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Predigt von P. Philipp Steiner am Dreizehnten Sonntag im Jahreskreis 2026

«Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert» (Mt 10,37).

Es sind harte, unbequeme Worte Jesu, die der Evangelist Matthäus uns heute zu Gehör bringt – passend zur drückenden Sommerhitze, die wir seit zwei Wochen erleben. Für einen ausgesprochenen Familienmenschen, der kühle Temperaturen bevorzugt, ist das eine denkbar schlechte Kombination, um Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, in dieser Predigt ein paar gute Worte dazu mitzugeben. Wenn ich es nun trotzdem versuche, dann nicht nur, weil ein Abbruch der Predigt an dieser Stelle keine Option ist, sondern weil ich Jesus selber besser verstehen möchte, was er mir und uns damit sagen will.

Dabei kann es zuerst einmal hilfreich sein, den Kontext des Gesagten zu beleuchten und die Struktur des Textes selbst etwas genauer anzuschauen. Der heutige Evangeliumsabschnitt ist der letzte Teil der sogenannten Aussendungsrede Jesu, aus der wir einzelne Abschnitte bereits an den beiden vorausgegangenen Sonntagen gehört haben. Der Evangelist Matthäus lässt Jesus sie an die zwölf Apostel gerichtet erscheinen, also den innersten Kern seines Jüngerkreises, seine allerbesten Freunde. Und in dieser Aussendungsrede spart Jesus keine Schwierigkeit aus. Er spricht Klartext zu jenen Männern, die er erwählt hat, damit sie in Wort verkünden und in Tat bezeugen: «Das Himmelreich ist nahe!» (Mt 10,7). Auch sind sich die Bibelwissenschaftler sicher: Diese Worte Jesu entstammen einer sehr alten Spruchsammlung, derer sich der Evangelist Matthäus bedient hat. Näher als hier kommt man im Neuen Testament nicht an Jesus heran. Auch wenn Jesus nicht das gehobene Griechisch des Evangelisten Matthäus gesprochen hat, sondern eine aramäische Mundart, so lohnt es sich an dieser Stelle, eines der am häufigsten vorkommenden Worte etwas genauer anzuschauen: ἄξιος (axios). Wir begegnen ihm dreimal, wenn Jesus sagt: «...ist meiner nicht wert»:

«Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.»

Das griechische Adjektiv ἄξιος (axios) bedeutet aber nicht nur «wert», sondern auch «würdig» und «angemessen» sein. Und hier ist der Ursprung dieses Wortes spannend: Es leitet sich vom Bild einer Waage ab, bei der sich zwei Schalen im perfekten Gleichgewicht befinden.

Wenn wir dieses Bild der im perfekten Gleichgewicht befindlichen Waagschalen im Blick haben, dann können wir diese scheinbar harten Worte Jesu anders, ja vielleicht sogar «richtig» verstehen: Sie wollen nicht in würdige und unwürdige Jüngerinnen und Jünger einteilen oder gar die Botschaft vermitteln, dass wir Jesus nur etwas wert sind, wenn wir die zwischenmenschliche Liebe und die familiären Beziehungen, in die wir hineingestellt sind, geringschätzen. 

Vielmehr können wir sie als Einladung verstehen, an seinem Leben Mass zu nehmen, um unser Leben dem seinen anzugleichen. Jesus Christus ist der vollkommene Mensch, der uns in seinem Denken, Reden und Tun zeigt, wie wir als Gottes geliebte Kinder unserer Würde und Berufung entsprechend leben sollen. Denn ein Leben in der Nachfolge Jesu fordert den ganzen Menschen – bis hinein in unsere Beziehungen. Oder um im Bild von der Waage zu bleiben: Wir müssen alles, was unser Leben ausmacht, in die Waagschale legen, um es in Einklang mit Jesus zu bringen. Denn ein Christentum, das eine reine Privatangelegenheit ist und sich nur in einer persönlichen Gottesbeziehung zeigt, ist keine wirkliche Nachfolge Jesu. Auch unser Familienleben, unsere Partnerschaft oder unser Gemeinschaftsleben soll in Beziehung gebracht werden mit Jesus, um von ihm geprägt und durch ihn verwandelt werden. Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zu Vater und Mutter, Sohn oder Tochter, zu Partnerin oder Partner – und für uns Mönche zu unseren Mitbrüdern – müssen auf Christus hin orientiert sein. Wir dürfen niemanden neben Jesus lieben, sondern alle Menschen in ihm, durch ihn und mit ihm. Erst wenn wir unsere vielfältigen zwischenmenschlichen Beziehungen so gestalten, gelingt es, unsere christliche Berufung in der Nachfolge Jesu «ἄξιος (axios) – angemessen» zu leben. Und das alles bestimmende Mass unserer Nachfolge ist die Liebe. 

Und so kommen wir nach der angemessenen Liebe zu den Eltern und den Kindern zum dritten und letzten Wort Jesu, das uns zur Angleichung an sein Beispiel aufruft: «Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert» (Mt 10,38). 

Auch wenn viele von uns bald reif sind für die Sommerferien, so werden wir am heutigen Sonntag unsanft daran erinnert, dass uns im Christentum keine Wellness-Religion geschenkt ist. Jesus zeigt mit dem Wort vom Kreuztragen, wie ernst er den Ruf in seine Nachfolge meint. Aber Achtung: Er ruft uns nicht auf, uns mit ihm kreuzigen zu lassen – das hat er für uns bereits getan! In seiner Hingabe aus Liebe sind wir erlöst und befreit. In der Lesung aus dem Römerbrief haben wir vorhin vom Apostel Paulus gehört, dass wir auf Jesu Tod getauft worden sind, um «in der Wirklichkeit des neuen Lebens [zu] wandeln» (Röm 6,4).

Dieser neue Lebenswandel, zu dem wir von Jesus berufen und durch seinen Geist befähigt sind, erweist seine Ersthaftigkeit auch darin, dass Jesus uns Anteil schenkt an seinem Kreuz, das wir in seiner Nachfolge immer wieder zu spüren bekommen. Dabei ist das Kreuz keine abstrakte Grösse, keine unpersönliche Last, sondern auf uns massgeschneidert: unseren Kräften angemessen und wert, getragen zu werden: ἄξιος (axios).

Von Padre Pio stammt der Ausspruch: «Alle kommen und wollen von ihrem Kreuz befreit werden; so wenige kommen und bitten um Kraft, es zu tragen!» Mögen wir heute ermutigt zu werden, genau darum zu bitten: die Kraft, der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen, um in seiner Liebe unser Kreuz als österliche Menschen zu tragen. Amen.
 

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