Auf die Frage: „Warum bist du Christin, warum bist du Christ?“ möchte wohl niemand von uns antworten: „Weil ich so erzogen worden bin.“
Diese Antwort wäre zwar nicht ganz falsch – die meisten von uns sind tatsächlich im christlichen Glauben erzogen worden. Das ist schliesslich auch nicht schlimm.
Aber, und das ist das Entscheidende: Dass wir im christlichen Glauben erzogen worden sind, das ist für unseren jetzigen Glauben an Jesus Christus ungenügend, nicht ausreichend.
Sonst wären wir in der Situation jenes Republikaners in den USA, der auf die Frage, weshalb er Republikaner sei, antwortet, sein Vater und sein Grossvater seien schon Republikaner gewesen.
Darauf sagt sein Gesprächspartner: Ja, aber es gibt auch Demokraten, die sagen, sie seien Demokraten, weil schon ihr Vater und ihr Grossvater Demokraten gewesen seien. Daraufhin der Republikaner: Ja das sind eben Spinner.
Also: Unsere christliche Erziehung ist als Begründung unseres Glaubens an Jesus Christus ungenügend, nicht ausreichend. Wir brauchen gewichtigere Glaubensgründe.
Damit bestätigen wir, dass der Apostel Thomas ganz zu Recht nach Glaubensgründen fragt. Die blosse Behauptung der Jünger, sie hätten den Auferstandenen gesehen, ist für seinen eigenen Glauben an Jesus Christus ungenügend, nicht ausreichend. ---
Wie also begründen wir unseren Glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden und dass er der Sohn Gottes ist?
In der Geschichte des Christentums haben Theologen oft versucht, die christlichen Glaubenswahrheiten mit vernünftigen Überlegungen zu beweisen. Ausgerechnet einer der Grössten von ihnen, Thomas von Aquin aus dem 13. Jh., ist jedoch entschieden der Meinung, wir sollten das bleiben lassen.
Er sagt ziemlich wörtlich: Wenn wir Nichtgläubigen die Wahrheit unseres christlichen Glaubens mit Vernunftgründen beweisen wollen, dann erreichen wir nur zwei Dinge. Erstens: Wir geben den Nichtgläubigen Grund zu Spott, weil wir offensichtlich glauben, wir könnten beweisen, was man nun einmal nicht beweisen kann.
Und zweitens, viel interessanter: Wenn wir versuchen, Nichtgläubigen unseren christlichen Glauben mit Vernunftgründen zu beweisen, dann glauben sie, wir würden glauben aufgrund von Gründen, aufgrund derer wir gar nicht glauben. (Kerr.)
Denn, das sieht Thomas ganz klar: Niemand glaubt allein aufgrund vernünftiger Überlegungen. Niemand wird Christ, nur weil er einen entsprechenden „Gottesbeweis“ gelesen hat.
Wenn schon, dann ist es genau umgekehrt: Weil jemand Christ ist, versucht er vielleicht im Nachhinein, diesen Glauben mit Vernunftgründen zu stützen, ihn plausibel zu machen. ---
Wenn wir nun weder allein aufgrund unserer Erziehung noch allein wegen vernünftiger Überlegungen an Jesus Christus glauben, was ist dann die wahre Grundlage unseres Glaubens?
Es sind letztlich die Erfahrungen unseres Lebens, die uns zum Glauben an Jesus Christus führen. Nur unsere Lebenserfahrungen können uns an den Punkt bringen, an dem wir plötzlich erkennen: Ja, dieses oder jenes Wort Jesu erleuchtet mein Leben; ja, dass Jesus bis zum Ende seines Lebens auf Gewaltanwendung verzichtet hat, das überzeugt mich.
Denn gläubig wird ein Mensch einzig und erst an dem Punkt, an dem er für sich persönlich sagt: Ja, ich glaube das; ja, das, was Jesus von Nazaret sagt, wie er lebt und wie er stirbt, das gibt mir Antwort auf meine Fragen, das gibt meinem Leben Sinn.
Frei nach Thomas formuliert, finden wir unseren Weg zum Glauben wie folgt: Wir alle machen unsere Erfahrungen mit dem Leben, positiv wie negativ. So führt uns das, was uns freut, was uns gelingt, zur Frage, was denn eigentlich zählt in unserem Leben.
Und unser Leid, das wir erfahren, unsere Schuld, die wir begehen, und das Bewusstsein unseres nahenden Todes stellen uns dieselbe Frage nochmals auf ganz andere Weise: Was zählt eigentlich in meinem Leben?
Wenn wir mit dieser Frage ringen, so Thomas, kann es geschehen, dass Glaubensantworten plötzlich als sinnvoll erscheinen. Bewiesen sind sie damit nicht, aber sie überzeugen.
Genau an diesem Punkt werden wir Christen – und zwar egal, ob wir uns dazu dann ausdrücklich bekennen oder nicht. Genau an diesem Punkt werden wir Christen – und das geschieht auf unserem Lebensweg immer wieder neu.
Amen.
