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Predigt von P. Philipp Steiner an Fronleichnam 2025

Die Predigt wurde im Fronleichnamsgottesdienst wegen der Erstkommunikanten und den zahlreichen Mitfeiernden aus der Pfarrei Einsiedeln auf Schwyzerdütsch gehalten. Hier wird die Predigt in Schriftsprache wiedergegeben. Das Schmuckstück, von dem in der Predigt gesprochen wird, lässt sich auf der Facebookseite des Klosters im Beitrag zur Predigt anschauen: www.facebook.com/KlosterEinsiedeln

Liebe Mitfeiernde, besonders liebe Kinder, die ihr vor wenigen Wochen zum ersten Mal die Heilige Kommunion empfangen habt!

Wir alle freuen uns über die Sonne und den strahlend blauen Himmel am heutigen Tag. Dieses schöne Wetter macht es möglich, dass wir nachher mit dem Allerheiligsten eine feierliche Prozession ins Freie machen können. Diese führt uns heute aber nicht auf den Klosterplatz hinunter, der gerade eine grosse Baustelle ist, sondern in den «Studentenhof», den Pausen- und Sportplatz der Stiftsschule. Die Prozession nach Draussen ist eigentlich etwas ganz Schönes, doch leider werden wir genau deswegen das Allerheiligste nicht in der mit vielen Edelsteinen und Perlen verzierten «Grossen Monstranz» mittragen, sondern in einer etwas einfacheren, aber immer noch sehr schönen Monstranz. Ich möchte in dieser Predigt auf ein kleines Detail an dieser besonderen Monstranz eingehen, die deswegen Frater Benno Maria euch Erstkommunion-Kindern kurz zeigen wird. Ich hoffe, dass ihr bei so viel Glitzer von Gold und Edelsteinen euch noch auf die weitere Predigt konzentrieren könnt… 

Wie ihr sehen könnt, ist diese Monstranz etwas sehr Kostbares. Sie ist so kostbar, weil uns das, was die Monstranz in der Mitte trägt und zeigt, unendlich kostbar ist. Ein Goldschmied hat 20 Jahre an dieser Monstranz gearbeitet und allerlei Schmuck und Edelsteine eingearbeitet, den betuchte Pilgerinnen und Pilger im Laufe des 17. Jahrhunderts der Schwarzen Madonna geschenkt haben. Auf ein besonderes Schmuckstück möchte ich in dieser Predigt eingehen. Es befindet sich auf der Rückseite der Monstranz fast ganz oben. Es ist eine nur rund vier Zentimeter grosse Hand, die ein Herz aus Granat hält. Damit ihr euch das besser vorstellen könnt, bitte ich euch, diese beiden vergrösserten Abbildungen durch die Kirchenbänke weiterzugeben. Man kann sich leicht vorstellen, dass dieses Schmuckstück ein Geschenk eines Verliebten an seine Angebetete war, um es als Brosche an ihrem Kleid zu tragen. Hoffentlich wurden die beiden gemeinsam glücklich und alt. Doch aus irgendeinem Grund kam dieses Schmuckstück dann vor ungefähr 350 Jahren als Geschenk ins Kloster Einsiedeln und wurde vom Goldschmid Christen aus Altdorf in die Monstranz eingefügt. 

Warum erzähle ich euch das? Aus meiner Sicht weist dieses kleine Schmuckstück der Hand mit dem Herzen auf einen wichtigen Aspekt von Fronleichnam hin. Manche meiner besonders schlauen Mitbrüder oben im Chor werden es vielleicht schon ahnen, worauf ich hinauswill. Denn dafür müssen wir uns mit der lateinischen Sprache befassen. Keine Sorge, ich gehe nicht zu sehr ins Detail, denn ich war in der Schule nie besonders gut in Latein… 

Das deutsche Wort «Glauben» hat im Lateinischen eine interessante Entsprechung: «credere». Und das hat seine Wurzel in zwei Worten: «cor» und «dare». «Cor» ist das «Herz» und «dare» bedeutet «geben». «Cor dare», «das Herz geben» wurde im Laufe der Zeit zu «credere», «glauben». 

Das ist eigentlich eine wunderschöne Erklärung, was «Glauben» bedeutet: sein Herz für etwas oder jemanden geben, sein Herz Gott schenken. Auch das deutsche Wort «Glauben» hat übrigens eine schöne Bedeutung. Aus dem Mittel- und Althochdeutschen kommend steht es – vereinfacht gesagt – für «etwas gutheissen» oder «sich etwas lieb/vertraut machen». Aber an «cor dare», das Herz geben oder es sogar verschenken, kommt unser Wort «Glauben» nicht heran, oder? Und was haben nun «das Herz schenken» und Fronleichnam miteinander zu tun? 

Fronleichnam ist ein Fest des Glaubens, konkret: jenes des Glaubens, dass Jesus Christus mitten unter uns gegenwärtig ist. Nicht wie vor zweitausend Jahren mit Haut und Knochen, aber doch mit Fleisch und Blut! An Fronleichnam feiern wir die Tatsache, dass Jesus treu ist und dass das, was er zu seinen Jüngern gesagt hat, wahr ist. Seine Worte, die uns die Evangelien überliefert haben und an die auch der Apostel Paulus in der vorhin gehörten Lesung aus dem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth erinnert hat, beanspruchen und verdienen unseren Glauben: «Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch dahingegeben wird. Nehmet und trinket alle draus: Das ist der Kelch des neuen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird». Seit zweitausend Jahren nährt die heilige Eucharistie alle, die an Jesus Christus glauben. Und die Freude darüber bringt die Kirche seit bald 800 Jahren im Fronleichnamsfest zum Ausdruck. Aber es braucht einen grossen, einen starken Glauben, um in der kleinen, nur wenige Gramm leichten Hostie unseren Herrn Jesus Christus zu erkennen und anzunehmen. Ist das wirklich wahr: Gott, der alles in Händen hält, gibt sich in unsere Hand?

Und hier kommt uns diese kleine Hand mit dem Herz entgegen. Der Mann, der vor vielleicht vierhundert Jahren seiner Geliebten eine Brosche geschenkt hat, hat damit ein sprechendes Zeichen gefunden, um seine Liebe auszudrücken. Er hat seiner Verlobten oder Ehefrau nicht nur dieses Schmuckstück geschenkt, sondern sein Herz und damit sich selbst, ganz und gar. Bei Gott ist das nicht anders. Auch er hat sich ein sprechendes Zeichen ausgesucht, um sich uns Menschen zu schenken. Und das ist das Sakrament der Eucharistie, das sind die Gaben von Brot und Wein. Eigentlich ist ein Stück Brot und ein Schluck Wein noch viel geringer als diese wertvolle Brosche der Hand mit dem Herz – und doch sind sie für den gläubigen Menschen so viel mehr wert als alles Gold und Silber dieser Welt. Der unendliche, ewige Gott macht sich klein und zerbrechlich, um uns Menschen zu begegnen. Das ist der Weg Gottes zu uns Menschen: Damals in Betlehem als Neugeborenes in der Krippe, dann im geteilten Brot und dem herumgereichten Becher Wein beim Letzten Abendmahl, schliesslich zerbrochen und zerschlagen am Kreuz und seit seiner Auferstehung verborgen – und oft verkannt – im Sakrament der Eucharistie durch alle Zeiten hindurch, bis er wiederkommt in Herrlichkeit. Wenn Gott sich gibt, wenn er mit dem «cor dare» ernst macht, dann macht er keine halben Sachen. Er schenkt sich uns bedingungslos, ganz und gar. Das ist das Geheimnis der Eucharistie, das ist Fronleichnam: Ein Fest des Glaubens, dass Jesu Wort wahr ist und dass er es verdient, dass auch wir ihm unser Herz schenken.

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Erstkommunion-Kinder! 

In wenigen Minuten wird Abt Urban und werden wir Priester genau jene Worte sprechen, die Jesus beim Letzten Abendmahl mit seinen Jüngern gesprochen hat: «Das ist mein Leib… Das ist mein Blut…» Und wir werden Jesus in der Hostie empfangen. Und wenn wir uns dann für die Prozession aufmachen, um Jesus in der Gestalt der Hostie in der Monstranz zu begleiten, dann sind auch wir Monstranzen, weil wir Jesus durch die Heilige Kommunion in unseren Herzen tragen. Aber Fronleichnam muss weitergehen, indem wir Jesus in unsere Familien, in unsere Schulen, an den Arbeitsplatz und vor allem auch zu jenen Menschen tragen, die ihn noch nicht kennen oder die verlernt haben, an Jesus zu glauben. Die Menschen in unserem Umfeld sollen spüren: Wir haben Jesus unser Herz geschenkt und er hat sich uns geschenkt, damit wir ihn in diese Welt tragen. Das ist wirklich Fronleichnam und das ist unsere wunderschöne Berufung als katholische Christinnen und Christen: Schenken wir Jesus und der von ihm so geliebten Welt unser Herz. Amen!
 

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