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Predigt von P. Meinrad M. Hötzel am 17. Sonntag im Jahreskreis 2025

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

gerade haben wir im Evangelium eine sehr eindringliche Ermutigung Jesu gehört, zu Gott zu beten und ihn in unseren Anliegen zu bitten. Leider kennen wir aber wohl alle die Erfahrung, dass wir bitten, aber nicht empfangen, wir suchen, aber nicht finden und anklopfen, aber nicht geöffnet bekommen. Da kann ich es gut nachvollziehen, dass mir jemand kürzlich schrieb: «Wissen Sie, ich bin bezüglich des Bittgebets ein Kleingläubiger. Es fällt mir eher schwer, zu glauben, dass Gott auf unsere persönlichen Bitten eingeht.» Zeugt diese Skepsis tatsächlich von Kleinglauben oder nicht eher von gesundem Realismus, dass wir es uns mit unseren Erwartungen an unser Gebet nicht zu leicht machen sollten? Der evangelische Theologe und Pfarrer Jörg Zink zeigte einmal ironisch, was bei dem Modell des christlichen Gebets, dem Vater Unser, dessen Version des Lukas-Evangeliums wir gerade gehört haben, herauskommt, wenn wir meinten, Gebet bedeute, dass Gott einfach unsere Wünsche nach unserem Willen erfülle:   

«Lieber Gott, du bist doch mein Vater. Dann sorg bitte dafür, dass es mir gut geht. Sorg dafür, dass ich beliebt bin und einen gerechten Namen bekomme. Sorg dafür, dass ich gut abschneide und in meinem Beruf vorwärtskomme. Ich will mir noch einmal ein kleines Reich leisten können. Ein Häuschen und eine Familie. Sorg dafür, dass ich erreiche, was ich mir vornehme. Ich will dann auch hin und wieder etwas tun, was du willst. Vom Brot allein kann niemand leben, das weisst du. Gib mir immer das nötige Geld, dass ich so leben kann wie die anderen, die sich auch alles leisten können. Ich weiss zwar nicht, was an mir nicht recht sein soll. Ich bin immer anständig gewesen. Aber wenn das eine oder andere nicht ganz in Ordnung war, dann wirst du mir das schon verzeihen. Und sorg auch dafür, dass die anderen mir nichts zuleide tun, denn das hätte ich nicht verdient. Manchmal, das weisst du, möchte ich schon gern etwas Verbotenes tun. Sorg dafür, dass ich es nicht tue. Es liegt doch an dir, ob ich es tue oder nicht. Die Versuchung machst ja doch du. Noch eines, das ist ganz wichtig, lieber Gott, dafür musst du sorgen: Dass ich nie krank werde, dass ich nie ein Unglück erlebe, z.B. einen Unfall mit meinem Fahrrad. Dass ich keine Schmerzen habe und dass ich einmal, wenn ich sterbe, nichts davon merke. Du bist doch Gott. Sie sagen: der liebe Gott. Dann sorg dafür, dass es mir gut geht. Denn sonst habe ich Angst vor morgen und vor dem nächsten Jahr und vor dem Tod und vor den Schmerzen und vor den anderen Leuten. Sorg dafür, denn es gibt ja auch für dich nichts Wichtigeres als mich. Amen.»

Wenn ich dieses Gebet so lese, fühle ich mich ertappt. Denn im Grunde wünsche ich mir ja auch, dass Gott mir hilft, dass es mir gut geht. Und doch weiss ich, dass ich enttäuscht werde, wenn ich in dieser Weise erwarte, dass Gott für das Gelingen meines Lebens nach meinen Massstäben sorgt. Dass Gott auf persönliche Bitten dieser Art eingeht, da bin auch ich skeptisch, ja ein Kleingläubiger. Aber habe nicht auch ich meiner persönlichen Anliegen und Wünsche und bringe nicht auch ich die Probleme von mir, anderen Menschen und der Welt vor Gott und erhoffe, dass er alles für mich regelt? Vielleicht lohnt es sich doch einmal ein wenig über das Gebet nachzudenken.

Offenbar hatten die Jüngerinnen und Jünger Jesu in der im Lukasevangelium erzählten Situation das Gefühl, noch Nachhilfeunterricht im Beten nötig zu haben. Und zwar war ihnen das aufgegangen, als sie Jesus beim Beten beobachteten. Sein Beten hatte offenbar eine solche Ausstrahlung und Eigenart, dass sie auch lernen wollten, so zu beten, und baten Jesus daher, sie darin zu unterrichten. 

Wenn wir nun auf Jesus als Beispiel des Beters schauen, dann fällt auf, dass unter den wenigen Gebetsworten Jesu, die im Lukasevangelium überliefert sind, nur eine Bitte Jesu für eine eigene Angelegenheit überliefert ist. Und zwar sein flehender Ruf an Gott im Garten Getsemani: «Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!»

Bei dieser einzigen Bitte Jesu an Gott für sich selbst bat er also tatsächlich für sein eigenes Wohl, und zwar nicht um ein allgemeines Gutergehen, sondern um die Rettung aus einer Situation, von der er schon ahnte, dass sein Leben auf dem Spiel war. Und wir wissen ja, wie es ausgegangen ist. Kurz darauf wurde Jesus verhaftet, verspottet, gefoltert, gekreuzigt. Muss man also sagen, dass die einzige im Lukasevangelium überlieferte Bitte Jesu für sich selbst von Gott nicht erhört wurde, er von seinem Vater statt Fisch und Ei Schlange und Skorpion erhalten habe? Nein, im Gegenteil: Die Botschaft der Evangelien, ja des ganzen Neuen Testaments ist ja gerade, dass Jesus erhört wurde. Aber eben, so wie er auch bat, nicht nach den Massstäben menschlicher Vorstellung und menschlichen Willens, sondern nach Gottes Willen und Möglichkeiten. Denn Gott erhörte Jesus durch den Tod hindurch in der Auferweckung und dem Geschenk neuen, ewigen Lebens für die Menschheit, verwandelte den Kelch des Leids in einen Kelch des Heiles.

Wenn wir also von Jesus beten lernen wollen, müssen wir auf sein Beispiel gerade angesichts seines Todes und seiner Auferstehung blicken. Für Jesus bedeutete seinen göttlichen Vater um seine Rettung vor dem Kelch des Leides zu bitten, auch das Leid trotzdem anzunehmen, aber nicht apathisch, sondern im Vertrauen, das soweit geht, am Kreuz seinen Geist auszuhauchen mit den Worten «Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist», wie im Lukasevangelium Jesu letzte Worte lauten.
In der Lesung aus dem Kolosserbrief haben wir gehört, dass unsere Taufe bedeutet, mit Christus begraben zu werden, um auch mit ihm auferweckt zu werden und aus ihm leben zu können. Das ist wohl auch eine gute Grundlage und Haltung für das Gebet. Indem wir Gott in allen Situationen unseres Lebens und um alles bitten dürfen und auch sollen, nehmen wir ihn mit in jede Ecke unserer Existenz, lassen ihn dort hinein. Zu beten heisst dann aber nicht sich einfach zu wünschen, was zu geschehen hat, sondern unsere Anliegen Gott anzuvertrauen, ihm zu überlassen. Das meint nicht einfach alles, was dann geschieht, hinzunehmen, sondern durchaus zu ringen, das Bitten zum Gespräch, ja auch zum Klagen werden zu lassen, aber stets im Vertrauen, das Gottes Wille geschehen soll, weil er es gut mit uns meint. Hier hatte die ironisch-überspitzte Vater-Unser-Version von Jörg Zink nämlich recht: Für Gott gibt es tatsächlich nichts Wichtigeres als jede und jeden Einzelnen von uns. Durch unsere Taufe liebt uns Gott ebenso als seine Kinder, wie Gottvater seinen Sohn Jesus Christus liebt. Wie er dürfen wir uns im Beten auf diese Liebe Gottes verlassen, auch wenn er manchmal anders auf unsere persönlichen Bitten eingeht, als wir uns das vorstellen.

So zu beten kann unser Gebet von plumpem Wünschen in etwas anderes verwandeln, nämlich in ein Glaubensbekenntnis, wie der Theologe Bernhard Häring das Vater Unser als Modell unseres Betens nannte. Denn indem wir vor Gott unsere Anliegen und Bitten vorbringen, ihm übergeben, trauen wir ihm zu, glauben wir, bezeugen wir, dass in unseren Sorgen, Herausforderungen, Ängsten und Nöten sein Name, er uns als heilig, als des Lobes und Preisens würdig erscheint, dass er allein die Geschicke unseres Lebens leitet, dass es gut für uns ist, wenn sein Wille geschieht, dass er uns immer das geben wird, was wir zu echtem Leben brauchen, dass Vergebung und Versöhnung möglich sind, dass wir dem Bösen nicht ausgeliefert sind, sondern sich das Gute bereits endgültig durchgesetzt hat. Gott um etwas zu bitten, heisst also vor ihm und der Welt das eigene Vertrauen in Gott zu bekennen und Ja zu sagen zur Glaubensbeziehung mit ihm. Dann spricht aus uns der Heilige Geist, den Jesus uns als die eigentliche Gabe des Vaters versprochen hat, wenn wir ihn um etwas bitten. Amen.
 

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