzt.

Klar ist hingegen, dass diese ursprüngliche Marienfigur in der Einsiedler Gnadenkapelle kein Kultbild im heutigen Sinne war. Gnadenbilder wie die Schwarzen Madonnen sind ein Phänomen der Barockzeit. Im Mittelalter waren Mariendarstellungen auswechselbar. So ist es auch erklärbar, dass bei der grossen Brandkatastrophe von 1465 kein Wort über den Verlust des Marienbildes in der Heiligen Kapelle verloren wurde. Dieses wurde einfach durch ein neues ersetzt - eben jene Statue der Gottesmutter Maria, die wir noch heute in der Einsiedler Gnadenkapelle bewundern und verehren!

Das Konventsiegel aus dem 13. Jahrhundert zeigt ebenfalls eine sitzende Madonna, doch lässt sich diese nicht zwingend mit der Statue in der Heiligen Kapelle in Verbindung bringen. Denn ein Vergleich mit einem Pilgerzeichen aus dem französischen Marienwallfahrtsort Rocamadour zeigt eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Konventsiegel von Einsiedeln.

Das Einsiedler Gnadenbild: Verweis auf die Mariendogmen der Kirche

Die seit 1466 in der Einsiedler Gnadenkapelle stehende Marienstatue hat indes ein klares Vorbild: die im 15. Jahrhundert in Süddeutschland und in der Lombardei hochverehrte «Maria im Ährenkleid». Woher diese Darstellung ursprünglich stammt, ist nicht bekannt. Doch im Mailänder Dom wurde ein solches Bildnis von den Gläubigen, insbesondere von der dort lebenden deutschen Kolonie, hochverehrt. Die Darstellung Mariens ohne Mantel kennzeichnet diese als Jungfrau, genauer als «Tempeljungfrau», wie die jugendliche Mutter Jesu im apokryphen Jakobusevangelium dargestellt wird.

Der bekannte Kunsthistoriker Linus Birchler (1893 – 1967) fasst die Verbindung zwischen Einsiedler Gnadenbild und «Madonna im Ährenkleid» wie folgt zusammen:

«Der unbekannte Schnitzer der Einsiedler Madonna oder sein Ratgeber wurde nach meiner Meinung unverkennbar von der Formgebung der Ährenmadonna angeregt, und der bestimmende Gedankengang war dieser: Die Ährenmadonna stellt die Tempeljungfrau dar; wenn sich die Einsiedler Madonna formal eng an die Ährenjungfrau anlehnt, aber auf dem linken, vorgeschobenen arm das Kindchen trägt, ist für die Beter sinnfällig verdeutlich Jungfrau und Mutter.»

Somit fasst das Einsiedler Gnadenbild zwei marianische Glaubessätze der Kirche zusammen: die Gottesmutterschaft und ihre immerwährende Jungfräulichkeit. Dass  Maria zurecht als Mutter Gottes zu bezeichnen und zu verehren hat, wurde auf dem Konzil von Ephesos im Jahr 431 verkündet. Ihre immerwährende Jungfräulichkeit (Jungfrau vor, während und nach der Geburt Jesu) wurde auf dem Zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 dogmatisiert.

Wenn man nun auch noch die für den Wallfahrtsort Maria Einsiedeln so typische Inszenierung im Wolkenkranz mit spanischer Hoftracht sowie mit Krone und Zepter hinzunimmt, dann hat man noch das jüngste der vier marianischen Dogmen vor Augen: die leibliche Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel, wie sie Papst Pius XII. am 1. November 1950 als Dogma verkündete.

Fehlt also nur noch die unbefleckte Empfängnis. Hier hilft das Hohelied der Liebe mit seinem berühmten, auf Maria bezogenen Vers: "Schwarz bin ich und schön". Diese Schönheit ist Frucht ihrer Bewahrung vor der Erbsünde in ihrer unbefleckten Empfängnis als reines Gnadengeschenk Gottes. Den Glaubenssatz, dass Maria vom ersten Augenblick ihrer Existenz an von jeder Sünde ausgenommen war, verkündete Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854 in Rom. Auch wenn das Antzlitz der Gottesmutter geschwärzt ist: In ihr Herz hatten die Mächte der Finsternis niemals Zutritt, sie konnte die Schönheit der Gottesebenbildlichkeit immer bewahren.


Die spirituelle Botschaft der Schwarzen Madonna

Eine sehr gute Erklärung des Einsiedler Gnadenbildes und dessen spiritueller Botschaft bot Pater Martin Werlen in seiner Predigt am Hochfest Unserer Lieben Frau von Einsiedeln im Jahr 2017. Er machte darauf aufmerksam, dass beim Einsiedler Gnadenbild nicht Maria, sondern Jesus Christus die Hauptfigur ist. Jesus steht im Zentrum. Pater Martin zitierte einen Vers aus dem Hohelied: «Schaut mich nicht so an, weil ich so schwarz bin! Die Sonne hat mich verbrannt» (Hohelied 1,6). Er wies darauf hin, dass die erwähnte Sonne im Verständnis vieler Heiliger Christus selber sei: die «Sonne der Gerechtigkeit». Pater Martin schliesst daraus: «Wer nahe bei Jesus ist, der wird von ihm geprägt, verändert. Wer nahe bei Jesus ist, wird immer mehr Jesus ähnlicher. Maria war Jesus nahe wie niemand sonst. Von Anfang an war sie gebräunt von Jesus Christus.»

So kann das Einsiedler Gnadenbild eine «Schule des Glaubens» sein, denn es lehrt uns neu, Jesus ins Zentrum unseres Lebens zu stellen. Auch wir dürfen uns als von Gott angenommen und geliebt wissen – mit unseren eigenen dunklen Seiten: Wir sind schön in den Augen Gottes.

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