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Predigt von P. Theo Flury am 26. Sonntag im Jahreskreis 2026

Liebe Brüder und Schwestern!

Wer kennt das nicht aus der eigenen Erfahrung? Die Mutter fordert das Kind auf, beim Abtrocknen des Geschirrs zu helfen. Zwei Antworten sind möglich: «Nein, ich mag nicht», oder «Ja, ich komme bald». Das Kind, das nein sagt, besinnt sich vielleicht und greift schliesslich doch zum Trockentuch, das Kind hingegen, das Ja sagt, verdrückt sich möglicherweise heimlich.

Dieses Beispiel erinnert uns an das Gleichnis Jesu, das wir soeben gehört haben. Jesus hatte allerdings nicht das Abtrocknen im Sinn, sondern etwas ganz anderes. Es geht ihm darum, ob wir, wie er sagt, den Weg der Gerechtigkeit unter die Füsse nehmen – oder eben nicht.

Worin aber besteht das Gehen dieses Weges? Sicherlich darin, dass wir uns als Menschen darum bemühen, uns wahrhaft menschlich und tugendhaft zu verhalten, das heisst: klug, gerecht, massvoll und tapfer – im Wissen darum, dass wir alle Kinder eines gemeinsamen Vaters sind, der Ja sagt zu uns, der Ja sagt zum Leben - und im glaubenden, hoffenden und liebenden Aufblick zu ihm. Das Gehen des Weges der Gerechtigkeit besteht aber auch darin, dass wir das zum Blühen bringen, was der Schöpfer in jedem und jeder Einzelnen von uns als Keime angelegt hat: Niemand hat alles, keiner hat nichts. Insofern gibt es so viele gute und richtige Wege zu Gott, wie es Menschen gibt – um Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. zu zitieren, der diesen Satz seinerzeit in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk geprägt hatte.

Das heute verkündigte Gleichnis Jesu richtet sich an jene, an die der Ruf Gottes zuerst ergangen ist. Sie aber sind zufrieden mit ihrer gewissen Wohlanständigkeit, mit dem äusserlichen Befolgen der sozialen und religiösen Regeln. Doch der Ruf Gottes vermag nicht bis in ihr Herz zu dringen. Sie bleiben ungerührt. Gerade darin aber laufen sie Gefahr, einem kleinen modrigen Tümpel ohne Zufluss und ohne Abfluss zu gleichen; sie verharren unbeweglich und umfangen von ihrem beschränkten Horizont. Auf der anderen Seite stehen im Gleichnis die Zöllner und Sünder, jene, die nach gängiger Meinung als zweitklassig, als moralisch fehlbar, als angreifbar angesehen werden – und dies wohl auch wirklich sind. Sie jedoch haben, vielleicht gerade deswegen, offene Ohren und ein offenes Herz für den Ruf, über die Bücher zu gehen, Ballast abzuwerfen und Neues zu entdecken. So gleichen sie eilenden Bächlein, die von einer sprudelnden Quelle gespiesen werden, sich mit ihresgleichen verbinden und schliesslich als grosser Strom im Meer Ankunft, Ziel und Ruhe finden.

Wenn wir nur die Oberfläche des Gleichnisses betrachten würden, könnten wir meinen, es gehe in ihm lediglich allgemein um Befehl und Gehorsam oder Gehorsamsverweigerung, wobei Gehorsam grundsätzlich immer gut und Gehorsamsverweigerung immer böse sei. 

Ja, es geht um den Gehorsam – auch um den Gehorsam. Guter Gehorsam braucht allerdings gute Bedingungen. Setzen Hören und Gehorchen nicht Vertrauen voraus? Es gibt kein sinnvolles, fruchtbares Gehorsamsgeschehen ohne seine Verortung in einer entsprechenden beharrlichen Beziehungsarbeit. Wie kann man sich denn jemandem anvertrauen, sich berühren - und bewegen lassen, wenn nicht die Erfahrung gemacht worden ist, dass der andere oder die andere es mit uns wirklich gut meint? Wenn jemand nicht als vertrauenswürdig, als glaubwürdig erfahren wird, wird Gehorsam zwielichtig, ungeachtet dessen, in welchem Umfeld wir uns bewegen. 

Auch die Regel des hl. Benedikt schärft den Mönchen den Gehorsam ein, sogar den Gehorsam unter Gleichgestellten. Damit setzt Benedikt das offene und geduldige Hören aufeinander folglich voraus. Er ordnet das Gemeinschaftsleben so, dass mit seinen Weisungen diese Grundhaltung so gut wie möglich gefördert wird. Natürlich hängt das Gelingen schliesslich konkret an den Einzelnen einer Gemeinschaft, sei es in der Familie, am Arbeitsplatz oder eben in den Klöstern. 

Immer wieder nimmt Benedikt hingegen Stellung gegen das, was er Eigenwillen nennt. Damit ist nicht gemeint, dass ein Mensch keinen Willen, kein Rückgrat haben sollte. Das, was hier angesprochen wird, ist vielmehr die Isolation, die Verkapselung im Eigenen, die Verbohrtheit. Diese kann zum Abschirmen gegen die Sicht auf ein grösseres Ganzes und zum Hängenbleiben in den eigenen Grenzen führen. Es geht, im Gegenteil, um den Willen zum Ganzen und zur Berufung, als vernetzte Menschen und Christen aufbauend in unserem persönlichen Umfeld zu leben. Aber eben: ohne Respekt und bewusste Beziehungsarbeit wird das kaum gehen können. 

Dom Columba Marmion, der dritte Abt der belgischen Abtei Maredsous - er hat im 19. Jahrhundert gelebt - hat einen Kommentar zur Regel des hl. Benedikt geschrieben, in der er die Mönche eindringlich warnt: vor Isolation einerseits und einem zu leichtfertigen Umgang mit den Mitbrüdern andererseits, der sehr bald in Willkür und sogar Verächtlichkeit umschlagen könne. Fruchtbares Gehorsamsgeschehen, in welchem Lebenskontext auch immer, setzt die Arbeit an einer Persönlichkeit voraus, die fähig wird zum achtsamen Umgang mit anderen, zum Hören aufeinander und zum angemessenen sich Einbringen in das grosse Ganze.

Ein gesundes und fruchtbares Aufeinander Hören gleicht dem Rubin auf dem Ring aus Gold einer ausdauernden Beziehungsarbeit. Der dreifaltige Gott ist in sich Beziehung, ist Vater, Sohn und Heiliger Geist in dauerndem Austausch. Möge er uns dabei helfen, als Persönlichkeiten so zu reifen, dass wir frei werden, füreinander und für das Leben. Amen.
 

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