Weihnachtspredigt 2011 von Abt Martin Werlen OSB

25. Dezember 2011

"Das darf doch nicht wahr sein: Jetzt haben sie an Weihnachten ein Gerüst in der Klosterkirche! Und dabei noch die Weihnachtskuppel verdeckt! Ausgerechnet an Weihnachten!"

Liebe Schwestern und Brüder, so oder ähnlich mögen wohl manche unter Ihnen vorhin beim Betreten der Klosterkirche reagiert haben.

Bis vor wenigen Wochen war es für unsere Klostergemeinschaft auch klar, dass an Weihnachten kein Gerüst in der Kirche steht. Der Obere und der Untere Chor sind gereinigt. Und nach Weihnachten fahren wir im Kirchenschiff weiter. Dann kamen aber finanzielle Überlegungen ins Spiel. Die alle zehn Jahre fällige Gesamtreinigung der Klosterkirche würde einige zehntausend Franken mehr kosten, wenn das Gerüst aus der Kirche hinausgetragen, zwischengelagert und nach Weihnachten wieder hereingetragen und aufgebaut werden müsste. Das wäre nicht zu verantworten. Und so haben wir jetzt genau den Teil mit der Weihnachtskuppel eingerüstet – ausgerechnet an Weihnachten. Nicht sehr feinfühlig, könnte man meinen.

Das erinnert mich an ein Weihnachtsbild. Es begegnete mir im Büchlein "Jugend mit Gott", das ich vor 30 Jahren geschenkt bekam. Es war ein Weihnachtsbild, mit dem ich damals nichts, aber auch gar nichts anfangen konnte. "Geburt Jesu mit Bagger" heisst es.

Jetzt habe ich herausgefunden, dass es von Emil Scheibe ist, einem 1914 geborenen und 2008 verstorbenen Künstler. Auf den ersten Blick fällt der grosse Bagger im Zentrum auf. Die Geburt Jesu ist in eine Ecke geschoben. Man muss schon zweimal hinschauen, um sie überhaupt zu entdecken. Dort steht ein Unterschlupf, wie ein baufällig gewordenes Wartehäuschen. Eine Frau kniet auf dem Boden; ein Mann steht neben der Kiste, in der ein Kind liegt. Nur ein einziger Mensch schaut zum Schuppen. Alle anderen gehen daran achtlos vorüber. Als ob nichts wäre. Der Greifer des Baggers ist so platziert, dass er den Schuppen mit allem, was drin ist, aufräumen könnte. Einfach entsorgen. Da ist jede Romantik dahin. Das ist so ganz und gar nicht weihnächtlich. Das ist wie Weihnachten in der eingerüsteten Einsiedler Klosterkirche. Fast möchte man sagen: Wie eine Faust aufs Auge, oder eben: Geburt Jesu mit Bagger.

Je mehr ich mich mit dem Bild von Emil Scheibe auseinandersetze, umso mehr beeindruckt es mich. Ist es dem, was wir an Weihnachten feiern, nicht viel näher als all das Romantische, das wir so gemeinhin mit Weihnachten verbinden? Die Geburt Jesu vor 2000 Jahren war in der Tat nichts Romantisches. Ein junges Paar auf der verzweifelten Suche nach einer Unterkunft, wo die Frau ein Kind zur Welt bringen kann. "In der Herberge war kein Platz für sie." In der Not finden sie einen primitiven Unterschlupf. Und das alles an einem völlig unbedeutenden Ort auf dieser Erde. Rundherum geht alles weiter, als ob nichts passiert wäre. Wir haben uns so sehr an Weihnachten gewöhnt, dass dieses erschütternde Fest vor allem ein Fest fürs Gemüt geworden ist. So eine Art Wellness-Ecke am Schluss des Jahres. Gefühlsduselei. Weihnachten gehört einfach dazu. Weihnachten ist ein wichtiger Geschäftsfaktor geworden. Und genau damit haben wir es fertig gebracht, Weihnachten ins pure Gegenteil dessen zu pervertieren, was es eigentlich ist. Aber Weihnachten ist vor allem leer geworden, ohne Konsequenzen für unser Leben. Weil unser Leben nicht Gefühlsduselei ist, sondern harte Realität.

Da kommt uns die Baustelle gerade recht. Ist die Baustelle nicht ein treffendes Bild für unser Leben, für diese harte Realität? Baustellen sind nun einmal ungemütlich. Man wünscht sich, dass sie bald wieder verschwinden. Aber sie sind da – ob wir wollen oder nicht. Die ganze Welt ist eine Baustelle. Das erleben wir heute wie schon lange nicht mehr. Vermeintlich sichere Werte, auf die wir über Jahrzehnte gesetzt haben, fallen wie Kartenhäuser zusammen. Sicherheiten entpuppen sich als Illusionen. Auch die Kirche ist eine Baustelle. Das werden wir uns noch und noch schmerzlich bewusst. Es gibt Auseinandersetzungen über die Gestaltung des kirchlichen Lebens, über den Auftrag der Kirche in unserer Zeit, über die Wege, die sie einschlagen sollte. Firmen und Unternehmungen sind Baustellen. Viele Menschen trifft das zur Zeit empfindlich, wenn sie um ihre Arbeitsplätze bangen. Unsere Pfarreien, Gemeinschaften und Familien sind Baustellen. Was gäbe es nicht alles anzupacken! Wie viele ziehen aus, weil sie die ewige Baustelle nicht mehr aushalten! Unser eigenes Leben ist eine Baustelle. Manchmal ist es fast zum Davonlaufen. Kaum haben wir ein Problem gelöst, zeigt schon eine andere Mauer wieder gefährliche Risse. Das Weihnachtsfest will diese Tatsachen nicht verdrängen. Das Weihnachtsfest ist keine Flucht für ein paar Tage in eine heile Welt. Im Gegenteil. An Weihnachten feiern wir, dass Gott in die Baustellen unseres Lebens kommt.

Unsere Aufgabe als Getaufte ist es, die Krippe in den Baustellen suchen, in denen wir uns bewegen. Gott suchen – das nennt der heilige Benedikt die wichtigste Aufgabe des Mönchs. Gott suchen – das ist die wichtigste Aufgabe aller Getauften. In den Baustellen des Lebens das Kind in der Krippe suchen und entdecken. Bei dieser Suche dürfen wir uns nicht daran stören, dass wir dabei sowohl auf Hirten als auch auf Könige treffen. Wir werden auch auf Menschen treffen, die klipp und klar sagen: "Es gibt keinen Gott!" Ihre Stimme ist in der letzten Zeit vermehrt zu hören. Ich muss ehrlich gestehen: Ich habe Verständnis für ihre Haltung. Manchmal ist es tatsächlich sehr schwer, in den Baustellen unseres Lebens den Schuppen zu entdecken, der allem Sinn gibt. Gefährlicher als diejenigen, die sagen: "Es gibt keinen Gott!" sind allerdings diejenigen, die so leben, als ob es keinen Gott gäbe. Und die beiden Gruppen sind keineswegs identisch. Man kann auch als sogenannte Praktizierende so leben, als ob es Gott nicht gäbe, sogar im Kloster. Der heilige Benedikt spricht davon, dass wir mit einem solchen Leben Gott lächerlich machen. Darum ruft uns der Mönchsvater auf, jeden Tag aufs Neue mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren durchs Leben zu gehen. Da ist kein Platz für Gedankenlosigkeit und Routine. Da ist Gott, der auf uns wartet! Im Verborgenen. Auf den Baustellen unseres Lebens.

Darum ist Weihnachten nicht einfach Hurra-Stimmung, sondern Freude über ein Licht im Dunkeln, über die Gegenwart Gottes in unseren Baustellen. Eine Gegenwart, die man auf den ersten Blick zu übersehen trachtet, an der man achtlos vorbeigehen kann. Und wenn man die Krippe einmal entdeckt hat, wird nicht einfach alles anders. Die Baustellen bleiben. Aber wir können sie von der Krippe her angehen und gestalten. Wir entdecken Einen, der allem einen Sinn gibt. Er ist die Autorität schlechthin, die lebenspendende Kraft. Selbst der Papst und die Bischöfe können nur auf diese Autorität verweisen. Immer neu auf die Suche gehen und andere in dieser Suche ermutigen. Wie dankbar bin ich so vielen Menschen, die mir auf dieser Suche Herausforderung sind – in und ausserhalb der Kirche! Das ist mir beim Film "Habemus papam" wieder neu aufgegangen. Ein kirchliches Amt ist eine Überforderung in sich. Weh dem, der meint, er könne das! Weh dem, der seine Macht nach irdischen Gesetzen spielen lässt! Von kirchlicher Autorität ist anderes gefordert. "Bei euch aber soll es nicht so sein!"

In dem Mass, in dem wir uns den Baustellen des Lebens stellen und ehrlich Gott suchen, können wir entdecken, was Weihnachten wirklich heisst. Da geht die Botschaft der Menschwerdung zu Herzen. Da regieren plötzlich nicht mehr die Gewohnheit und das Gesetzbuch. Da übernimmt das Kind in der Krippe die Führung. "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden." Das ist keine Macht von oben herab, das ist Macht vom Kind in der Krippe her. Man muss sich tief beugen. Wer das erfährt, für den sind die Sakramente nicht mehr Pflichtübungen. Da wird die Eucharistiefeier zur Krippe in unseren Baustellen, wie jetzt hier in der Einsiedler Klosterkirche. Und genauso das Sakrament der Versöhnung, in dem Gott uns immer wieder neu einen Anfang schenkt. Das macht Mut. Das richtet auf.

Das darf doch nicht wahr sein: Jetzt habe ich an Weihnachten noch so viele Gerüste in meinem Leben! Doch, das darf sein. Das tut der Weihnachtsfreude keinen Abbruch. Denn die Weihnachtsfreude hängt nicht vom Vorhandensein von Baustellen und Gerüsten ab, sondern vom Entdecken der Gegenwart Gottes in unserem Leben. "Heute ist euch der Heiland geboren!" Heute können wir wieder neu beginnen, Gott in den Baustellen unseres Lebens zu suchen. Kommt, lasset uns anbeten!

"Heute ist euch der Heiland geboren!"

Abt Martin und die Klostergemeinschaft


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