«Diese Menschen fürchten den Herrn und werden wegen ihrer Treue im Guten nicht überheblich; sie wissen vielmehr, dass das Gute in ihnen nicht durch ihr eigenes Können, sondern durch den Herrn geschieht» (Benediktsregel Prolog, 29)
Kürzlich habe ich eine Predigt gehört, in der gemahnt wurde, Gutes zu tun. Als Christen wird von uns erwartet, nicht nur gut zu sein zu unseren Familien, Freunden und Bekannten. Wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeige, ginge die christliche Lehre weiter: man müsse auch zu Feinden und Fremden gut sein.
Das verstand ich nicht so recht. Würde das nicht heissen, dass ich mich mit guten Taten selbst zur guten Christin aufschwingen könnte? Dann könnte ich mir jedes Mal, wenn ich einem Fremden einen Dienst erweise, selbst auf die Schulter klopfen? Aber für wen tue ich dann die gute Tat? Für den Fremden oder für mich selbst?
Ich holte also meine Benediktsregel hervor, um zu sehen, was der grossartige Menschenkenner Benedikt dazu zu sagen hat. Und siehe da: Ich wurde schon im Prolog fündig: «Diese Menschen fürchten den Herrn und werden wegen ihrer Treue im Guten nicht überheblich; sie wissen vielmehr, dass das Gute in ihnen nicht durch ihr eigenes Können, sondern durch den Herrn geschieht.» (Prolog, 29)
Warum wissen diese Menschen, dass das Gute nicht durch ihr eigenes Können geschieht? Weil eine gute Tat erst dann zur guten Tat wird, wenn ich sie nicht für mich selbst, sondern für den anderen tue. Das kann ich niemals selbst bewerkstelligen, diese Fähigkeit ist bei jeder wirklich guten Tat ein Geschenk Gottes.
Zur Autorin: Verena, Jg. 1967, ist selbständigerwerbend, Mutter dreier erwachsener Kinder und Oblatin des Klosters.
