Benediktsregel 48,7-8: Wenn es die Ortsverhältnisse oder die Armut fordern, dass sie die Ernte selber einbringen, sollen sie nicht traurig sein. Sie sind dann wirklich Mönche, wenn sie wie unsere Väter und die Apostel von ihrer Hände Arbeit leben.
Der zeitliche Kontext, in dem der heilige Benedikt gelebt und seine Regel verfasst hat, ist der Umbruch von der spätrömischen Antike zum Beginn des frühen Mittelalters. Erstaunlich ist für diese Zeit, dass Benedikt der Handarbeit einen so wertschätzenden Stellenwert beimisst und auch die Feldarbeit als unverzichtbar für den monastischen Alltag bezeichnet. Im römischen Denken waren derartige Tätigkeiten meist verachtet, und jene Menschen, die sie ausübten, ebenso. Ein gebildeter Bürger brauche sich nicht mit etwas so Einfachem wie der Einbringung der Ernte zu beschäftigen, das sollen doch die Sklaven erledigen.
Der benediktinische Zugang ist hierbei ein fundamental anderer: Es geht nämlich nicht nur darum, dass diese Arbeiten irgendwie verrichtet werden, Hauptsache das Bedürfnis nach Essen sei gestillt; vielmehr ist die Arbeit mit den eigenen Händen gemäss der Regel eine wesentliche Eigenschaft eines Mönchs. Auch Benedikt selbst hat sich als Oberer seines Klosters davon nicht ausgenommen, sondern gemeinsam mit seinen Brüdern auf dem Feld gearbeitet, wie durch das zweite Buch der Dialoge von Papst Gregor dem Grossen überliefert ist (vgl. Kapitel 32,1).
Der heilige Benedikt hatte einen umfassenden Blick für die Wirklichkeit, bei der die Handarbeit und die geistigen Tätigkeiten nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern in Einheit aufeinander hingeordnet sind. Ein benediktinischer Mönch hat vielseitige Qualitäten und soll dabei stets auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Denn eine reichhaltige theologische Bildung und das ausführliche Studium der Schriften tragen dazu bei, dass man im Glauben wachsen und in seiner Gottsuche voranschreiten kann. Die Handarbeit hingegen trägt zur Erfüllung der täglichen Bedürfnisse bei, lehrt Demut und ermöglicht das Sammeln von praktischen Erfahrungen des Lebens.
Ich frage mich, wie wir heutzutage auf diese Thematik schauen, denn die menschlichen Grundbedürfnisse sind grundsätzlich dieselben geblieben. Auch wenn wir das vielleicht nur ungern zugeben, aber betrachten wir Akademiker nicht als viel wichtigere Berufe? Wäre für mich die Arbeit auf dem Feld zu gering, zu schmutzig, zu belanglos? Sollen das nur die billigen Arbeitskräfte aus Osteuropa erledigen, weil ich selbst dafür zu fein bin?
Wenn ich das heidnisch-römische Denken wirklich überwinden und mich in die Tradition des heiligen Benedikt stellen will, dann muss ich bereit sein anzupacken und den Blick auf die Arbeit mit den eigenen Händen – vor allem auf dem Feld – zu verändern. Oder wie der Apostel Paulus schreibt: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.» (2 Thess 3,10b)
Matthias Gatt, 20 Jahre, Student der katholischen Theologie an der Universität Innsbruck.
