Jeweils am Wochenende zu Beginn des Advents finden in Einsiedeln die Adventseinkehrtage des Freundeskreiseses Hans-Urs von Balthasar statt. Es ist brauch, dass der priesterliche Referent dieser Besinnungstage im Konventamt die Predigt hält. Heuer war dies Professor Dr. Manuel Schlögl, Dogmatiker und Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und ökumenischer Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie. Hier seine Predigt:
„Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele“ – mit diesem Psalmvers beginnt im Messbuch die Liturgie des Ersten Advents.
„Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele“. Der Advent, so macht dieser Vers deutlich, ist nicht einfach ein bestimmter Zeitabschnitt so wie ein Monat oder eine Jahreszeit. Der Advent ist eine Weise zu leben, die eigene Seele, das heißt: sich selber, tiefer zu verstehen und neu auszurichten.
„Zu Dir, Herr.“ In früheren Zeiten hat man Autoritätspersonen mit „Sie“ angesprochen, selbst, wenn es die eigenen Eltern waren. Auch Therese von Lisieux sprach Gott noch mit „vous – ihr“ an.
Doch schon der Psalmist wagt es, den ewigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, „Du“ zu nennen, sich ihm ganz vertraut zuzuwenden, sich im Gebet von ihm hinaufziehen zu lassen auf die Augenhöhe Gottes, in seinen Blick auf die Welt.
Advent bedeutet als erstes dies: sich Gott neu zuzuwenden, ihn als Du wiederzuentdecken, im Gebet zu ihm hinaufzusteigen wie auf einen großen, geheimnisvollen Berg.
Diese Berührung mit Gott macht dann auch etwas mit uns Menschen. „Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele.“ Die Seele, der ganze innere Mensch, wird freigelegt, wenn wir uns im Gebet Gott zuwenden.
Eine Ordensfrau der Vorsehungsschwestern in Münster, in deren Mutterhaus ich drei Jahre lang lebte, hat mir erzählt, wie sie in den Tagen ihrer Krebserkrankung immer wieder den Psalmvers betete: „Wach auf, meine Seele!“ Im Laufe ihres Ordenslebens hatte sie die Wachsamkeit ein wenig verloren, hatte außerhalb ihrer Gemeinschaft gelebt und sich viel mit weltlichen Dingen beschäftigt.
Durch die Krankheit hat sie Gott noch einmal neu entdeckt, hat genau hingehört bei der Hl. Messe am Morgen und sich immer wieder gefragt, ob ihre Seele schon aufgewacht, ob sie selber wach genug ist, um Gott wirklich zu begegnen.
Das Hinaufgehen und das Wach-Werden sind die beiden Grundmotive, die sich durch alle drei Lesungstexte ziehen. Der Prophet Jesaja schaut voraus auf das Ziel der Geschichte: die Wallfahrt aller Völker, aller Menschen zum Zion. In der Begegnung mit Gott finden sie Weisung für ihr Leben, legen ihre Schwerter und Lanzen ab.
Wie weit weg sind wir im Jahr 2025 von solchem Frieden! Und doch ist er möglich, wo einzelne Menschen eine Friedensmission beginnen, wo einzelne Politiker darauf verzichten, nur dem eigenen Interesse zu folgen.
Dazu aber braucht es ein Christentum, das selbst aus „Wort und Weisung des Herrn“ lebt, das die Stimme Gottes in der Welt wach hält.
Advent feiern wir Christen nicht nur für uns, wir feiern ihn für alle, wir üben uns stellvertretend für alle ein im Hören auf Gott, im Werben um den Frieden, in der Botschaft von der Versöhnung.
Wie uns das ganz konkret betrifft, zeigt Paulus im Römerbrief.
Advent bedeutet für jeden von uns, „die Werke der Finsternis abzulegen“. Uns von allem trennen, von dem wir nicht wollen, dass es ans Licht kommt, weil wir uns dafür schämen müssten.
Uns nicht einfach anpassen an die Kompromisse und Halbwahrheiten, die unsere Gesellschaft prägen, sondern wahrhaftig leben als „Kinder des Lichts“, die sich nicht verstecken müssen, die sich sehen lassen können, denen man ihre Christusfreundschaft ansieht und glauben kann.
Dazu aber müssen wir, wie Jesus im Evangelium mahnt, „wach“ und „entschieden“ leben. Warum von den Menschenpaaren bei der Feldarbeit oder an der Mühle einer mitgenommen und einer zurückgelassen wird, erklärt Jesus nicht weiter. Es hat wohl mit der Wachsamkeit zu tun. Der eine ist so von seiner Arbeit, seinen Gedanken, seinen Plänen bestimmt, dass er den Ruf des Herrn nicht hört und zurückbleibt. Der andere ist genauso beschäftigt, genauso erschöpft – und hat doch ein waches Herz behalten, das die Stimme des Herrn kennt und sie hört, als sie erklingt.
Das Ohr unseres Herzens wieder ausrichten
auf die Stimme des Herrn,
auf die stille Gegenwart seines Heils mitten im Unheil der Welt,
auf seine bittende Hand, die er uns entgegenstreckt in der Not und der Angst unserer Schwestern und Brüder
- das wäre ein Advent, der unsere Seele wach werden lässt und erhebt, so dass sie Gott erwarten und sich über sein Kommen freuen kann. Amen.
