Der Einsiedler Pater Joseph Dietrich (1645–1704) hat in den Jahren von 1670 bis 1704 in nicht weniger als 18 Bänden auf rund 12'000 Seiten ein handschriftliches, offiziöses, meist chronikartiges „Tagebuch“ verfasst. Diese monumentale Quelle ist in ihrer Bedeutung für die Zentralschweiz einmalig und wurde somit im Rahmen eines Nationalfondsprojekts an der Abteilung für Wirtschafts-, Sozial-, und Umweltgeschichte (WSU) an der Universität Bern absolut zurecht in Form einer digitalen Edition veröffentlicht und frei im Web präsentiert.
Der Historiker Lukas Heinzmann ist ein wichtiger Erforscher und Editor des „Tagebuchs“ und analysiert nun in seiner detailgenauen, gut leserlichen, vielleicht stellenweise etwas lang geratenen (allgemeiner, klostergeschichtlicher Teil) Dissertation mit dem Haupttitel „Beten, beobachten, berichten“ einige zentrale Aspekte des Dietrichschen „Tagebuchs“, das sicher auch Auftragswerk seitens der Äbte war und nachgeborenen Klosterhistorikern wie Pater Magnus Helbling (1866-1920), Pater Rudolf Henggeler (1890-1971) oder bereits Pater Odilo Ringholz (1852-1928) als wertvolle Quelle diente. Oftmals aber wurden in älteren Beiträgen einzelne Anekdoten, die Pater Joseph Dietrich oft als Augenzeige geschildert hat, ohne grossen Zusammenhänge herausgepickt, gewissermassen Rosinenpickerei, auch zur Erheiterung oder zur Erbauung der Leserschaft. Doch das Werk Joseph Dietrich ist mehr, viel mehr, sollte ganz bestimmt als Gesamtkunstwerk gelesen werden. Zu diesem Zweck stützt sich Autor und Historiker Dr. Lukas Heinzmann auf die Digital Humanities, auf die Hilfe computergestützter Analyse, auch auf KI. Die Beherrschung und Verbesserung solcher Programme ist eine grosse Leistung, die nicht ausreichend genug gewürdigt werden kann.
Joseph Dietrich stammte aus einer recht wohlhabenden Familie aus der katholischen Kleinstadt Rapperswil. Schon der Grossvater und der Vater hinterliessen chronikartige Selbstzeugnisse, der Vater Johann Peter Dietrich, der auch wichtige öffentliche Rapperswiler Ämter inne hatte, hat über die blutige, vom See aus erfolgte Belagerung Rapperswils durch Zürich im Jahre 1656 berichtet. In der Familie legte man Wert auf Bildung und Ausbildung, sodass der Lehrerberuf recht verbreitet war.
Von 1661 bis 1669 absolvierte Joseph Dietrich das Noviziat im Stift Einsiedeln. Seine Laufbahn im Kloster entwickelte sich anschliessend auf administrativem Gebiet. Sein Aufstieg innerhalb der Klosterhierarchie erfolgte unter Abt Augustin (von) Reding, der den jungen, intelligenten und arbeitsamen Mann für Verwaltungsaufgaben ausbilden liess. Das „Tagebuch“ enthält denn auch zahlreiche Abschriften von Rechtstiteen, Urkunden, Privilegien, ist somit gewissermassen auch eine Rechtsquelle.
Nach zwei Jahren in der Bibliothek avancierte Dietrich 1673 zum Vizeregistrator im Archiv, dann zum Direktor der Stiftsdruckerei, ein bereits hohes Amt. 1681 wurde er zum Stiftsstatthalter ernannt, was einer Schlüsselposition gleichkam. Er war für die klösterliche Hauswirtschaft verantwortlich, hatte also sehr viel mit der „äusseren“ Welt zu tun. Gleichzeig hatte er am monastischen Leben teilzunehmen. Dies ergab ein Spannungsfeld, das sich auch im Tagebuch niederschlug.
Unter Abt Raphael Gottrau wurde Joseph Dietrich Statthalter von Pfäffikon, bekleidete also erneut ein wichtiges Amt. Das Verhältnis zum Abt war aber nicht unproblematisch, wahrscheinlich auch nicht während des Aufenthalts von Dietrich in Freudenfels, der auch von gesundheitlichen Problemen begleitet war. 1698 erfolgte unter Abt Maurus von Roll die Rückberufung nach Einsiedeln. Als Abt kam Dietrich selbst bei der Wahl trotz einiger Stimmen wegen seines fortgeschrittenen Alters kaum mehr in Frage, zumal wie gesagt seine Gesundheit angeschlagen war. Der Rapperswiler wurde zunächst Kellermeister, dann Kapitelssekretär und Konventbeichtvater, schliesslich Kustos/Schatzmeister, dem die heiligsten Gegenstände und das Konventsiegel anvertraut wurden, also sehr ehrenvolle, prestigeträchtige Tätigkeiten, die auch vom Vertrauen zeugen, das der Konvent Joseph Dietrich entgegenbrachte. Insgesamt war Dietrich sicherlich ein sozialer Aufsteiger, aufgestiegen vom Rapperswiler Bürgerssohn zu einem der höchsten Einsiedler Würdenträger.
Pater Joseph Dietrich war gut informiert über Lokales, Regionales, Nationales und Internationales, schrieb über Episoden aus dem Konvent ebenso wie über renitente „Waldleute“ oder übder den Spanischen Erbfolgekrieg. Er pflegte ein Beziehungsnetz zu diversen anderen Gelehrten aus der ganzen Eidgenossenschaft und darüber hinaus. Schreiben war sicher manchmal eine Mühsal, doch hielt es ihn gemäss eigenen Worten auch vom „Müssiggang“ ab, der bekanntlich nach der Bibel aller Laster Anfang ist.
Lukas Heinzmann konzentrierte sich in seinen eigenen Forschungen zum monumentalen Text auf die historische Klimaforschung, auf Wind und Wetter, wohlwissend, dass kein so hoch gelegener Ort derart gut dokumentiert ist wie Einsiedeln. Heinzmann war hier sicher vom Berner Professor Christian Pfister und dessen historischer Klimaforschung beeinflusst. Dietrichs Beobachtungen zu Wetter und Klima sind präzise, beinahe „modern“ und wissenschaftlich. Doch dies ist nur ein Aspekt dieser faszinierenden Quelle, die nun erschlossen und der Forschung für weitere Fragestellungen zugänglich ist.
Heinzmann, Lukas. Beten, beobachten, berichten. Textgenetische und klomageschichtliche Auswertung des Einsiedler Kloster-Tagebuchs von Pater Joseph Dietrich, 1670 – 1704. Basel: Schwabe Verlag 2025, 549 Seiten.
Dr. phil. Fabian Brändle, Wil SG, Historiker und Volksschriftsteller
