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Predigt von P. Patrick Weisser am 2. Sonntag der Weihnachtszeit 2026

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Es wird immer wieder berichtet, dass ein berühmter Mensch gestorben ist, aber es wird kaum je erzählt, dass ein berühmter Mensch geboren wurde.

Dass ein Mensch besonders war, das wissen wir erst im Rückblick auf sein Leben. Dass ein Mensch für seine Mitmenschen Bedeutendes leisten wird, das kann man nicht schon bei seiner Geburt wissen. Da ist noch alles offen.

Das ist auch bei Jesus von Nazaret der Fall. Die Geschichten von seiner Geburt, die wir in der Weihnachtszeit so gerne hören, werden ja erst verfasst, nachdem Jesus am Kreuz gestorben ist, lange nach seinem Tod und seiner Auferstehung.

Erst die Erfahrungen, welche die Jünger mit Jesus von Nazaret machen: sein Leben, seine Verkündigung, seine Taten, sein Leiden und Sterben am Kreuz sowie die Begegnungen mit dem Auferstandenen, erst diese Erfahrungen führen dazu, dass sich die frühen Christen Gedanken darüber machen, wer dieser Jesus von Nazaret eigentlich ist.

Sehr schnell schon schreiben die ersten Christen Jesus ausserordentliche Begriffe zu, die später so genannten „Hoheitstitel“ Jesu: Jesus wird „Sohn Gottes“ genannt, „Herr“, „Christus“, d.h. „Messias“, „Gesalbter“, und damit „König“ und „Erlöser“.

Innerhalb von nur etwa dreissig Jahren, zwischen 70 und 100 n.Chr., entstehen so die vier uns bekannten Evangelien. ---

Ein kurzer Vergleich dieser Evangelien zeigt uns, wie sehr die Verfasser darüber nachdenken, wer Jesus von Nazaret eigentlich ist, und wie sehr sich dieses Denken bereits innerhalb dieser vier Evangelien entwickelt. 

Bei Markus, dem ältesten Evangelium, wird Jesus als Sohn Gottes eingesetzt bei seiner Taufe am Jordan. Matthäus und Lukas denken weiter zurück: Bei ihnen ist Jesus Sohn Gottes bereits bei seiner Geburt.

Das Evaneglium nach Johannes, das jüngste Evangelium, denkt noch radikaler: Jesus ist hier Sohn Gottes seit Ewigkeit; er ist das göttliche Wort, das Gott ist und durch das die Welt erschaffen wurde. 

Diese ungeheuren Aussagen haben wir soeben gehört; mit ihnen beginnt das JohEv: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Alles ist durch das Wort geworden.“ (Joh 1,1-3; gekürzt.)
Es liesse sich ausführlich zeigen, dass alle diese Glaubensaussagen, die wir heute noch von Jesus bekennen, aus dem jüdischen Glauben, aus dem AT stammen. Sie wurden nicht aus dem römisch-heidnischen Denken übernommen, wie manchmal behauptet wird.

Das entscheidend Christliche an unserem Glauben an Jesus aber ist nicht einfach, dass Jesus von Nazaret Gottes Sohn ist, sondern entscheidend ist die umgekehrte Formulierung: Dass Gott in Jesus von Nazaret Mensch geworden ist, einer von uns.

Das Johannesevangelium drückt diesen Gedanken deshalb ausserordentlich konkret, ja sogar in anstössiger Weise aus: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14.)

In Jesus von Nazaret wird Gott Fleisch, ein Mensch mit einem vergänglichen Körper, von einer Frau geboren und in Windeln gewickelt. – Ist das nicht erstaunlich?

Der Glaube an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret ist mehr als nur eine schöne Weihnachtsgeschichte, mehr als eine Geschichte nur für Kinder. Weihnachten besagt, dass Gott um unseres Heiles willen alles aufgibt, seine ganze Macht und Herrlichkeit, um ein verwundbares Menschenkind zu werden, um uns nahe zu sein und unser Leben zu tragen – bis ans Kreuz.

Das ist kein Wunschdenken. Denn wir Menschen würden uns, wenn wir Gott wären, niemals auf ein solches Risiko einlassen, wie Gott es eingegangen ist.

Die Entwicklung des Nachdenkens über Jesus von Nazaret, wie wir sie in den Evangelien nachlesen können, ist erstaunlich. Es ist kaum zu glauben, was die Evangelien von einem Menschen, von Jesus von Nazaret behaupten: dass er Gott ist, der in die Welt gekommen ist, um uns zu befreien.

Anders formuliert: Im Menschen Jesus von Nazaret, in seinem Leben und Sterben, erkennen wir, wer Gott wirklich ist. Das ist der Kern des christlichen Glaubens.

Erstaunlich ist ebenfalls, wie unglaublich rasch dieser Kern unseres Glaubens entwickelt wird: In nur knapp dreissig Jahren werden alle vier Evangelien des späteren Neuen Testaments geschrieben, Mk, Matthäus, Lukas und Johannes, und zwar an verschiedenen Orten des römischen Reiches. 

Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n.Chr. schreibt Mk sein Evangelium. Es folgen um 80 bis 90 die Evangelien von Matthäus und Lukas. Und um das Jahr 100 n.Chr. folgt das Johannesevangelium mit seinen ungeheuren Aussagen über Jesus von Nazaret. 
Natürlich denken die Christen in den folgenden Jahrhunderten weiter über Jesus von Nazaret nach, doch der Grundstein, der Kern unseres Glaubens, ist gelegt.

Der amerikanische Neutestamentler Luke Timothy Johnson formuliert es so: „Die antike Literatur enthält Erzählungen über Helden wie Alexander den Grossen. Aber vier Erzählungen, alle geschrieben innerhalb eines Zeitraumes von dreissig Jahren, über einen unbekannten Lehrer aus der Provinz, der höchstens drei Jahre lang wirkte und der den beschämenden Tod eines Verbrechers starb, das ist ohne Parallele.“

Wir Christen müssen uns unseres Glaubens nicht schämen, wie es heute viele Menschen in Europa tun. Die Geschichte von Jesus von Nazaret, die Geschichte unseres Heiles, ist ohne Parallele. Es gibt keine bessere.

Amen.

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