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In der Kolumne «Meine Benediktsregel» teilen verschiedene Autorinnen und Autoren, die mit unserem Kloster verbunden sind, in kurzen Texten ihre Gedanken darüber, wie sie die Benediktsregel als Inspiration für ihr Leben ausserhalb von Klostermauern zu nutzen versuchen.

Über begangene Fehler im Vertrauen mit jemandem reden (Benediktsregel 46,5f.)

"Handelt es sich aber um eine in der Seele verborgene Sünde, eröffne er sie nur dem Abt oder einem der geistlichen Väter, der es versteht, eigene und fremde Wunden zu heilen, ohne sie aufzudecken und bekannt zu machen." (Benediktsregel 46,5f.)

Ich habe mir für meine Gedanken jenen Text aus der Benediktsregel ausgesucht, den die benediktinische Leseordnung für den heutigen 26. März vorsieht. Aus dem Kapitel 46 sprechen mich dabei besonders die zitierten Verse 5 und 6 an.

Wer kennt meine in der Seele verborgene Sünde, wenn nicht ich selbst? Dass ich mich mit ihr befasse, braucht erst einmal Überwindung, endlich genau hinzusehen. Dabei suche ich für mein Tun und Lassen häufig Ausreden, die nicht wasserdicht sind, und drehe die Situation in alle möglichen und unmöglichen Positionen, damit ich irgendwie doch in gutem Licht stehe. Aber alles Licht der Welt nützt nichts: meine Verfehlung wirft Schatten.

Benedikt kennt die Situation nur zu gut. Er schickt uns zum geistlichen Vater, der es versteht, eigene und fremde Wunden zu heilen, ohne sie aufzudecken und bekannt zu machen.

Auch geistliche Väter scheinen also in der Seele verborgene Sünden zu haben und haben dadurch den Umgang mit ihnen von ihren eigenen geistlichen Vätern erlernt. Eigene Wunden zu heilen, verstand auch der heilige Benedikt. Dabei demütig zu werden, scheint mir nichts an Aktualität verloren zu haben. Die Anweisung, fremde Wunden zu heilen, ohne sie aufzudecken und bekannt zu machen, wurde in der Kirchengeschichte allerdings oft auch missverstanden, wie uns die Aufarbeitung der Vergangenheit gelehrt hat.

Auch eine andere Weisung des heiligen Benedikt, sich den Tod täglich vor Augen zu führen, bringe ich mit dieser Stelle in Verbindung: Meiner eigenen Endlichkeit bewusst zu sein, heisst für mich, mich auch meiner eigenen Verfehlungen bewusst zu werden. Anderen zuhören zu können, ohne deren Verfehlungen aufzudecken und bekannt zu machen, lässt so den anderen, aber auch mich heil werden.

Zur Autorin: Marlies, Berglerin und Bloggerin, Jahrgang 1975, Mutter vier erwachsener Kinder und Oblatin des Klosters Einsiedeln.

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