Vor vielen Jahren besuchten wir damals jungen Mönche einen alten Mitbruder, der mit einem Herzinfarkt ins Spital eingeliefert worden war und der kurz darauf dann auch gestorben ist. Im Spitalzimmer sagte er uns: „Vor Gott ha-n-ich weniger Angscht als vor de Lüüt.“
„Vor Gott habe ich weniger Angst als vor den Leuten.“ – Das ist ein starkes Wort. Es ist auch ein sehr evangelisches Wort, wie wir soeben gehört haben: Jesus lädt uns zum Vertrauen auf Gott ein. Nur so brauchen wir auch vor den Menschen keine Furcht zu haben. „Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“ (Mt 10,31.)
„Vor Gott habe ich weniger Angst als vor den Leuten.“ – Das ist nicht nur ein starkes Wort; es ist vielleicht noch mehr ein Zeichen eines religiös reif gewordenen Menschen.
Inwiefern kann Vertrauen ein Zeichen von Reife sein? Vertrauen in Gott ist uns nicht einfach gegeben. Vertrauen in Gott wird uns nicht einfach in die Wiege gelegt oder bei der Taufe gleich mitgegeben. Nein: Vertrauen auf Gott will erlernt sein.
Das erklärt, weshalb wir alle auch die Erfahrung kennen, Gott nicht oder nur schwer vertrauen zu können. Darunter leiden viele Menschen. – Wie kommt es dazu?
Der Weg zu Gott geht für uns Menschen ausnahmslos über andere Menschen. Von anderen Menschen lernen wir, wer und wie Gott ist.
Damit sind nicht nur Glaubensinhalte gemeint, etwa dass Gott barmherzig ist und dass Christus uns erlöst hat. Natürlich lernen wir auch diese Glaubensinhalte immer nur von anderen Menschen. Aber die Frage nach dem Gottvertrauen geht sehr viel tiefer.
Als Kinder lernen wir vor allem in unseren Beziehungen zu Vater und Mutter und zu den Geschwistern, ob diese Beziehungen und damit das Leben überhaupt vertrauenswürdig sind oder nicht.
In der Beziehung zu Mutter und Vater lernen wir, wer und wie andere Menschen sind und wie wir zu ihnen in Beziehung treten können. Wie wir aus eigener Erfahrung wissen, dauert dieses Lernen viele Jahre, wahrscheinlich das ganze Leben lang.
So ist es auch mit unserer Beziehung zu Gott. Nur wenn wir gelernt haben, ins eigene Leben und in andere Menschen zu vertrauen, nur dann sind wir fähig, auch Gott zu vertrauen.
Unser Vertrauen in Gott braucht demnach ebenfalls eine lange Lernzeit und bleibt wohl für die meisten von uns eine Lebensaufgabe.
Leider ist das Vertrauen in uns selbst und in andere Menschen nie vollkommen. Vollkommene Beziehungen und vollkommenes Vertrauen gibt es unter uns begrenzten Menschen nun einmal nicht.
Das aber bedeutet, dass auch unser Vertrauen in Gott nie vollkommen ist. Es ist immer nur mehr oder weniger stark, und es kennt, wie jede menschliche Beziehung auch, ein Auf und Ab. Einmal spüren wir mehr die Nähe Gottes und dann wieder mehr Distanz. ---
Unser Vertrauen in Gott hängt eng mit dem Vertrauen in uns selbst und mit dem Vertrauen in andere Menschen zusammen. Wir erlernen es auf einem langen und verwickelten Weg, der sehr früh beginnt: mit unseren Beziehungen zu Vater und Mutter.
Aus diesem Grund lohnt es sich, unsere Beziehungen zu Vater und Mutter gut zu kennen. Denn von diesen Beziehungen übertragen wir unweigerlich vieles auf andere Menschen und auf Gott.
Wo die Beziehung zu Vater oder Mutter gut ist, ist diese Übertragung auf Gott kein Problem. Problematisch hingegen kann es dort sein, wo die Beziehung zu Vater oder Mutter schwierig ist.
Gerade hier lohnt es sich, genau hinzuschauen. Denn nur, wenn wir diese schwierige Beziehung gut kennen, können wir mit der Zeit lernen, dass Gott – zum Glück – ganz anders ist.
Zum Beispiel: Gott ist kein strenger Richter, wie es vielleicht Vater oder Mutter waren. Oder: Gott nimmt mich so an, wie ich bin, anders als vielleicht Vater oder Mutter es getan haben. Oder: Gott ist mir gegenüber nicht gleichgültig oder gar ablehnend eingestellt, wie es vielleicht Vater oder Mutter gewesen sind.
Ein Psychologe sagt es so: Eine schwierige Beziehung zu einem Elternteil ist nicht unbedingt schlimm – vorausgesetzt, wir wissen darum. (Cencini.) ---
In einem Buch über ihre jahrelangen Erfahrungen zeigen die beiden italienischen Priester und Psychologen Amedeo Cencini und Alessandro Manenti auf, wie die Welt unserer menschlichen Beziehungen von selbst zur Frage führt, ob es nicht eine absolut verlässliche Beziehung, die Beziehung zu Gott, geben könnte (vielleicht sogar geben muss), weil unsere menschlichen Beziehungen aufgrund ihrer Verletzlichkeit und Verletztheit sonst ungenügend bleiben. (Im Folgenden nach Psicologia e teologia, S. 282f.)
Auf die grundlegende menschliche Frage “Liebst du mich?” kann uns kein Mensch eine vollständig erfüllende Antwort geben, weil dieser andere Mensch genau gleich verletzt und verletzlich ist, wie wir selbst es sind.
Es stellt sich deshalb zwangsläufig die Frage nach einem Du, dass so frei ist zu lieben, dass es dafür keine Gegenliebe fordert, weil es bedingungslose Liebe ist. Das aber ist nur Gott.
Da unsere menschliche Liebe zwangsläufig begrenzt ist und deshalb enttäuscht werden kann, stellt sich zudem die Frage nach einer Liebe, die diese Enttäuschungen und Verletzungen aushalten und dadurch heilen kann. Das aber kann nur ein absolut und in sich gütiges Wesen – Gott.
Die Welt unserer menschlichen Beziehungen ruft letztlich nach einer religiösen Antwort. Innerhalb unserer menschlichen Beziehungen tut sich zwangsläufig die Frage auf, ob es nicht eine absolute, vollständig verlässliche Beziehung gibt, Gottes Treue zu uns.
Diese Frage nach einer bedingungslosen Liebe stellt sich allen Menschen. Sie bleibt wach in uns, solange wir leben. ---
Jesus von Nazaret hat an diese bedingungslose Liebe Gottes geglaubt und daraus gelebt. Er ging in diesem Glauben bis in den Tod.
Jesus macht uns Mut, es ihm gleich zu tun, wenn er sagt: „Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“ (Mt 10,31.)
Amen.
