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Predigt von P. Meinrad M. Hötzel am Elften Sonntag im Jahreskreis 2026

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, «als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.» 

Man kann sich gut vorstellen, woran Jesus hier gedacht hat. Schafe ohne Hirten müssen sehr aufmerksam und vorsichtig sein, um sich vor drohenden Gefahren zu schützen, Raubtiere rechtzeitig wahrzunehmen und zu fliehen, abschüssige Stellen auf den Weiden und Wegen zu erkennen, sich vor Unwettern und Naturkatastrophen in Sicherheit zu bringen, sie müssen fruchtbare Wiesen und gute Lagerplätze finden, das alles braucht Energie, irgendwann macht das müde und erschöpft. Solche Anzeichen von Müdigkeit und Erschöpfung, wie Jesus sie bei seinen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen erkannt hat, würde er wahrscheinlich auch heute bei den Menschen sehen. Auch heute fühlen sich viele überfordert und angespannt, weil man in den Medien und im eigenen Umfeld ständig neue Gefahren für das politische, soziale und wirtschaftliche Wohl sieht, nicht weiss, wie man sich und seine Angehörigen auf Dauer vor drohenden Kriegen, Kriminalität und zunehmender Unsicherheit und Instabilität in der Gesellschaft schützen soll, wo und ob angesichts von extremen Wetterphänomenen und Klimawandel auch für zukünftige Generationen ein gutes Leben möglich sein wird, wie man den eigenen Lebensunterhalt bestreiten kann ob steigender Preise, Mieten und Kosten.

Solche alltäglichen Sorgen, die ständig an einem nagen, man immer wieder wälzen muss, machen müde. Da wäre man froh, man könnte immerhin etwas von der Verantwortung abgeben, man hätte jemanden, der wie ein Hirte immerhin mal einen Weg, eine Perspektive aufzeigen kann und etwas Schutz vor Gefahren sowie Hilfe bei Herausforderungen verspricht. Beobachter der politischen Entwicklungen der heutigen Zeit sehen darin Ursachen, dass viele Menschen sich in Politik und Wirtschaft nach starken Führungspersönlichkeiten sehnen, die Sicherheit vermitteln und Orientierung geben. Wie wir gehört haben, kann Jesus diese Sehnsucht sehr gut nachvollziehen, aber er warnt in vielen Gleichnissen in den Evangelien auch davor, dass man nicht zu leicht meinen sollte, in Menschen solche Hirten zu erkennen.

Am heutigen Tag gedenken wir eines Menschen, der seit langer Zeit als Vorbild und Leitfigur wahrgenommen wird, des Ehrwürdigen Dieners Gottes Bruder Meinrad Eugster. Bruder Meinrad war ganz anders als wir uns eine führungsstarke Hirtenfigur vorstellen. Wenn es uns um so jemanden ginge, böten sich die anderen beiden Einsiedler Mönche, deren Todestag heute ist, eigentlich viel mehr an: der 1541 verstorbene P. Wendelin Oswald, der als wortgewaltiger Prediger weitum berühmt war und als Seelsorger beim Wiederaufblühen des Klosters vor 500 Jahren half und auch der 1798 verstorbene P. Eberhard Högger, der in den unruhigen und sorgenvollen Zeiten um die französische Revolution und vor dem französischen Einfall in Einsiedeln Verantwortung in Schule, Musik, Verwaltung und als Oberer des Klosters übernahm. Noch viel mehr würde man an einen grossen Hirten bei dem gestern vor 457 Jahren verstorbenen Abt Joachim Eichhorn denken, der in der Geschichtsschreibung aufgrund seiner Verdienste um Wiederaufbau und Reform des Klostergemeinschaft im 16. Jahrhundert als zweiter Gründer des Klosters bezeichnet wurde.

Stattdessen gedenken wir mit Bruder Meinrad Eugster heute eines Mönches, dem es als Bruder in seiner Zeit gar nicht vergönnt war, höhere Leitungsaufgaben im Kloster zu übernehmen und der auch in seinem Arbeitsbereich die Führung der Schneiderei bald an andere abtrat, denen dies mehr lag als ihm. Er war keine charismatische und berühmte Persönlichkeit und auch seine überlieferten Schriften haben bisher nur auf wenige Menschen spirituellen Einfluss ausgeübt.

Dennoch ist er der einzige Einsiedler Mönch für den man sich um eine Seligsprechung bemüht. Heilige und Selige sind jene, bei denen Menschen ihrer Zeit am intensivsten das gespürt haben und wir noch heute spüren, was Jesus seinen Aposteln aufgetragen hat, dass die Nähe Gottes, der Himmel erfahrbar wird, dass man erleben kann, dass Jesus Christus auch in der eigenen Zeit, in der eigenen Welt heilend, Leben bringend und das Böse vertreibend auftritt. Woher kommt diese Erfahrung bei Bruder Meinrad? Trotz aller Probleme und Ängste seiner Lebenszeit während Erstem Weltkrieg, grosser gesellschaftlicher Spannungen und wirtschaftlicher Krisen, trotz aller persönlichen Enttäuschungen, Einschränkungen und Zurückweisungen, aller Verletzungen und Konflikte, aller gesundheitlichen und seelischen Leiden, die er erlitt, lebte er aus einer tiefen Zufriedenheit und einem ausgeprägten Gefühl von Glück. Das konnte er und strahlte das auch aus, weil er auf die Zusage der Treue und Führung Gottes wirklich vertraute, dass Gott uns Menschen wie auf Adlerflügeln zu sich trägt, wie es in der Lesung aus dem Buch Exodus hiess. Das Vertrauen in Gott in der Welt sichtbar zu machen und an andere weiterzugeben, das bedeutet in dieser Lesung die Berufung, ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk zu sein.

Diese Berufung lebt Bruder Meinrad, weil er den Menschen, seien es jene, die ihn beim Beten gesehen haben, denen er freundlich und hilfsbereit begegnet ist, denen er tröstende und ermutigende Worte geschenkt und Briefe geschrieben hat oder auch jene, die ihn nach seinem Tod bis heute um Fürsprache bei Gott anrufen, ihnen allen und auch uns vermittelt er, dass es einen wahren Hirten gibt, der auch uns von unserer Erschöpfung, unserer Müdigkeit, unseren Sorgen und Ängsten befreien und uns Sicherheit und Halt geben will. Wie Bruder Meinrad können wir, ohne die Belastungen unseres Lebens und unserer Zeit zu ignorieren, uns entscheiden, uns nicht von ihnen erdrücken zu lassen, nicht in der Erschöpfung und Müdigkeit zu leben, als hätten wir keinen Hirten, sondern zu leben in der Zufriedenheit und dem Glück, die uns unser Hirte schenkt, Jesus Christus. Amen.
 

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