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Predigt von P. Mauritius Honegger am 22. Sonntag im Jahreskreis 2025

Liebe Mitchristen, das heutige Evangelium gibt uns einen sehr praktischen Hinweis für das Verhalten bei einem gesellschaftlichen Anlass: Man soll sich nicht gleich nach vorne drängen, sondern bescheiden bleiben und mit den hinteren Plätzen zufrieden sein. Das scheint mir eine kluge Verhaltensweise zu sein. Es lohnt sich, sie zur Kenntnis zu nehmen. Vielleicht ergibt sich ja tatsächlich einmal eine Gelegenheit, bei der wir uns so verhalten werden.

Aber wir müssen uns auch des grossen Abstandes bewusst sein, der zwischen uns und dem Evangelium liegt. Damals, vor 2000 Jahren in Israel-Palästina war die Gesellschaft viel hierarchischer. Es gab eine klare Ständeordnung: Grossgrundbesitzer – Kleinbauer – Handwerker – Fischer – Hirt – Zöllner. In einem galiläischen Dorf war klar, wer viel Ehre besass und wer nicht. 

Inzwischen haben wir die Aufklärung durchgemacht und die französische Revolution: Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit haben sie sich aufs Banner geschrieben. Die Ständeordnung ist abgeschafft. Seither gibt es nur noch gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger.  

Heute ist gar nicht mehr so klar, wer wie viel Ehre besitzt und wo die entsprechenden Ehrenplätze sind. Vielleicht denkt jetzt jemand, die neuen Ehrenplätze befinden sich im Bundeshaus in Bern. Aber wer das Verhalten der Politiker aufmerksam beobachtet, merkt bald, dass sie sich eigentlich viel lieber draussen bei den Leuten aufhalten. Sogar Bundesräte mischen sich unters Volk, so etwa Beat Jans diesen Sommer beim Dunnschtigsjass oder auf dem sogenannte Bundesratsreisli, wo die Landesregierung ganz bewusst den direkten Kontakt zur Bevölkerung pflegt. 

Diese Volksnähe ist doch etwas ganz Typisches für unser direkt-demokratisches System in der Schweiz. Und deshalb sind unsere Ehrenplätze nicht in Palästen oder bei vornehmen Banketten und offensichtlich auch nicht im Bundeshaus zu suchen, sondern die direkt-demokratischen Ehrenplätze unseres Landes befinden sich auf den Festbänken in den Chilbi-Zelten und auf den Sitzreihen rund um das Sägemehl beim Eidgenössischen Schwingfest.

Wir sehen also: Der zeitliche – und noch mehr der kulturelle Abstand macht es schwierig, die Empfehlung Jesu aus dem heutigen Evangelium eins zu eins in unserem Alltag umzusetzen. 

Heisst das nun, dass uns das heutige Evangelium nichts mehr zu sagen hat? Ganz und gar nicht! Der heutige Abschnitt ist im Gegenteil eine Steilvorlage, um besser zu verstehen, wer Jesus Christus ist und welche Botschaft er uns vermitteln will. 

An einer anderen Stelle im Lukasevangelium fragt Jesus seine Jünger nämlich: «Wer ist grösser: der bei Tisch sitzt oder der bedient?» Und Jesus gibt die Antwort gleich selbst: «Ist es nicht der, der bei Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.» (Lk 22,27)

Der heutige Abschnitt ist deshalb mehr als nur ein praktischer Tipp für die nächste Geburtstagsparty, sondern er steht beispielhaft für eine Grundhaltung Jesu, die das ganze Evangelium durchzieht: seine Liebe zum letzten Platz. 

Schon bei seiner Geburt hat er nicht den Ehrenplatz in einer Herberge bekommen, denn sie war schon voll und für Maria und Josef gab es keinen Platz mehr. Das Jesuskind liegt in einer Futterkrippe, draussen bei den Hirten, die wegen ihrer dreckigen Kleider und dem Tiergeruch als gesellschaftliche Aussenseiter gelten. 

Und bei der Versuchung in der Wüste zeigt ihm der Teufel alle Reiche des Erdkreises und bietet ihm «all die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche» an. Aber Jesus lehnt dieses Angebot entschieden ab. Er ist nicht gekommen, um sich auf einen Thron zu setzen, sondern Jesu Weg ist der Weg der Demut und des Dienens, der Hingabe und der Liebe. 

Sicher hat der kleine Junge Jesus in seiner Mutter Maria ein Vorbild der Bescheidenheit vor Augen gehabt, singt sie doch in ihrem Lobgesang: «Meine Seele preist die Grösse des Herrn. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen». 

Die einfache Frau Maria von Nazareth, die keine besonderen Leistungen vorweisen konnte, die keine herausragende Stellung in der Gesellschaft besass, ist von Gott zur grossen Ehre erhöht worden, Mutter des Erlösers zu werden.  

Ihr Lobgesang, das Magnifikat, weist uns darauf hin, was in den Augen Gottes nichts ist und was wirklich etwas zählt. Es ist eine Vorwegnahme der paradoxen Wertordnung im Reich Gottes: Nicht auf die Ehre bei den Menschen kommt es an, nicht auf den äusseren Schein, sondern auf die Reinheit des Herzens, auf die Bereitschaft zur Liebe und zum Dienst an Gott und den Mitmenschen. 

«Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen auf Erden» (Lk 2,14), singen die Engel, als Jesus in Bethlehem geboren wird. Die Ehre ist bei Gott im Himmel. Die wahre Ehre dürfen wir nicht von den Menschen erwarten. Gott ist es, der Ehre und Herrlichkeit besitzt und der sie zuteilt.  

Die Liebe zum letzten Platz ist eine Grundhaltung Jesu, die das ganze Evangelium durchzieht. Jesus hat sich auf den letzten Platz gestellt, damit niemand von uns dort stehen muss. Auch wenn in unserem Leben vieles danebenläuft, wenn unsere Pläne scheitern, Projekte misslingen – wir dürfen immer wissen: Wir sind nie auf dem letzten Platz. Denn dort ist einer, der uns auffangen wird. 

Die Liebe zum letzten Platz hat Jesus Christus schliesslich ans Kreuz geführt. Das Kreuz ist wirklich der letzte Platz, die maximale Erniedrigung. Aber es ist nicht die Endstation, sondern der Anfang eines neuen, ewigen Lebens, gekrönt mit Herrlichkeit und Ehre. 

«Ehre sei Gott in der Höhe». Die Engel erinnern uns daran, dass wir die wahren Ehrenplätze nicht hier auf Erden finden werden. Sie sind im Himmel für uns vorbereitet. Den Weg dorthin hat Jesus Christus uns eröffnet durch seine Liebe zum letzten Platz. Amen. 

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