"Gott hat verschiedene Kostgänger.“ Dieser Spruch, den wir meist für Mitmenschen verwenden, die uns etwas zweifelhaft erscheinen, fasst das Geheimnis des Festes Allerheiligen sehr treffend zusammen.
„Gott hat verschiedene Kostgänger.“ Unter den Heiligen finden wir tatsächlich allerlei Kostgänger Gottes. An ein paar willkürlich ausgewählten Beispielen wollen wir sehen, wie vielfältig und unterschiedlich die Schar der Heiligen doch ist – viel farbiger, als uns meist bewusst ist, – und vielleicht auch vielfältiger, als uns manchmal lieb ist. ---
Wir finden unter den Heiligen Soldaten und Krieger: Martin teilt seinen Soldatenmantel mit einem Bettler; Ulrich führt als Bischof ein Heer gegen die angreifenden Ungaren.
Wir finden unter den Heiligen Könige und Politiker: Ludwig IX. von Frankreich geht auf einen Kreuzzug, erbaut in Paris die Sainte Chapelle für die angebliche Dornenkrone Jesu, aber auch ein Spital für Blinde; Tomas Morus, der gelehrte Kanzler von England, stirbt als Märtyrer aus Gewissensgründen.
Wir finden unter den Heiligen Gebildete und Ungebildete: Augustinus, der grosse Kirchenvater, ist Professor für Redekunst, was er zeitlebens nicht mehr los wird; Patrick, der Glaubensbote Irlands, wird als Jugendlicher versklavt und spürt deshalb sein Leben lang seine mangelnde Ausbildung.
Wir finden unter den Heiligen Menschen, die Gott durch ihr Nachdenken suchen: Anselm schreibt noch als Erzbischof von Canterbury Wegweisendes über das Verhältnis von Glaube und Vernunft; Thomas von Aquin nimmt den griechischen heidnischen Philosophen Aristoteles in die christliche Theologie auf, obwohl das von der Kirche ausdrücklich verboten ist.
Wir finden unter den Heiligen Menschen, die Gott durch ihr Tun verherrlichen: Erzbischof Oscar Romero wird in Ecuador als Kommunist verschrieen und hinterrücks erschossen, weil er sich für die Armen einsetzt; Elisabeth von Thüringen, die einstige Königin, scheut sich nicht, Armen und Kranken zu dienen.
Wir finden unter den Heiligen Menschen, die ungerecht behandelt werden: Otmar baut als Abt von St. Gallen das erste Spital auf dem Gebiet der heutigen Schweiz; weil er sein Kloster gegen den Bischof verteidigt, muss er in der Verbannung sterben; Papst Cölestin V. wird nach seiner Abdankung von seinem Nachfolger in unmenschlicher Haft gehalten und vielleicht sogar vergiftet.
Wir finden unter den Heiligen Narren: Franz von Assisi will seinen Orden vom Papst anerkennen lassen; als er aber mit dem Hinweis abgewiesen wird, er solle sich doch gleich im Dreck der Schweine wälzen, tut er das auch und kehrt so zum Vatikan zurück; Philipp Neri wird bereits zu seinen Lebzeiten als Heiliger verehrt und will dem abhelfen, indem er herumläuft, als wäre er betrunken, und seinen Bart zur Hälfte abrasiert.
Wir finden unter den Heiligen Kriminelle: Moses, der Äthiopier, führt eine Räuberbande an, bevor er als Einsiedler in die Wüste geht; König Sigismund ermordet seinen Sohn und gründet zur Busse dafür ein Kloster.
Ja, wir finden unter den Heiligen sogar sture und unbelehrbare Leute: Bernhard von Clairvaux veranlasst eine regelrechte Hexenjagd gegen aufgeschlossene Theologen, die ihm nicht passen; Fidelis von Sigmaringen geht derart schroff gegen die protestantischen Bauern im Prättigau vor, dass er seinen Märtyrertod dadurch erst herausfordert. ---
Wir sehen: „Gott hat verschiedene Kostgänger.“ Das kann auch nach einem ganz kurzen Blick in den Heiligenkalender niemand ernsthaft bezweifeln.
Was sagt uns dieses bedenkenswerte Fest Allerheiligen? Was lernen wir aus der Tatsache, dass Gott so verschiedene Kostgänger kennt?
Einmal: Ganz offensichtlich sind die Heiligen keine langweiligen Menschen. Ein Leben vor und für Gott ist sehr spannend, ob es nun in der Wüste, in der Studierstube, in der Familie oder bei den Armen stattfindet.
Dann: Die Heiligen sind einmalige, unverwechselbare Gestalten. Ihr Leben lässt sich mit dem anderer nicht vergleichen. Keine zwei Heiligen sind sich auch nur annähernd ähnlich, selbst dann nicht, wenn beide Theologen, Nonnen oder Märtyrer sind. Jeder Heilige kennt seinen eigenen, unverwechselbaren Weg zu Gott.
Daraus folgt, dass wir im Umgang mit den Heiligen, aber auch im Umgang mit unseren Nächsten besser jedes Vergleichen lassen – und auf jedes Urteilen und Richten verzichten.
Die Kirche hat viele Menschen heilig gesprochen; aber sie hat von keinem einzigen behauptet, er sei endgültig verdammt. Dieses Urteil steht ihr nicht zu. Entsprechend wollen auch wir unseren Mitmenschen wünschen, dass auch sie ihren je eigenen Weg zu Gott finden, und wir wollen über niemanden den Stab brechen.
Und schliesslich: Was die grosse und vielfältige Schar der Heiligen in ganz besonderer Weise bezeugt, das ist Gottes Heilswillen für alle Menschen. Das gilt es nie zu vergessen: Gott will das Heil aller Menschen. Das gehört zu den ganz grundlegenden Aussagen unseres christlichen Glaubens.
Papst Benedikt hat deshalb einmal den bemerkenswerten Satz geprägt: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“
„Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“ Das bedeutet: Das Fest Allerheiligen ist nicht nur das Fest der Heiligen im Himmel; es ist auch das Fest unserer Hoffnung: Die Berufung zur ewigen glückseligen Gemeinschaft mit Gott gilt auch uns persönlich.
Ganz egal, wer wir sind und was unsere Herkunft und Vergangenheit ist: Wir sind von Gott aus Liebe erschaffen, wir sind durch seine Barmherzigkeit erlöst, und wir sind jetzt schon zum Leben in seiner Gegenwart berufen. Das ist der Boden, auf dem wir stehen.
„Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“ Dieser Satz drückt etwas vom Tröstlichsten und Wahrsten unseres christlichen Glaubens aus: dass Gott das Heil aller Menschen will. Anders formuliert: Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.
Der heilige Benedikt empfiehlt deshalb in seiner Regel als wichtigstes – als wichtigstes! – „Werkzeug der geistlichen Kunst“ den folgenden Rat: „an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln“! (RB 4,74.)
Amen.
