«Freut euch im Herrn zu jeder Zeit, noch einmal sage ich euch: Freut euch!»
Liebe Mitchristen, diesen Satz schreibt der Apostel Paulus an die christliche Gemeinde von Philippi. Dieser Satz steht auch als Eröffnungsvers am Anfang der heutigen Messe. Er liefert sozusagen das Motto des heutigen Sonntages, des Gaudete-Sonntags. Es ist einer von nur zwei Sonntagen im Jahr, an denen die liturgische Farbe rosa verwendet wird, eine Mischung aus dem dunklen Violett der Adventszeit und dem festlichen Weiss von Weihnachten. «Der Herr ist nahe» – das Licht der Heiligen Nacht strahlt uns schon entgegen und hellt die adventliche Wartezeit auf. Am heutigen dritten Adventssonntag steht deshalb die Freude im Zentrum.
Schon der griechische Philosoph Epikur hat die Freude zum Inbegriff seiner Lehre gemacht. Um Freude zu erlangen, empfiehlt Epikur ein zurückgezogenes Leben im Kreise der Freunde. Die wenige Zeit, die uns zur Verfügung steht, sollte man geniessen und tun, was Freude bereitet, ohne sich zu sehr um die äusseren Dinge zu kümmern.
Die Lebenseinstellung des Epikur scheint heute wieder in Mode zu sein: Seit der Corona-Pandemie beobachtet man einen Rückzug ins Private und eine Umfrage hat kürzlich gezeigt, dass 46% der Schweizer Bevölkerung keine Zeitung lesen oder sich in den Nachrichten über aktuelle Geschehnisse informieren. Irgendwie ist das ja verständlich, denn es gibt so viele schlechte Nachrichten jeden Tag: Kriege, Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen, Hungersnöte, Flüchtlingselend. All dieses Negative schlägt doch auf die Stimmung. Warum sollte man sich das Tag für Tag antun?
Nicht unbedingt ein Vorbild der Freude ist Johannes der Täufer, vom dem im heutigen Evangelium die Rede ist. Er sitzt im Gefängnis, weil er es gewagt hat, den König Herodes zu kritisieren. Dazu hätte Epikur wohl gemeint: «Ich habe es ja schon immer gesagt. Wenn Johannes meine Ratschläge befolgt hätte, dann wäre es sicher nicht so schlimm herausgekommen.» Wer sich in die Politik einmischt, wer die Mächtigen kritisiert, der muss eben mit Widerstand rechnen, für den kann es ziemlich schnell ziemlich ungemütlich werden.
«Freut euch zu jeder Zeit!» Erfüllen wir diese Aufforderung des Apostels Paulus dann am besten, wenn wir es so machen, wie Epikur vorschlägt: Wenn wir uns ins Private zurückziehen, uns nicht zu sehr um die Probleme der Welt kümmern und die kurze Zeit unseres Lebens bestmöglich geniessen?
Johannes der Täufer hat einen anderen Weg gewählt: Sein Leben ist geprägt von beeindruckender Radikalität: Verzicht auf Luxus und Üppigkeit, kompromissloses Eintreten für die Wahrheit. Seine Worte sind glaubhaft und authentisch, weil er auch so lebt, wie er in seiner Predigt spricht.
Wo Epikur sagt: «Kümmere dich nicht um Probleme», da schaut Johannes umso aufmerksamer hin: Als Prophet sieht er mehr als andere Menschen, auch die grossen Zusammenhänge hat er im Blick, die ungerechten Machtstrukturen zugunsten der Privilegierten, ihren unrechtmässigen Reichtum auf Kosten der Armen.
Und wenn wir Jesus fragen würden, wer mehr Recht hat – Epikur oder Johannes –, dann wäre seine Antwort wohl klar: «Amen, das sage ich euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist keiner grösser als Johannes der Täufer – nicht einmal Epikur.» Jesus lobt seine Geradlinigkeit: Johannes ist kein Schilfrohr, das im Wind schwankt. Er ist der Bote, der den Weg bereitet.
Christliche Freude besteht also nicht darin, dass wir Probleme ausblenden und verdrängen. Christliche Freude kann man nicht in einer fiktiven Welt oder in einem abgeschirmten Bereich erzeugen, sondern sie entsteht durch das Wirken des Heiligen Geistes in der realen Welt, so wie sie sich uns zeigt. Es ist eine Freude im Herrn, die getragen ist von der Hoffnung auf die Nähe des Herrn.
Die vom Heiligen Geist bewirkte Freude gibt uns die Kraft, die Wirklichkeit anzunehmen, ohne daran zu zerbrechen. Diese Freude tröstet uns, wenn wir Unschönem und Leidvollem begegnen. Sie inspiriert uns, im Rahmen des Möglichen nach Lösungen zu suchen für die Probleme, die immer wieder auftauchen werden. Sie hilft uns aber auch, scheinbar Unlösbares im Gebet vor Gott zu tragen und durch Gebet und Nächstenliebe unseren Beitrag zu leisten für den Aufbau einer besseren Welt.
Johannes hat die Menschen getauft als Zeichen der Umkehr und der Vergebung der Sünden. Er lebte aus der Hoffnung auf die bald bevorstehende Ankunft des Messias. Deshalb verkündete er: «Nach mir kommt einer, der stärker ist als ich. Ich taufe mit Wasser, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.»
Nun, da Johannes im Gefängnis sitzt, zeigt sich, dass ihn seine Hoffnung immer noch trägt. Er will wissen, ob Jesus Christus der verheissene Messias ist, der mit dem Heiligen Geist Gesalbte, auf den er voll Sehnsucht gewartet hat: «Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?»
Und Jesus antwortet auf die Anfrage des Johannes: «Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet». Es ist eine Zusammenfassung von dem, was Jesus in den vorausgehenden Kapiteln des Evangeliums getan hat. Doch die Antwort Jesu ist kein klares Ja. Er überlässt es Johannes und auch uns, die Schlussfolgerungen selbst zu ziehen.
Viele schlechte Nachrichten prasseln täglich auf uns ein. Wie kann man da noch Freude am Leben empfinden? Müssen wir den Weg des Epikur wählen, uns zurückziehen und sagen: Das geht uns alles nichts an. Oder gelingt es uns, neben all dem Negativen auch die Spuren von Gottes Wirken zu erkennen, auf die uns die Antwort Jesu hinweisen will?
«Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch», sagt Jesus an einer anderen Stelle im Evangelium. Das Reich Gottes ist oft unscheinbar. Jesus vergleicht es mit einem Senfkorn, dem kleinsten unter allen Samenkörnern. Es liegt an uns, das Wachstum dieses Senfkorns wahrzunehmen mitten in den Turbulenzen der heutigen Zeit. Es liegt an uns, dem Senfkorn des Reiches Gottes Raum zu geben, in unserem Herzen, in unserem Leben, in unseren Familien. Es soll wachsen und gedeihen, damit es Frucht bringt und sich ausbreitet. Dazu lädt uns die Adventszeit ein: Dass wir dem Wirken des Heiligen Geistes Raum geben in unserem Herzen. Denn die Frucht des Heiligen Geistes ist Liebe, Güte, Freundlichkeit, Frieden und Freude. Amen.
