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In der Kolumne «Meine Benediktsregel» teilen verschiedene Autorinnen und Autoren, die mit unserem Kloster verbunden sind, in kurzen Texten ihre Gedanken darüber, wie sie die Benediktsregel als Inspiration für ihr Leben ausserhalb von Klostermauern zu nutzen versuchen.

Wie man gerecht verteilt (Benediktsregel 34,1-5)

Benediktsregel 34,1-5: «Man halte sich an das Wort der Schrift: 'Jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.' Damit sagen wir nicht, dass jemand wegen seines Ansehens bevorzugt werden soll, was ferne sei. Wohl aber nehme man Rücksicht auf Schwächen. Wer weniger braucht, danke Gott und sei nicht traurig. Wer mehr braucht, werde demütig wegen seiner Schwäche und nicht überheblich wegen der ihm erwiesenen Barmherzigkeit. So werden alle Glieder der Gemeinschaft im Frieden sein.»

Wenn es um die Verteilung von Gütern geht, hört man am häufigsten den Ansatz, dass alle Beteiligten gleich viel bekommen sollen. Aber ist das gerecht? Und vor allem, ist das überhaupt sinnvoll? Genauso muss man jedoch auch andersrum die Frage stellen, mit welcher Begründung sich denn eine Ungleichbehandlung rechtfertigen lässt.

Die Benediktsregel liefert hier mit dem Verweis auf die Heilige Schrift eine interessante Vorgehensweise, nämlich dass jeder so viel bekommen soll, wie er wirklich braucht. Auf den ersten Blick scheint dies die optimale Vorgehensweise zu sein; denn, wenn alle ihre Bedürfnisse erfüllt haben, sollten doch auch alle zufrieden sein.

In einer genaueren Analyse erkennt man für die praktische Anwendung der Methode natürlich Schwierigkeiten, weil sich der Mensch schnell ungerecht behandelt fühlt und sein Gegenüber um etwaige Vorteile beneidet. Doch der heilige Benedikt gesteht hier den Beteiligten eine grosse Eigenverantwortung zu.

Der Verteilende (im Sinne der Regel der Abt) darf und soll die Güter ungleich an die Brüder verteilen. Hierbei muss er jedoch einschätzen, was jemand wirklich benötigt, und darf sich nicht von seiner persönlichen Präferenz oder dem Ansehen der Person leiten lassen. Den Empfangenden hingegen gibt Benedikt mit, dass sie nicht überheblich sein sollen, wenn sie mehr erhalten, nicht traurig, wenn sie weniger brauchen, und vor allem nicht neidisch auf die anderen Brüder.

Was man ebenfalls als wichtige Voraussetzung erachten könnte, dass so ein Modell der Verteilung funktioniert, ist das gegenseitige Vertrauen. Nur wenn sich alle Seiten gegenseitig vertrauen und sich tatsächlich als eine Gemeinschaft begreifen, führt die benediktinische Herangehensweise zu mehr Frieden und zu mehr Gerechtigkeit.

Für heute nehme ich aus der Betrachtung der Benediktsregel auf jeden Fall mit, dass es auch zu meinem Auftrag als christgläubiger Mensch dazugehört, sich selbst nicht in den Mittelpunkt des eigenen Denkens zu stellen, sondern meinem Nächsten auch mal etwas gönnen zu können.

Matthias Gatt, 21 Jahre, Student der katholischen Theologie an der Universität Innsbruck.

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