Benediktsregel 40,1-3: «Jeder hat seine Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Deshalb bestimmen wir nur mit einigen Bedenken das Mass der Nahrung für andere. Doch mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schwachen meinen wir, dass für jeden täglich eine Hemina Wein genügt.»
Das vorliegende Kapitel der Benediktsregel beginnt mit einem Zitat aus dem ersten Korintherbrief (1Kor 7,7). Obwohl sich diese Worte des Apostels Paulus auf fast alle Lebensbereiche übertragen lassen, behandeln sie im ursprünglichen Kontext die Vielfalt der christlichen Berufungen. Paulus betont dort, dass jede dieser Lebensformen ihren berechtigten Platz vor Gott einnimmt.
Der heilige Benedikt hingegen bezieht das paulinische Zitat auf seine Vorschriften zum Weinkonsum. Er mahnt zur Vorsicht, wenn verbindliche Normen für alle erlassen werden sollen, da jeder Mensch andere Gnadengaben besitzt. Während der eine in einem bestimmten Bereich Stärken zeigt, bringt ein anderer an anderer Stelle mehr Qualitäten ein. Dies gilt für geistliche Güter – wie gleichwertige Berufungen – gleichermassen für disziplinarische Fragen wie nach dem rechten Mass beim Alkohol.
Meiner Meinung nach sind diese Worte wie so oft eine Aufforderung, sich auf das eigene Leben zu fokussieren, anstatt über die Lebensentwürfe der anderen zu urteilen oder sich in deren Alltagsentscheidungen einzumischen. Denn jeder Mensch hat seine ganz eigenen, von Gott geschenkten Gnadengaben.
Inhaltlich konzentriert sich der heilige Benedikt an dieser Stelle auf das rechte Mass, das in seiner Regel ein grundsätzliches Leitmotiv ist und anhand dessen sich die Entscheidungen messen lassen müssen. Besonders spannend finde ich dabei den Weitblick des heiligen Benedikt: Er war sich schon im 6. Jahrhundert der individuellen Einzigartigkeit jedes Mönchs bewusst. So wird die Benediktsregel zu einem echten Spiegel für gelebte Praxistauglichkeit, die uns auch heute noch viel zu sagen hat.
Matthias Gatt, 21 Jahre, Student der katholischen Theologie an der Universität Innsbruck.
