Reiche Beute der Eidgenossen vor 550 Jahren – auch für das Kloster Einsiedeln
„Bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut, bei Nancy das Blut.“ Mit diesem eingängigen Merkspruch lernten Generationen von Schweizer Schulkindern das Ende des burgundischen Herzogs Karl des Kühnen (1433-1477) kennen. Der erste Teil verweist dabei auf eine der spektakulärsten Schlachtbeuten der europäischen Geschichte, auf den legendären burgundischen Schatz, den Karl 1476 auf das Schlachtfeld von Grandson mitgeführt hatte – und den er mit seiner Flucht nach der Schlacht den Eidgenossen überlassen musste. Einzelne Kostbarkeiten gelangten in verschiedene Gebiete der Eidgenossenschaft, darunter auch ins Kloster Einsiedeln.
Die Schlacht bei Grandson
Die Schlacht von Grandson, ausgefochten am 2. März 1476, heute also vor genau 550 Jahren, zählt zu den berühmtesten militärischen Erfolgen der Alten Eidgenossenschaft. Bei Concise am Neuenburgersee fügten die eidgenössischen Truppen dem burgundischen Heer eine vernichtende Niederlage zu, von der sich Burgund nie mehr erholen sollte. Für die Eidgenossen hingegen markierte der Sieg den Beginn ihres Aufstiegs zu einem ernstzunehmenden Machtfaktor in der europäischen Politik. Für die Männer, die sich ins Schlachtgetümmel geworfen hatten, war jedoch vor allem eines von unmittelbarer Bedeutung: die sagenhafte „Burgunderbeute“, die ihnen ungeahnten Reichtum brachte.
Kontrahent der Eidgenossen war Karl der Kühne, der als Herzog von Burgund über eine der reichsten Regionen Europas herrschte. Sein Hof galt als Inbegriff spätmittelalterlicher Pracht und Kultur. Den enormen Wohlstand seines Herzogtums setzte Karl unter anderem gezielt für seine machtpolitischen Ambitionen ein: Mit englischen und italienischen Söldnern wollte er ein zusammenhängendes Königreich zwischen Nordsee und Mittelmeer errichten – ein Projekt, bei dem auch die Gebiete der Eidgenossenschaft zwangsläufig ins Blickfeld gerieten.
Expansionsdrang beflügelte allerdings nicht nur den burgundischen Herzog. Auch Bern verfolgte territoriale Interessen und liess 1475 gemeinsam mit Freiburg und Luzern – zum Missfallen der übrigen eidgenössischen Orte – im Frühling und Herbst zwei Feldzüge ins Waadtland unternehmen, das überwiegend zu Savoyen gehörte, einem Verbündeten Burgunds. In kürzester Zeit eroberten die Freischaren 16 Städte und 43 Burgen, deren Bevölkerung der neuen Herrschaft den Untertaneneid schwören musste. Zeitgleich eroberten die Oberwalliser, unterstützt unter anderem von Freiburg und Solothurn, das savoyische Unterwallis.
Karl der Kühne sah sich als Verbündeter Savoyens gezwungen, diese Eroberungen zu vergelten. Anfang 1476 zog er deshalb mit rund 20 000 Mann gegen Freiburg und Bern ins Feld. In letzter Minute – trotz interner Spannungen – eilten die übrigen eidgenössischen Orte sowie elsässische Verbündete zu Hilfe. Bei Grandson wurde Karl überraschend in die Flucht geschlagen und verlor dabei seine gesamte mitgebrachte kostbare Habe.
Auch sein Versuch der Revanche scheiterte: Die Belagerung von Murten endete am 22. Juni 1476 in einer weiteren verheerenden Niederlage, bei der das burgundische Söldnerheer aufgerieben wurde. Den dritten Anlauf bezahlte Karl gar mit seinem Leben. In der Schlacht bei Nancy am 5. Januar 1477, in der die Eidgenossen dem Herzog von Lothringen beigestanden hatten, fand er den Tod. Damit war auch die politische Macht Burgunds gebrochen. Denn das Herzogtum spielte fortan keine bedeutende Rolle mehr in Europa.
Die Burgunderbeute
Bei der Schlacht von Grandson fiel den Eidgenossen ein Schatz in die Hände, der alles bisher Dagewesene weit übertraf. Rund 400 Wagenladungen voller Kostbarkeiten wurden aus dem burgundischen Feldlager abtransportiert. Neben 419 Geschützen und rund 300 Tonnen Schiesspulver umfasste die Beute Hunderte von Pferden, wertvolle Silberarbeiten, Kunstgegenstände, kostbare Reliquien, prunkvolle Gewänder, Wandteppiche, Schmuck – und enorme Geldsummen.
Karl hatte nahezu den gesamten Staatsschatz mitgeführt, nicht zuletzt zur Bezahlung seines grossen Heeres. So nahmen ihm die Eidgenossen praktisch seinen gesamten Reichtum ab. Bis heute gilt die Burgunderbeute als eine der grössten Kriegsbeuten der Geschichte. Ein grosser Teil der Schätze wurde dabei eingeschmolzen oder aufgeteilt; was erhalten blieb, ist heute über die ganze Schweiz verstreut – stille Zeugen eines Wendepunkts europäischer Geschichte.
Geschenke für Einsiedeln
Teile der Burgunderbeute gelangten auch ins Kloster Einsiedeln. Darunter befand sich mutmasslich ein vier Fuss hohes und ein Fuss breites Reliquienkreuz, das aussergewöhnliche Herrenreliquien enthielt – unter anderem vom Blut Christi, von seinem Kreuz, vom Schwamm, vom Grabtuch sowie vom Grab selbst. Der französische Benediktinergelehrte Augustin Calmet (1672–1757) beschreibt dieses Kreuz in seinem 1756 erschienenen Diarium Helveticum (S. 42 f.).
Ebenfalls aus der Burgunderbeute stammte ein einzigartiges Prunkstück: der Sessel Karls des Kühnen. Er kam nach jahrelangen, auf den eidgenössischen Tagsatzungen geführten Verhandlungen, angeregt vornehmlich von den Schwyzern, im Sommer 1489 – also ein gutes Jahrzehnt nach gewonnener Schlacht – nach Einsiedeln. Zuvor war sogar über eine Teilung oder Versteigerung des Sessels diskutiert worden. Bis zu seiner Übergabe war er im Luzerner Wasserturm ausgestellt. Mit der Überführung an den Einsiedler Wallfahrtsort versprach man sich mit Blick auf die vielen hierhin in eines der wichtigsten religiösen Zentren der damaligen Eidgenossenschaft kommenden Pilgerströme, dass das Beutestück von möglichst vielen Leuten gesehen und Staunen über das Kriegsgeschick der Eidgenossen auslösen würde. Es handelte sich dabei keineswegs um ein gewöhnliches Möbelstück, sondern um jenen vergoldeten, mit kostbaren Stoffen ausgelegten Holzsessel, auf dem der burgundische Herzog Recht zu sprechen pflegte. Über sein Aussehen sind wir heute vergleichsweise gut informiert, da er – zusammen mit anderen Stücken – prominent in der berühmten Chronik des Luzerner Diebold Schilling (vor 1460-1515?) dargestellt ist. In Einsiedeln schmückte er fortan den Altar der Muttergottes von Einsiedeln, jenes Gnadenbildes, das erst gut zwei Jahrzehnte zuvor in der Klosterkirche aufgestellt worden war und heute als „Schwarze Madonna“ bekannt ist, nachdem über die Jahrhunderte der ständige Russ von Kerzen und die vielen Weihrauchschwaden das Gesicht der Statue in der Gnadenkapelle dunkel gefärbt hatten.
In den folgenden Jahrzehnten war der Sessel eine mit Stolz gezeigte Trophäe. Sein endgültiges Schicksal ist jedoch unklar. Florens Deuchler schreibt in seinem 1963 erschienen Standardwerk über die Burgunderbeute, dass er beim Klosterbrand von 1577 ein Opfer der Flammen geworden sei (S. 55). Franz Haffner (1609-1671) hingegen meinte in seiner 1666 publizierten Schrift „Der klein Solothurner Allgemeine Schaw-Platz“, dass er zu seiner Zeit noch zu bewundern gewesen sei: „[…] ein gantz silbern vergulter Sessel, den hat man unser lieben Frawen zu Einsidlen verehrt und den Altar damit geziert, wie noch zu sehen“ (S. 394). Freilich stellt sich die Frage, ob der Solothurner Chronist den Sessel tatsächlich mit eigenen Augen in Einsiedeln gesehen oder lediglich davon gehört hat – und fälschlicherweise davon ausgegangen ist, dass er dort immer noch zu bestaunen sei.
Heute existiert das Kleinod auf alle Fälle nicht mehr.
