Lieber P. Meinrad, liebe Schwestern und Brüder,
Du hast ein kleines Interview gegeben für Eure Website. Auf die Frage, was Dich vor der Weihe mit Respekt erfülle, hast Du geantwortet: „… mit meinen Vorstellungen und Schwächen Gott im Weg stehen zu können“; aber dass Du im Bewusstsein, dass Gott auf krummen Zeilen gerade schreibt, selbst mit Deiner schiefen Handschrift – wir alle wissen, wovon Du sprichst… - Dich in Gottes Hände gibst.
IM ANGESICHT DER SCHWÄCHE
Die Begegnung mit dem Großen und Heiligen – und eine solche ist die Priesterweihe – lässt einen umso tiefer die eigene Schwäche und Unzulänglichkeit erkennen. Manchmal möchten wir wie Petrus sagen: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein Sünder!“(Lk 5, 8)
Mit der Weihe ist Dir das Größte überhaupt, Christus, buchstäblich in die Hände gegeben – und umso mehr kann man sich fragen: „Warum mir – in all meinenn Schwächen und Unzulänglichkeiten? Ist Gott in seiner Personalplanung so nachlässig, dass ich Teil davon bin?“
Zu unserer eigenen Schwäche kommt in unserer Zeit noch eine strukturelle dazu. Im Missbrauchsskandal ist die Schwäche und das Versagen der Kirche überdeutlich geworden, ihre Blösse sind offengelegt und ihre Glaubwürdigkeit diskreditiert. Viele machten das am Priesteramt fest – und deshalb votierte eine knappe Mehrheit im synodalen Weg in Deinem Heimatland Deutschland dafür, dass man diskutieren solle, ob das Priesteramt wirklich notwendig und sinnvoll sei.
Sozusagen eine doppelte Schwäche als Bürde für Deinen Start als Priester: das Bewusstsein der persönlichen Schwäche wie auch die Institution.
DER WEG DER NACHFOLGE GEHT ÜBER DEN NULLPUNKT
Schwächen scheinen uns in der Gesellschaft als etwas, was wir vor allem zu bearbeiten oder zu überwinden haben – oder was wir wenigstens überspielen, damit es keiner merkt. Der Weg des Petrus zeigt uns einen anderen Weg – einen geistlichen.
Dabei ist dieser Weg des Petrus zunächst ein Weg der Stärke: „Und wenn ich mit Dir sterben müsste, so werde ich Dich nicht verraten“ (Mt 26, 35). Im heutigen Evangelium bekennt er Jesus als Messias; der Hintergrund dieses Bekenntnisses ist jedoch der eines Christus, der strahlend, überlegen und herrschend ist. Am Karfreitag bricht das alles wie ein Kartenhaus zusammen. Jesus endet angenagelt, nackt, machtlos – und Petrus, „der Fels“, als ängstlicher Verräter. Das Bemerkenswerte aber ist: Erst durch diese Erfahrung hindurch wird Petrus wirklich „der Fels“ der Kirche; erst dadurch wird aus dem vorlauten Besserwisser der, der Platz macht für den wahren Christus, und „zwar als den Gekreuzigten“ (1 Kor 2, 2). Auf sein Liebesbekenntnis hin beauftragt der Auferstandene ihn neu. „Weide meine Schafe!“ (Joh 21,15-19). Aber er tut das am Kohlenfeuer – am Ort der Erinnerung der Verleugnung, der Erinnerung der Schwäche.
Der Weg der Nachfolge und der Sendung geht über den Nullpunkt! Das Ego des Petrus, sein Leben aus dem Eigenen heraus musste sterben, damit er sich wirklich in die Nachfolge geben konnte: dass nicht sein Ego predigt und wirkt, sondern die „Gnade in der Schwachheit“ (2 Kor 12, 9), wie Paulus es beschreibt - und der musste es wissen, denn er hatte einen ganz ähnlichen Weg wie Petrus über den Nullpunkt. Und so zeigt sich etwas wie ein Gesetz.
Die französische Philosophin und Mystikerin Simone Weil hat dieses Gesetz so beschrieben: „Nicht der „elan vital“ (die geschöpfliche Lebenskraft) kann erlösen: Eva und Adam wollten die Göttlichkeit in der Lebenskraft suchen. Aber ... das Geheimnis unserer Verwandtschaft mit Gott muß in unserer Sterblichkeit gesucht werden ... Gott gleichen, aber dem gekreuzigten Gott“. Das genau ist der Weg des Weizenkorns, der eucharistische Weg – der Weg, der Dir gestern ins Herz geschrieben wurde: „Bedenke, was du tust, ahme nach, was du vollziehst und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes“. Lebendig wird Dein Dienst, wo Du Dich unter dieses Geheimnis des Kreuzes stellst, das heißt immer wieder auch: wo etwas in Dir sterben darf.
In dieser Linie hat Joseph Ratzinger die priesterliche Identität ganz stark vom johanneischen Jesus her entwickelt: Nicht ich, sondern der Vater (vgl. Joh). Die priesterliche Spiritualität als eine „Nicht“-Spiritualität: Nicht ich, sondern Du. Nur wenn Du das vollziehst, vollziehst Du, was Dir aufgetragen ist: „in persona Christi“ zu wirken; leer von Dir selbst Ihm deine Hände, deine Zunge und deine Augen zu geben, damit Er wirken und sprechen kann – durch deine Worte: „Ich spreche dich los“; „das ist mein Leib“. Wie oft ist es mir im Beichtstuhl passiert, dass ich bei schwierigen Problemen dachte: „Da weiß ich auch nicht, was ich beim Zuspruch sagen soll. Hilf mir, Heiliger Geist!“ Und es war oft erstaunlich, was dann plötzlich aus meinem Herzen und aus meinem Mund kam – eben nicht von mir...
Voraussetzung für den Eintritt in diese Bewegung Christi ist aber Wahrhaftigkeit, d.h. eine echte Menschwerdung und „Gott Gott sein lassen“ (Johannes Tauler) (Beides gehört bei der hl. Caterina von Siena in der Zelle der Selbsterkenntnis wie Himmel und Erde zusammen!) – und damit verbunden eine gute Selbst-Relativierung. Relativierung in einem doppelten Sinn: Sich selbst nicht als Hauptbezugpunkt zu nehmen; und zweitens in relatio, Beziehung zu Anderen zu treten, vor allem zu Christus. (Mit Simone Weil: „Sich seiner falschen Göttlichkeit entleeren, sich selbst verneinen, darauf Verzicht tun, sich in seiner Einbildung für den Mittelpunkt der Welt zu halten, alle Punkte der Welt als ebenso viele gleichberechtigte Mittelpunkte und den wahren Mittelpunkt als außerhalb der Welt gelegen erkennen, heißt, einverstanden zu sein mit der Herrschaft der mechanischen Gesetze der Materie und der Wahlfreiheit jeder Seele. Dieses Einverstandensein ist Liebe.“)
Damit Du wirklich das nachahmst, was Du vollziehst, nämlich: liebende Hingabe, braucht es dieses Raum-Geben für das Andere, für Gott. Deshalb ist das Gebet das Wichtigste, damit Du nicht Dich selbst predigst (vgl. 2 Kor 4, 5), sondern Christus. Mir hat es damals sehr zu denken gegeben, dass Benedikt XVI. einmal formuliert hat: „Mein wichtigster Dienst ist der Gebetsdienst“. Man möchte meinen, dass der Papst Wichtigeres zu tun habe, was nur er machen kann – beten können doch auch andere! Aber doch ist das das Entscheidende: Dass Er in der Mitte ist und bleibt. „Ohne das persönliche Gebet können wir keine guten Priester sein, sondern es geht das Wesentliche unseres Dienstes verloren“ (Benedikt XVI.).
LIEBE IN SCHWÄCHE – SAKRAMENTE ALS VERWANDELNDE AUFMERKSAMKEIT
Das Gebet – und das tiefste aller Gebete: die Eucharistie – hilft uns aber auch, nicht das Kreuz zu fliehen, sondern es zu umarmen und wirklich uns ins Kreuz der Menschen zu geben, um dort Christus zu suchen und ihn dorthin zu bringen. Im Kreuz und in der Schwäche sucht uns Christus – und sucht Christus den Menschen in seinen Sakramenten. Das zusammenzubringen ist unsere Aufgabe als Christen, als Priester. Karl Rahner hat tief formuliert: „Wir müssen Priester sein, die beten, die betend die Finsternis des Lebens aushalten, selbst wenn ihr Gebet Teilnahme an der Ölbergangst Jesu und am Gebet des Gottverlassenen am Kreuz ist“. „Das Christentum ist nicht die Religion, die alle Welträtsel löst, sondern die Religion, die dem Menschen in der Gnade Gottes den Mut macht, sich und sein Leben in das unbegreifliche Geheimnis hineinzubergen und zu glauben, dass dieses Geheimnis Liebe ist. [...] Der Priester muss in einem sehr deutlichen Maße ein Liebender sein, der nicht sich sucht.“ Sich, seine Kämpfe, seine Schwächen, seine Zweifel „in das unbegreifliche Geheimnis hineinzubergen und zu glauben, dass dieses Geheimnis Liebe ist“ – das ist genau die Erfahrung des Petrus: im Gekreuzigten in seiner Schwäche hineingeborgen und verwandelt zu sein. Der Auferstandene schenkt ihm allein seinen liebenden Blick, seine Aufmerksamkeit in diesem Moment am erneuten Kohlenfeuer und das verwandelt ihn – auch wenn der Stachel der Verleugnung, der Stachel der Erfahrung der Schwäche wie bei Paulus (2 Kor 12) nicht gezogen wird. Und das hat einen tiefen Grund! Noch ein letztes Mal Simone Weil: „Nicht wünschen, daß irgendeine unserer Erbärmlichkeiten verschwinde, sondern die Gnade erbitten, die sie verwandelt... Versuchen, seinen Fehlern durch die Aufmerksamkeit abzuhelfen und nicht durch den Willen (... Ein mögliches Böses lange Zeit zu betrachten, ohne es zu vollbringen, bewirkt eine Art von Transsubstantiation. Widerstrebt man ihm nur mit endlicher Kraft, so erschöpft diese Kraft sich in einer gegebenen Zeit, und wenn sie erschöpft ist, erliegt man der Versuchung. Bleibt man unbeweglich und aufmerksam, dann hingegen erschöpft sich die Versuchung - und man empfängt die aufgestaute Kraft).“
Die Sakramente, die Du jetzt spenden darfst, sind genau diese verwandelnde Aufmerksamkeit: Gegenwart, liebende Gegenwart Gottes, die eine Wirklichkeit auf Ihn hin aufbricht – und den in sich verkrümmten Menschen aufbricht, um ihm heilende, wieder-verbindende Gegenwart zu schenken, den Menschen in das „Jetzt Gottes“ (Meister Eckhart) zu heben.
Diese Aufmerksamkeit: Hingabe an das Jetzt des Nächsten und Gottes soll auch deine Grundhaltung als Priester werden: Nicht ich, sondern Du. Hingabe (was letztlich ein anderes Wort für Aufmerksamkeit ist: eine Aufmerksamkeit, die sich gibt als Gabe), Hingabe an das Du, auch gerade in seinem Kreuz und an den Bruchlinien des Lebens – damit Gott in diese Brüche hinein Seine heilende Gegenwart schenken kann; damit Seine Sehnsucht Wirklichkeit werden kann: Seine Sehnsucht nach dem lebendigen Menschen (Irenäus von Lyon).
Als Spender der Sakramente darfst Du diese Sehnsucht Gottes mit der der Menschen zusammenbringen – und du darfst dies tun als einer, der selbst in seinem Weg diese heilende Kraft der Aufmerksamkeit Gottes erfahren hat, die Dich gestärkt und aufgebaut hat. Und Gott wird auch Deine Schwäche in sein Werk einbeziehen, wenn Du sie ihm gibst – und Du wirst erfahren: Sie werden zu Brücken werden, über die Gott und die Menschen zueinander kommen können.
Dazu helfe Dir Gott, der an Dir Großes getan hat (Lk 1, 49) und jetzt als Priester tut – auch und gerade durch Deine Schwäche hindurch. Amen
