«Nach der Leidensgeschichte folgt gegebenenfalls eine kurze Homilie, an deren Schluss der Priester die Gläubigen zu einer kurzen Gebetsstille einladen kann».
Liebe Schwestern und Brüder, dieser Hinweis im Messbuch zur Karfreitagsliturgie könnte den für heute eingeteilten Prediger dazu verleiten, auf einen Einsatz zu verzichten. Zu gross ist das Heilsgeheimnis des heutigen Tages, zu reichhaltig sind die vielen Zeichenhandlungen in dieser besonderen Feier.
Auch wenn der Predigtplan unseres Dekans das «Gegebenenfalls» mit einem klaren «Ja» beantwortet, so will ich mich in dieser Homilie doch «kurz» halten und unseren Blick auf jenes Symbol des Karfreitags richten, das unübersehbar im Raum steht und – aus meiner Sicht – die Kernbotschaft des heutigen Tages darstellt: das verhüllte und enthüllte Kreuz.
Es ist heuer bereits zum dritten Mal, dass wir für die Kreuzverehrung – der alten Tradition folgend – das schrittweise Enthüllen des Kreuzes praktizieren anstelle der Möglichkeit, ein unverhülltes Kreuz in die Kirche zu tragen und es dreimal aufzurichten.
Ich liebe diesen Ritus. Nicht nur, weil wir mit der Enthüllung die mit einem violetten «Velum» verhüllten Kruzifixe im Kirchenraum in diese Karfreitagsliturgie integrieren, sondern auch, weil die Enthüllung an sich eine besondere Botschaft hat. Das Latein kennt für den Akt des Enthüllens das Wort «revelare», das wörtlich «die Hülle, den Vorhang oder den Schleier wegnehmen» bedeutet und auch mit «Offenbaren» und «Entblössen» übersetzt werden kann.
Wenn wir also nach den «Grossen Fürbitten» im Anschluss an diese Predigt zur Kreuzverehrung schreiten, dann wird das Geheimnis des Kreuzes im Blick auf den entblössten Leib des Herrn offenbart. Somit lenkt das schrittweise enthüllte Kreuz unseren Blick nicht auf sich selbst, sondern auf den, der daran hängt: Jesus Christus.
So ist das Zentrale an der Botschaft des Karfreitags nicht das Kreuz – und auch nicht das Leiden und Sterben Jesu – sondern seine Hingabe aus Liebe. Es wird offenbar, dass nicht das Leiden Jesu an sich uns erlöst hat, sondern die barmherzige Liebe Gottes. So ist es dann auch nur folgerichtig, nachher die dreimalige Einladung des Abtes zur Kreuzverehrung richtig zu verstehen: «Ecce lignum Crucis, in quo salus mundi pependit. Venite, adoremus. – Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt. Kommt, lasset uns anbeten». Christus – nicht das Kreuz – ist das Heil der Welt, ihn wollen wir anbeten, weil wir durch seine Hingabe am Kreuz als vollendeter Ausdruck seiner Liebe erlöst und zu unserer eigenen Antwort auf seine göttliche Liebe befreit sind.
Dies war im Laufe der Kirchengeschichte nicht immer so klar, wenn der Fokus zu stark auf das Kreuz Jesu an sich oder auf sein Leiden gelegt worden ist. So haben die beiden hier vorne am Kreuzaltar und am Ölbergaltar zur Verehrung ausgestellten Reliquienkreuze mit je einem Partikel des wahren Kreuzes Christi und eines Dorns aus der Dornenkrone Jesu «nur» Zeugnischarakter für das historische Faktum des Leidens und Sterbens Jesu, nicht aber eine Relevanz unabhängig von einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus. Kreuz und Dornenkrone verweisen auf ihn, das Heil der Welt, und dürfen den personalen Charakter der Erlösung auf keinen Fall verdecken oder verdunkeln.
Liebe Brüder und Schwestern, Jesu Leidensweg und sein Tod am Kreuz sind kein tragischer Unfall, kein unglücklicher «Knick» in seinem Lebensweg. Leiden und Tod sind die konsequente Fortführung seiner Sendung, welche die Liebe Gottes zu uns Menschen, seine Sehnsucht nach unserer Gemeinschaft und seine unerschütterliche Treue zu uns zum Ausdruck bringen – bis in die letzte Konsequenz. Der am Kreuz entblösste Leib des Herrn offenbart die Liebe, durch die und in die hinein wir erlöst sind, das heisst: In der wir das heilbringende Geschenk der erneuerten Gotteskindschaft empfangen haben.
Für uns selbst heisst das aber, dass wir das Leid nicht verherrlichen dürfen. Es ist zwar unvermeidbar durch unsere Geschöpflichkeit und die Gebrochenheit unserer menschlichen Natur. Aber wir dürfen das Leid nicht suchen und sollen Gott auch nicht darum bitten. Ein Masochist ist ein schlechter Christ. Als österliche Menschen sind wir zur Liebe und zum Leben berufen. Denn Ostern ist die ultimative Enthüllung und Offenbarung des Heilswillens Gottes, wenn die Auferstehung Jesu zeigt: die Liebe ist stärker als der Hass, das Leben triumphiert über den Tod.
«Nach der Leidensgeschichte folgt gegebenenfalls eine kurze Homilie, an deren Schluss der Priester die Gläubigen zu einer kurzen Gebetsstille einladen kann».
Halten wir deshalb kurz inne, um Gott zu danken – nicht für das Kreuz und das Leiden Jesu, sondern für die darin geoffenbarte Liebe zu jeder und jedem einzelnen von uns!
Amen.
