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Predigt von P. Theo Flury anlässlich der Bestattung von P. Gregor Jäggi

Liebe Trauerfamilie, liebe Mitbrüder, liebe Brüder und Schwestern

Unser Ordensgründer, der heilige Benedikt, mahnt im vierten Kapitel seiner Regel (RB 4,47): «Den drohenden Tod sich täglich vor Augen halten.» In der Begegnung mit dem ablaufenden Sterbeprozess eines geliebten Menschen wird uns besonders deutlich ein Spiegel vorgehalten, in dem wir uns selbst als Betroffene und vielleicht Bangende erkennen. Die wichtige Frage ist dabei wohl weniger die vordergründige: «Wie werde ich sterben?» als vielmehr die hintergründige: «Wie lebe ich angesichts der Endlichkeit meines irdischen Daseins?»

P. Gregor war ein verlässlicher Mensch. Wer ihn gekannt hat, war beeindruckt von seiner Gradlinigkeit, seinem kompromisslosen Hören auf sein Gewissen. Ist nicht gerade das Gewissen der rote Faden, der uns sicher durch das Labyrinth des Lebens führen kann? Nicht jede Wahl ist doch gleich gut, gleich gültig. 

Moralisch gut leben ist wichtig und kann uns einen gewissen inneren Frieden durch die Übereinstimmung unseres Tuns mit bestimmten Werten schenken. Aber das ist keine ausreichende Antwort auf die Anfragen des Lebens, zu dem auch der Tod gehört. So ringt Albert Camus, der existentialistische Philosoph, in seinem Roman «Die Pest» mit der Tatsache, dass Gute und Böse, kleine unschuldige Kinder und Verbrecher, gleichermassen blind aus dem Leben gerissen werden.

Menschen, die, anders als Camus, an Gott glauben können, wissen zwar um das unausweichliche Ende des irdischen Lebens aller Geschöpfe, aber sie vertrauen darauf, dass sie im Tod nicht endgültig vom Nichts verschluckt werden, dass sie nicht vergessen und verlassen aus Sinn und Sein fallen. Sie glauben, dass sie gewissermassen in das unendliche Gedächtnis Gottes hineinsterben und dort aufgehoben sind – bis hin ins kleinste und scheinbar unbedeutendste Detail ihrer Biografie. In Gott, in dem wir, nach dem heiligen Paulus, leben, uns bewegen und sind (Apg 17,28), sind wir auf ewig gehalten, wahrgenommen und erkannt.

Den Menschen hingegen, die sogar glauben, dass sich der unendliche und jenseitige Gott in Jesus Christus geoffenbart hat, erkennen in ihm die menschgewordene Barmherzigkeit und Liebe Gottes, die sich, erhöht am Kreuz, erlösend über alle Zeiten und Räume verströmt hat, und die mit ihren Massstäben richtet und aufrichtet. Im Hohen Lied des Alten Testaments lesen wir, die Liebe sei stark wie der Tod. Das Neue Testament hingegen ist gleichsam eine einzige ausführliche Fussnote zum unausgesprochenen Satz, dass die Liebe stärker sei als der Tod: denn auf den Tod am Kreuz folgt die Auferstehung aus dem Grab, die von Gott gewirkte endgültige Überwindung von Sünde, Leid und Tod. Wer getauft ist, trägt das Siegel Jesu an sich und wird ihm gleichgestaltet sein im Tod und in der Auferstehung. 

Was sollten wir vielleicht gelegentlich in einer stillen Stunde vertiefend bedenken? 

Zum einen dies: Gutes Leben und Sterben sind erheblich auf Mass und Lot des Gewissens angewiesen.  

Weiter bedeutet das tägliche Sich-Vor-Augen-Halten des Todes gerade nicht, dass das Leben ein lähmend langweiliger Wartesaal wäre: Es ist vielmehr ein Werk. Gott, der Schöpfer, erwartet von uns Mitschaffenden, dass wir die von ihm anvertrauten Talente nicht vergraben, sondern mutig und engagiert mit ihnen arbeiten – so gut wir dies nur vermögen (vgl. Mt 25,14-30). Wir dürfen auch darauf vertrauen, dass alles diesseitig Vergängliche in Gottes Gedächtnis unverlierbar aufgehoben sei. 
Schliesslich ist uns gesagt, dass, wer in Jesus Christus stirbt, auf ein ewiges Leben hoffen darf. Darüber wissen wir nur im Glauben, dass wir, mit Jesus vereint, aus Gnade in Gott ankommen dürfen und dort nicht nur aufgehoben, sondern sogar wunderbar vollendet werden. Es geht dabei, vom christlichen Glauben aus betrachtet, um eine Verwandlung von Grund auf: «Siehe, ich mache alles neu» (Offb 21,5) - so lesen wir in der Offenbarung des Johannes. «Alles»: das bezieht sich nicht nur auf unsere Person, sondern auch auf unsere Beziehungen, auf unser Lebenswerk, auf unseren Lebensbogen von Anfang bis Ende, auf die Geschichte aller Zeiten, ja, auf die ganze Schöpfung. 

Benedikt von Nursia mahnt seine Mönche: «Den drohenden Tod sich täglich vor Augen halten». Dieser Satz steht nicht in dunklen riesenhaften Lettern einsam auf einem grossen leichenweissen Blatt geschrieben. Das Sätzchen ist nur einer, nämlich der siebenundvierzigste, von vierundsiebzig kurzen Versen. Ein lohnender Blick in die Mönchsregel zeigt es: Es handelt sich um kunterbunte, vielfältige Ratschläge für ein gelingendes Leben, geschrieben von jemandem, der um den Menschen und die mannigfaltigen Stolpersteine auf seiner Reise durch diese Welt weiss. Lesen und meditieren wir diese Mahnungen immer wieder! Das betreffende Kapitel trägt den Titel: «Die Instrumente der guten Werke» und schliesst mit folgenden Worten: «Seht, das sind die Werkzeuge der geistlichen Kunst. Wenn wir Tag und Nacht unermüdlich mit ihnen arbeiten und sie am Tag des Gerichts wieder abgeben, wird der Herr uns den Lohn ausbezahlen, den er selbst versprochen hat: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was aber Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Die Werkstatt aber, in der wir das alles gewissenhaft üben sollen, ist die Abgeschlossenheit des Klosters und das treue Ausharren in der Gemeinschaft.»

Lieber P. Gregor, wir danken Dir für Dein diskretes, gewissenhaftes und kraftvolles Leben als Benediktiner und für Dein Ausharren in unserer Gemeinschaft. Du bist vielen von uns zum Vorbild geworden. Dies nicht deshalb, weil wir dich kopieren oder imitieren möchten, sondern weil wir uns bemühen mögen, uns in unserer Eigenart so einzubringen, wie du es getan hast. Ich verabschiede mich von dir mit einem altehrwürdigen Text aus der Beerdigungsliturgie der Kirche:

Ins Paradies mögen die Engel dich geleiten, / bei deiner Ankunft die Märtyrer dich empfangen / und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem. / Der Chor der Engel möge dich empfangen, / und mit Lazarus, dem einst armen, / mögest du ewige Ruhe haben. / Amen.    
 

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