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Predigt von P. Theo Flury am Gedächtnistag Allerseelen 2025

Liebe Brüder und Schwestern!

Herbst - die Bäume flammen auf, prächtige Farben verbergen ihre Müdigkeit; bald werden die Blätter fallen und die Natur wird sich unter einer weissen Decke zur Winterruhe betten. Die Tage werden kürzer, ein kalter Wind bläst und Nebelschwaden streifen über die Gräber unserer lieben Verstorbenen.

Allerseelen. Dieser Tag führt uns an eine Grenze. Das irdische Leben ist vergänglich, wir spüren das nicht nur heute, sondern täglich und stündlich. Es ist, als ob die Zeit zwischen unseren Fingern zerrinnen würde - und damit alles, was auf ihrem Rücken reitet, die Geschichte im Grossen und im Kleinen. Wir können uns mühen, wie wir nur wollen, festhalten können wir nichts, gar nichts. Doch wohin fällt alles? Etwa in einen grossen dunklen Schlund, wird es vom Nichts blind verschluckt?

Der christliche Glaube sagt uns etwas anderes. Ja, das irdische Leben ist in dauerndem Fluss, in dauerndem Wechsel begriffen, und das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Zeit und Geschichte aber enden nicht im Nichts, sondern fliessen gleichsam zu Gott, in sein unendliches Gedächtnis und in sein grosses Herz. Alles, wirklich alles, ist in ihm aufgehoben. 

Dieses ständige Fliessen, dieses Drängen und Ziehen entdecken wir auch im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom:
«Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, …, (doch) auf Hoffnung hin: Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber nicht nur sie, sondern auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, auch wir seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne und Töchter offenbar werden.» (Röm 8,20-23)

Unser Leben in dieser Welt, zusammen mit dem der uns umgebenden Schöpfung, zu der auch wir gehören, ist ein Leben auf Hoffnung hin. Die eigentliche Wirklichkeit, welchen diesen Namen im Vollsinn verdient, und die eigentliche Wahrheit, die uns von ihr her erreichen und die in die Welt hineinleuchten will, ist gerade das, was vor uns liegt: das ewige Ankommen bei Gott, die Vollendung. Paulus spricht von dieser Wirklichkeit, von dieser Wahrheit in folgenden Worten: «Wir verkünden, wie es in der Schrift steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.» (1 Kor 2,9) 

Doch welche Bedeutung hat denn unser bisweilen schwieriges und leidvolles Leben auf dieser Welt? Ist unser Lauf hienieden lediglich ein lästiger Umweg, den uns der Schöpfer leicht hätte ersparen können? Nein, dieser Weg ist sehr wichtig. Es gibt etwas, das wir nur auf ihm lernen und einüben können: den Glauben. Was ist der Glaube? Der Hebräerbrief gibt eine Antwort auf diese Frage:  «Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutage treten von Tatsachen, die man nicht sieht.» (Hebr 11.1) Endgültig angekommen bei Gott werden uns die Augen aufgehen, wir werden die eigentliche Wirklichkeit, Gott selbst, so sehen wie sie ist, die Zeit des Glaubens wird endgültig vorbei sein.

Der Weg des Glaubens ist sehr wertvoll. Er ist eine Pädagogik Gottes, die uns zum Vertrauen und zur Hingabe führen soll. In der Taufe und durch die anderen Sakramente erhalten wir das Rüstzeug der Gnade, diesen Weg besser zu gehen. Der Glaube wird ergänzt mit der Hoffnung und der Liebe; auf diesen drei Pfeilern ruht die Brücke unseres christlichen Lebens, die uns zum Ziel führt.
Ja, Die Tage werden kürzer, ein kalter Wind bläst und Nebelschwaden streifen über die Gräber unserer lieben Verstorbenen. Aber auf diesen Gräbern leuchten gerade heute Hunderte von Kerzlein, welche Kälte und Dunkelheit durchdringen und uns zurufen: Vertraue nur, glaube, hoffe und liebe!

Ohne Hoffnung können wir nicht leben, der Glaube seinerseits gibt uns eine Perspektive, die uns motiviert – und die Liebe? Sie ist der Ernstfall, an dem unser Leben gemessen wird. In jeder Religion findet sich in irgendeiner Weise die Vorstellung, dass es am Ende unseres irischen Daseins gewissermassen eine Nachbesprechung, ein Rückblick geben wird, wo aller Schein, alle Manipulation des Gegenübers und alles Abwälzen von Verantwortlichkeiten auf andere unmöglich wird. Eine solche Szene malt das Johannesevangelium: «Gott hat Jesus Vollmacht gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. Wundert euch nicht darüber! Die Stunde kommt, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und herauskommen werden: Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, werden zum Gericht auferstehen.» (Joh 5, 27-29)

Diese und ähnliche Stellen wollen uns nicht ängstigen, aber doch in Erinnerung rufen, dass das Leben kein folgenloses Spiel der Willkür ist. Diese Vorstellung würde unserem Personsein mit Verstand, Herz und Hand ja auch gar nicht gerecht. Nein, das Leben zählt etwas, weil wir etwas zählen. Erfahrungsgemäss gehört eine Kette von Stolpern und Fallen, von Aufstehen und weiteren Fehltritten meist dazu. Lassen wir es dann zu, wenn uns dabei ein Simon von Cyrene helfen möchte, unser Kreuz zu tragen? Lassen wir es dann zu, wenn eine Veronika uns ein Schweisstuch zu reichen wünschte, um unsere Stirn zu trocknen? Werden wir es zulassen, wenn wir dereinst von dem wahrgenommen werden, der für uns das Kreuz nicht nur getragen, sondern für uns an ihm gestorben ist? Der heilige Benedikt beschliesst das vierte Kapitel seiner Mönchsregel über die geistliche Lebenskunst mit dem letzten, dem vierundsiebzigsten Ratschlag: «An der Barmherzigkeit Gottes nie verzweifeln.» (RB 4,74)

Amen.

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