Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst’.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
Liebe Brüder und Schwestern!
Welche Poesie! Das Licht von Mond und Sternen fällt in einer klaren Nacht auf die Erde wie ein Kuss, der unvergesslich bleibt und die Erde von nun an unaufhörlich vom Himmel träumen lässt. Und die Seele des Betrachters wird Teil der Wahrnehmung; sie fliegt durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.
Erinnert uns das Gedicht «Mondnacht» von Joseph von Eichendorf nicht an unser Leben aus dem christlichen Glauben?
Der Himmel küsst die Erde: das ist Weihnachten; ein lichter Stern schwebt hernieder, Gott wird Mensch. Sein Schein und sein Leben verklärt die Schöpfung und hebt sie aus dem Dunkel ins Licht. Ein Traum, eine Sehnsucht wird sie von nun an unaufhörlich bewegen und lenken, hin zu einem Ort und einer Zeit, in der alle Seelen zu Hause sind.
Der nüchterne Theologe würde dies auf seine Weise ungefähr so ausdrücken: Die Sünde hat den Menschen blind und orientierungslos gemacht. Durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, durch Taufe, Glauben und ein Leben aus der Gnade wird er wiederum sehend und befähigt, sein Ziel zu erkennen und es anzustreben: seine Heimkehr zu Gott, seinem Schöpfer und Erlöser.
Auch die Bibel kennt Poesie. Denken wir etwa an die Gleichnisse Jesu, an die Psalmen im Alten Testament und an viele andere Texte.
Die Lesung aus der Offenbarung des Johannes, die wir heute gehört haben, gehört ebenfalls zu dieser Gattung. Da ist die Rede von einer Stadt, die glänzt wie ein kostbarer Edelstein, wie kristallklarer Jaspis. Ihre Mauer hat zwölf Grundsteine, auf ihnen stehen die Namen der zwölf Apostel des Lammes. Einen Tempel ist in der Stadt nicht zu sehen, denn Gott und das Lamm sind ihr Tempel. Schliesslich braucht die Stadt weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten, ihre Leuchte ist das Lamm.
Diese Bilder legen sich in einigen Zügen nahtlos über das Gedicht von Joseph von Eichendorf. Das Licht des Sternenhimmels, welches die Erde küsst, ist nun das Lamm, die einzige Quelle des Lichts, welche auf die Erde, auf die Stadt fällt und sie sichtbar macht, ja, sie zum Glänzen bringt wie kostbarer Edelstein und kristallklarer Jaspis. Auch die Mauern der Stadt lassen sich in diesem Schein erkennen: sie ruhen auf zwölf Grundsteine mit den Namen der Apostel des Lammes.
Um welche seltsame Stadt handelt es sich denn da? Und um welches Lamm?
Der Verfasser der Offenbarung des Johannes will mit seiner Schrift die Christen in der Verfolgung trösten und ermutigen. Die poetisch geschilderte Stadt ist das neue Jerusalem, der Ort, wo die Seelen aller Menschen zu Hause sind. Dieser Ort ist Gott selbst, der Wahrheit, Leben und Liebe ist, das Herz, das allen offensteht. Das Lamm ist Jesus Christus, der die zwölf Apostel in seine Nachfolge gerufen hat. Einige Verse zuvor wird er als das geschlachtete Lamm verehrt und gepriesen. Der Ursprung dieses Bildes liegt im Lied vom Gottesknecht bei Jes 53,7: «Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.» Wir Christen beziehen diese Stelle auf Jesus Christus in seiner Passion. So beten wir in jeder Messe: «Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.»
Damit taucht ein wichtiger Bezug zu unserer gottesdienstlichen Praxis auf. Dieser Bezug wird umso deutlicher, wenn wir, wiederum in der Offenbarung des Johannes (Offb 4,8) auf den Heiligruf «Sanctus» stossen, den wir ebenfalls in jeder Messfeier singen oder sprechen. Sein Ursprung liegt wiederum im Buch des Propheten Jes 6,3. So können wir sagen, dass das letzte Buch des Neuen Testaments gewissermassen einen himmlischen Gottesdienst, eine himmlische Liturgie, wiedergibt, die ihr Abbild in unserer irdischen Liturgie findet. Auch hier küsst also der Himmel die Erde. Es ist bedeutungsvoll, dass gerade der Heiligruf im Alten Testament beginnt, nahtlos ins Neue Testament übergeht und sich hinzieht bis hinein ins Hier und Jetzt: Die Begeisterung, die Verherrlichung Gottes steht über allen Zeiten und Räumen und erklingt aus allem Geschaffenen: «Alles, was atmet, lobe den Herrn» – so lesen wir in Psalm 150,6.
Ein Unterschied zwischen himmlischer und irdischer Liturgie besteht allerdings. Wir haben um die Altäre herum Kirchen gebaut, im himmlischen Jerusalem aber wird es keinen Temple mehr geben. Warum das? Die Sakramente sind eingesetzt für die Zeit des Glaubens, für die Zeit des Lebens in dieser Welt. Es sind Zeichenhandlungen, die etwas anzeigen, es auch enthalten und vermitteln, nämlich die erlösende, Beziehung stiftende und erfüllende Gegenwart Gottes. Im ewigen Leben aber wird es keine Zeichenhandlungen, keine Sakramente mehr geben, denn der dreifaltige Gott wird alles in allem sein; wir werden ihn unvermittelt erkennen und lieben können.
Als hätte der Himmel die Erde geküsst. Eine Kurzformel des Glaubens! Auch das heutige Sonntagsevangelium nach Johannes fügt sich in diese Logik ein: Der Vater spricht das Wort, der Sohn verkündet es. Der Traum, der uns zieht und drängt, wird durch den Heiligen Geist gewirkt. Wenn wir nach dem Wort des Glaubens leben, bewegen wir uns liebend auf die Liebe hin, die Gott ist, unser Ziel und unsere Ruhe, der Ort, wo die Seelen aller Menschen zu Hause sind. Die Gabe aber, die nur er geben kann, ist der allumfassende Friede. So schliessen wir mit der inständigen Bitte: «Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt: gib uns deinen Frieden.»
Amen.
