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Predigt von P. Philipp Steiner am Hochfest Epiphanie 2026

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor 12 Tagen feierte die grosse Krippe in unserer Klosterkirche ganz still und bescheiden ihren 100. Geburtstag. Sie wurde von den in Einsiedeln wohnhaften Bildhauern Alois Payer und Franz Wipplinger geschaffen und auf das Weihnachtsfest 1925 erstmals aufgebaut. Seither erfreut sie jedes Jahr während der Weihnachtszeit viele Menschen – auch wenn sie weder mit dem grossartigen Fresko von Cosmas Damian Asam hier oben in der Weihnachtskuppel noch mit den 470 handgeschnitzten und orientalisch bekleideten Figuren im Diorama Betlehem im Klosterdorf mithalten kann. Doch dafür ist sie wandelbar.

Denn aufmerksame Kirchenbesucherinnen und Kirchenbesucher haben bestimmt bemerkt, dass sich das Aussehen der Krippe im Vergleich zum Weihnachtsfest leicht verändert hat. Gestern Abend haben nämlich unsere Sakristane rechtzeitig auf das heutige Hochfest der Erscheinung des Herrn eine Gruppe von Hirten durch die Heiligen Drei Könige ersetzt. Nun kniet rechts vor dem Jesuskind weiterhin eine Hirtenfamilie und links befinden sich neu die drei Weisen aus dem Osten. Was hier in Einsiedeln ein harmonisches Gesamtbild ergibt, war vor mehr als 2025 Jahren in Betlehem sicher nicht der Fall. Nicht nur, dass zwischen den Besuchen der beiden ungleichen Personengruppen eine beträchtliche Zeitspanne lag, sondern zwei ganze Evangelien! 

Während der Evangelist Lukas die sozial randständigen Hirten durch einen Engel zur Krippe rufen lässt, werden beim Evangelisten Matthäus geheimnisvolle Sterndeuter aus dem Osten als Vertreter der heidnischen Welt von einem Stern zum Neugeborenen nach Betlehem geführt. Entweder-Oder! Hirten und Weise stehen im Neuen Testament nicht gemeinsam an der Krippe. Glücklich aber das Kloster, die Pfarrei oder die Familie, die das ganze «Sortiment» besitzen und deren Figuren folglich austauschbar sind. 

Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, durfte ich mit meinem Grossdädi eine eigene Krippe bauen. Diese sollte nicht den üblichen Stall-Look haben, sondern das Flair einer orientalischen Stadt mit einem Stadttor, einer goldenen Kuppel und steinernen Gebäuden. Ich entschied mich damals – passend zur Krippenarchitektur – für Krippenfiguren bestehend aus der Heiligen Familie und den Heiligen Drei Königen. Hirten kamen für mich damals nicht infrage. Zu gross war für mich die Faszination der würdevollen Könige in ihren prächtigen Gewändern. Da konnten die armen Hirten nicht mithalten. 

Und wie steht es bei Ihnen: Sind Sie eher der Hirten- oder der Königstyp? Falls Sie den Königen den Vorzug geben, sind sie in guter Gesellschaft. Im griechischen Urtext des Matthäusevangeliums ist nämlich nicht von «Königen» die Rede, sondern von «magoi». Das war in der antiken griechischen Literatur die Bezeichnung für eine persische Priestergruppe, kann aber allgemein mit «Zauberer» und «Sterndeuter» übersetzt werden. Doch dabei ist es nicht geblieben. Andere Bibelstellen haben die Fantasie angeregt. Wie zum Beispiel Psalm 72: «Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Gaben, mit Tribut nahen die Könige von Scheba und Saba. Alle Könige werfen sich vor ihm nieder, es dienen ihm alle Völker.» (Ps 72,10-11). Und im 60. Kapitel des Buches Jesaja heisst es: «Nationen wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz. Aus Saba kommen sie alle, Gold und Weihrauch bringen sie und verkünden die Ruhmestaten des Herrn.» (Jes 60, 3.6b). Kein Wunder also, dass im 5. und 6. Jahrhundert aus den matthäischen Magiern schliesslich prächtige Könige geworden sind. Denn das Bild von den mächtigen Herrschern, die vor einem kleinen Kind niederknien und ihm huldigen, ist wirklich beeindruckend. Und es zeigte unseren Vorfahren in Zeiten, als nicht demokratisch gewählte Regierungen, sondern durch Abstammung, Salbung und Krönung legitimierte Monarchen herrschten, wer der wahre König ist.

Und da kommen wir der Intention des Matthäus wieder sehr nahe. Denn auch wenn er von «Magiern» spricht: Könige spielen in seinem Weihnachtsevangelium eine grosse Rolle. Es sind gleichsam zwei königliche Antitypen, die er uns vor Augen stellt. Auf der einen Seite König Herodes, der panische Angst bekommt vor einem Konkurrenten, der ihm den Thron streitig macht, nachdem er die Herzen seiner jüdischen Untertanen nie hatte gewinnen können. Diesem stellt Matthäus den geheimnisvollen «neugeborenen König der Juden» (Mt 2,2) gegenüber, der in der Heimatstadt des Königs David zur Welt gekommen ist. Seiner Kindheit, Jugendzeit und Erwachsenenjahren haftete jedoch nie etwas Königliches im üblichen Sinne an. Krone und Thron treten erst am Ende seines Lebens wieder in den Blick. Matthäus schreibt: «[Die Soldaten] zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf das Haupt und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Sei gegrüsst, König der Juden!» (Mt 27,28-29). Und wenige Verse später, als Jesus auf dem «Kreuzesthron» über die Erde erhoben war, heisst es: «Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden» (Mt 27.37).

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Königsein ist für Matthäus ein Schlüssel zum Verständnis der Person Jesu. Doch es ist ein paradoxes Königtum von Anfang bis zum Schluss und bis hinein in die Ewigkeit. Das mit königlichen Gaben beschenkte Kind von Betlehem residiert in einem Stall und sein Hofstaat sind die Hirten. Mit der Dornenkrone gekrönt thront Christus ans Kreuz genagelt und er empfängt als Huldigung den Hohn der Menschen und die Trauer und den Schmerz seiner Mutter. Und doch – ja, gerade deshalb – ist er König der Könige und Herr aller Herren! Sein Geheimnis ist die Liebe. So zeigt sich seine Hoheit in der Demut, seine Macht in der Ohnmacht, sein Triumph im Scheitern – weil es die Liebe ist, die ihn diesen Weg der vollkommenen Hingabe seiner selbst gehen lässt.

Das Hochfest Erscheinung des Herrn, das wir heute feiern, ist eine Einladung, nicht nur Jesus Christus zu huldigen, sondern ihm auf seinem Weg der Liebe auch nachzufolgen: «Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der grösser ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters» (Phil 2,5-11). Amen.
 

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