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Predigt von P. Philipp Meyer am 19. Sonntag im Jahreskreis 2026

Liebe Schwestern und Brüder,

an allen Ecken und Enden begegnen dem aufmerksamen Beobachter von Welt, Zeit und Gesellschaft Fundamentalismen. Ich halte dieses Phänomen keinesfalls für zeitlich singulär; doch die Häufung von Radikalität und Fundamentalismus in der Unterschiedlichkeit ihres Vorkommens scheinen doch bemerkenswert – bis hinein in den christlichen Glauben und die Kirche.

            Dabei finde ich es bedauerlich, dass die an sich guten Worte und das was sie meinen – fundamentum, Boden, Untergrund und radix, Wurzel – eine Verkehrung erleiden, die letztlich die ursprüngliche Wortbedeutung im jüdisch-christlichen Sinne pervertiert.

            Denn wo es Menschen sind, die definieren und bestimmen, was gilt und was nicht gilt, was Gesellschaft, Leben, ja, was Gott bedeutet, entheben sie anthropologische, philosophische und theologische Wahrheit ihrer Grundlage und setzen ihre Meinungen an deren Stelle. Dann braucht es nur noch den rechten politischen, gesellschaftlichen oder religiösen Einfluss und eine weitere Form von Radikalismus und Fundamentalismus bricht sich Bahn. Dort aber beginnt dann bereits dir Furcht von uns Christen, beispielsweise von der Radikalität der Botschaft Jesu zu sprechen, weil wir uns ängstigen, dass darin der Absolutheitsanspruch des Evangeliums andere abschrecken und in ihrer persönlichen Sicht und Meinung auf die Dinge beschränken könnte.

Dabei will dieser fundamentale Anspruch des Evangeliums den Menschen genau dort treffen, wo es existenziell wird. Alles andere würde diesen Anspruch verwischen und letztlich negieren und den Menschen im Einerlei, in falsch verstandener Egalität versumpfen lassen. Die Bestseller-Autorin Elif Shafak sagt dazu: „Heute explodiert das Interesse an Spiritualität geradezu. Immer mehr Menschen im Westen versuchen sich inmitten ihres geschäftigen Lebens einen Raum für Spiritualität zu schaffen. Sie haben dabei zwar die besten Absichten, wenden aber oft unpassende Methoden an. Spiritualität ist nicht einfach eine neue Sauce für das gleiche alte Gericht. Sie lässt sich unserem Leben nicht hinzufügen, ohne dass das Leben tiefgreifende Veränderung erfährt.“ (Shafak, Elif (2013): Die vierzig Geheimnisse der Liebe, Zürich/Berlin)

            Es wird deutlich: ein Lebensweg wird dann wahrhaft spirituell, also geistdurchwirkt, wenn es eben den Schritt über das selbst gelegte Fundament hinauswagt, um in die existenzielle Berührung mit Gott zu kommen. Und dieser Gott, so lehrt es die jüdisch-christliche Tradition, ist kein a-personales Kraftfeld, welches irgendwo im himmlischen Elysium wabert; unser Gott ist lebendige Geschichte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieser Gott begleitet seine Schöpfung. Dieser Gott ist Mensch, Person geworden. Dieser Gott ruft den Menschen heraus aus den selbstgemachten Wahrheiten und straft sie Lügen.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir die beiden Lesungen aufmerksam verfolgt haben, fällt uns ein kleines Wort auf. Die Sehnsucht des Elíja nach der Gottesbegegnung will Gott beantworten: „Komm heraus und stell dich auf den Berg.“ (1Kön 19,11b) Der Glaube, ja das ganze Leben des Elíja wird in dieser Begegnung erschüttert und existenziell umgekrempelt, denn seine Vorstellungen von Gott werden komplett umgeworfen. Gott kommt nicht im Sturm, nicht im Gewitter, nicht im Feuer, Gott kommt nicht in der ihm innewohnenden Allgewalt – sondern in der Stille des Atems, des rûaḥ, welcher durch Gott gehaucht bereits am Anfang aller Anfänge die Schöpfung in Dasein erweckt hat. Das ist das Fundament, das trägt: die Anerkennung, dass Gott zunächst einmal nicht diesseits, sondern jenseits all unserer Vorstellungen liegt.

            Diese Erfahrung machen wir heute auch mit den Jüngern im Boot und besonders mit Petrus. Jesus ist der Herr. Er ist das Boot, der See, der Sturm; er ist alles in allem (vgl. Eph 4,6). Sobald die Jünger wieder einmal glauben, sie haben Jesus, ihren Herrn, verstanden, kommt die nächste Lektion, dass dieser Gott all unser Verstehen übersteigt (vgl. Phil 4,7), dass wir ihn im wörtlichen Sinne nicht begreifen können, damit wir nicht aufhören zu glauben und meinen, wir wüssten jetzt.

            Dass man auf dem Wasser nicht gehen kann, wusste auch der Petrus. Um ihn aber aus seinem selbstgemachten Wissens- und Glaubensfundament herauszulösen und in die alles übersteigende Wirklichkeit Gottes hineinzuholen, ruft der Herr wie vorher den Elíja nun den Petrus: „Komm!“ Als Gemeinschaft der Kirche dürfen wir heute Zeugen dieses Wunders des Glaubens werden. Wir dürfen Zeugen werden, wie ein Mensch seine persönlichen Wahrheiten und Gewissheiten loslässt und ganz auf den Herrn vertraut.

            Doch ganz ähnlich, wie auf die österliche Gewissheit auf dem Berg Tabor der Abstieg folgt, folgt für Petrus die Gewissheit des eigenen Misstrauens – und er geht unter. Glaube bedeutet eben nicht, dass die Schwerkraft verschwindet. Glaube bedeutet, dass ich mich trotz der Erdanziehungskraft nach oben ausstrecke und Christus anvertraue.

Liebe Schwestern und Brüder, so bleibt uns zum jetzigen Zeitpunkt unseres Daseins nichts anderes übrig, als ausgestreckt zwischen Himmel und Erde aufrechten Ganges unseres Weges zu gehen und dem Ruf „Komm!“ zu folgen, immer wenn wir ihn hören. Dieser Ruf ergeht heute wieder an uns. Und dieser Ruf ist unterscheidbar von dem Geschrei, welches diese Welt erfüllt. Wo wir das „Komm!“ hören, am Ende aber nur eine spiritualisierte Sauce finden, welche uns das Dasein etwas angenehmer und geschmeidiger machen will, uns eben nicht fordert und damit wirklich fördert, sondern uns nur da belässt, wo es bequem ist, angenehm und geschmeidig, wo Antworten einfach und Probleme schnell lösbar scheinen, da werden wir alles finden, was das Herz scheinbar begehrt, nur nicht Gott.

            Dort aber, wo es eine wirklich radikale Kraftanstrengung braucht, sich abzukehren und umzudrehen, da dann kommen wir wohl dem Fundament näher, auf welches uns Gott führen will. Dort erst entzieht sich unser Leben dann den schnellen Gewissheiten und einfachen Wahrheiten, Menschen gemachten Radikalitäten und Fundamentalismen, hohlen Phrasen und leeren Versprechungen.

            Ja, dort ist es vielleicht nicht angenehm, weil Gott sich unserem Bedürfnis nach Sicherheit entzieht, weil er eben so anders ist. Dort aber tut sich auch der Raum des wahren Glaubens auf, der weniger mit Sicherheit und Gewissheit zutun hat, als mit Erschütterung und Staunen. Haben wir nur Geduld. Wenn wir diesem Ruf Gottes beständig folgen, wenn wir auf das „Komm!“ hören und die Hand ergreifen, die sich uns entgegenstreckt und wir sie nicht mehr loslassen, werden wir mit Petrus und den Jüngern dann auch jenseits unseres Glaubens endlich mit Gewissheit antworten können: „Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.“ Amen.

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