Liebe Schwestern und Brüder in Christus, «Wenn ich gross bin, will ich König werden!» Diesen Berufswunsch hören vermutlich die meisten Eltern irgendwann mal von ihren Kindern; ich jedenfalls habe ihn ganz sicher geäussert. Neben der Faszination von Schlössern und Kronen, ist da wohl auch das treibende Motiv sehr ähnlich, denn wer könnte es leichter haben, seine Probleme zu lösen, als ein König? Der König der Schule beispielsweise könnte alle denkbaren Hänseleien ja einfach verbieten.
Einer ganz ähnlichen Vorstellung von Königtum sind wir gerade eben im Evangelium begegnet: Nachdem schon die Soldaten Jesus verspottet hatten, dass er sich doch selbst retten solle, wenn er wirklich König der Juden sei, fordert ihn auch einer der beiden neben Jesus Gekreuzigten auf: «Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns!»
Die Kreuzigung war bei den Römern eine Hinrichtungsart, die vor allem an Aufständischen verhängt wurde. Das heisst, dass es sich bei den Verbrechern, die mit Jesus gekreuzigt wurden, durchaus um Revolutionäre gehandelt haben könnte, die das Volks Israel mit Gewalt von der Herrschaft der Römer befreien und einen König der Juden an die Macht bringen wollten. Ein König, ein starker Mann und Anführer aus dem eigenen Volk, so war wohl ihre Hoffnung, würde all ihre politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme mit einem Handstreich lösen.
Das heutige Christkönigsfest ist 1925, vor einhundert Jahren, in ganz ähnliche Vorstellungen hinein eingeführt worden. Nur wenige Jahre nachdem man mit dem Ende des Ersten Weltkriegs in vielen europäischen Ländern Monarchien durch demokratische Regierungen ersetzen konnte, sehnten sich nun schon wieder viele Menschen nach neuen absoluten Machthabern, die ihren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Sorgen abhelfen sollen; solche Machthaber, wie die Nationalsozialisten in Deutschland, würden bald die Welt in den nächsten Weltkrieg führen.
Papst Pius XI. lädt da mit dem neuen Fest die Menschen ein, ihre ja realen Nöte nicht den vermeintlichen Heilsbringern verschiedener politischer Lager anzuvertrauen, sondern dem einzigen Herrn und König, Jesus Christus. Die Sehnsucht nach starken Herrschern, welche die Probleme der Welt lösen, gibt es ja heute noch. Wie aber können wir uns das Königtum Christi vorstellen, dass es da tatsächlich eine bessere Alternative sein kann?
Ein Blick auf die Lesung aus dem Kolosserbrief macht deutlich, um was für eine königliche Autorität es bei Christus geht. Es geht nämlich um jene Autorität, von der alle menschliche Autorität und Macht abgeleitet ist, nämlich um die auctoritas Gottes, seine Autorschaft, Urheberschaft der Welt als Schöpfer. Christus bildet ab, wie Gott die Welt geschaffen und gewollt hat und warum, nämlich um in allem zu wohnen und alles zu versöhnen.
In Christus kommt diese Schöpfermacht Gottes zur Geltung, weil durch Christus und auf ihn hin alle «Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten» erschaffen wurden. Bei diesen Begriffen denken wir als erstes an politische Mächte. Jedoch bezeichnen die griechischen Worte, die hier übersetzt sind, ebenso Tendenzen, Haltungen, Vorstellungen, Denkweisen und Anschauungen, die uns Menschen beherrschen und leiten. In erster Linie sind es diese, die dazu gedacht sind, den Ursprung und das Ziel der Schöpfung, nämlich Christus, also die Gemeinschaft und Versöhnung von allem mit Gott, ins Zentrum unseres Denkens, Entscheidens und Tuns zu stellen. Soweit dies geschieht, werden dann auch alle Strukturen menschlichen Lebens bis hin zum Politischen auf Christus ausgerichtet.
Was das nun konkret heisst, macht uns sehr eindrücklich der von mir bisher nicht erwähnte der beiden Mitgekreuzigten deutlich. Bei ihm sehen wir nämlich zunächst mal eine echte Umkehr seines Denkens und seiner Beurteilung der eigenen Taten: Angesichts Jesu und seines Schicksals als unschuldig Verurteilter erkennt er, dass er sich in der Gewalt verrannt hatte und dadurch selbst schuldig geworden ist, selbst wenn er eigentlich gute Motive und Ziele für den Widerstand gegen die Römer gehabt haben sollte. Er erkennt, dass eine Versöhnung mit Gott, in sein Reich zu gelangen, nur möglich wäre durch diesen Jesus. Er vertraut darauf, dass dieser Jesus nicht aus der Gemeinschaft mit Gott fallen kann, selbst durch den Tod nicht, und dass er selbst in Jesu Gedanken dorthin gelangen kann: «Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!».
Papst Pius XI. nahm bewusst das 1600jährige Jubiläum des Konzils von Nizäa zum Anlass, das Christkönigsfest einzusetzen, weil die Grundlage der konkreten Königsherrschaft Christi über die Menschen ist, dass sie seine untrennbare Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, ihre Wesenseinheit, annehmen, die im Konzil von Nizäa feierlich verkündet wurde.
Das 1700jährige Jubiläum des Konzils von Nizäa, das wir dieses Jahr begehen, kann uns nun daran erinnern, dass es, damit dieser unser im Glaubensbekenntnis gefasste Glaube Bedeutung für unser Leben bekommt, immer wieder unser Hinwenden zu Christus in unseren konkreten Nöten braucht im Vertrauen, dass er auch das alles mit Gott versöhnen und Gott darin wohnen lassen kann: Jesus, denk an mich!
In den Herausforderungen unseres Lebens gibt es auch für uns die Versuchung wie der spottende Mitgekreuzigte Jesus zu einem König von unseren eigenen Gnaden zu machen, der unsere Probleme nach unseren Vorstellungen lösen soll und in unsere Massstäbe passt. Nach dem Vorbild des anderen Mitgekreuzigten können wir aber auch unsere eigenen Denkweisen zu Christus hinwenden, unsere Vorstellungen nach ihm ausrichten und uns in seinen Willen geben.
Dann muss die Antwort Jesu «Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.» für uns keine Vertröstung auf das Leben nach dem Tod sein. Stattdessen dürfen wir gewiss sein, dass sein Reich mit seinem Kommen in die Welt angebrochen ist und durch seine Hingabe im Tod gerade kein Ende genommen hat, sondern für uns geöffnet wurde, wie es im Kolosserbrief hiess: Gott «hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes.» Dies geschah in unserer Taufe, in der wir hineingenommen sind, in Tod und Auferstehung Christi.
In der Taufe sind wir aber auch gesalbt, haben wir teil an der königlichen Würde Christi, haben den Berufswunsch, Königinnen und Könige zu werden, darin schon erreicht. Denn dass die Schöpfung nach der guten Idee Gottes für seine Schöpfung gelenkt wird, da können wir einiges dazu beitragen. Dies tun wir, indem wir alles, was uns bestimmt, auf Christus hinwenden und so im Konkreten unseres Umfeldes sein Königtum verwirklichen. So können wir unsere Umwelt entsprechend mitgestalten, prägen, wenn wir uns von Christus prägen lassen, wie die Schriftstellerin Gertrud von Le Fort es einmal wunderschön im Vers eines Gedichtes ausgedrückt hat: «Präge dich tiefer mir ein du Bild meines Königs. Du allein sollst in meiner Seele leben, in meinem Herzen und auf meinem Antlitz. Nur Du, lebenslang nur Du.»
