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Predigt von P. Markus Steiner am Fünften Sonntag der Osterzeit 2026

Liebe Schwestern und Brüder!

Gelegentlich kann man hören: Jesus war gewiss ein grosser Mensch, ein Wohltäter der Kleinen und Schwachen, ein Beistand der Benachteiligten, ein Anwalt der Gewaltlosigkeit, der sie selber konsequent gelebt hat. Aber ich kann an ihn nicht als Gottes Sohn glauben; für mich ist er nicht «wahrer Gott vom wahren Gott». Betrachten wir dazu ein wenig den heutigen Evangeliumsabschnitt.

Jesus sagt darin: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Kann das ein Mensch von sich sagen? Wir kennen im besten Fall den Weg, können ihn sogar anderen weisen. Aber selber der Weg sind wir nicht. Wir haben vielleicht ein Stück Wahrheit erfasst und können andere darin unterrichten. Aber selber sind wir die Wahrheit nicht. Wir leben unser Leben, könne es als Eltern sogar weitergeben. Aber selber das Leben sind wir gewiss nicht. Wenn wir einem Menschen begegnen würden, der solches von sich behauptet, wir würden wohl auch regieren wie die Juden auf Jesus reagiert haben: «Jetzt wissen wir, dass du einen Dämon hast», auf gut Schweizerdeutsch: «Du schpinnsch.» Man mag einwenden, dieses Wort von Weg, Wahrheit und Leben finde sich nur im Johannesevangelium, aus später Zeit, als die Überhöhung Jesu schon weit fortgeschritten war. Aber wer bei den Synoptikern die Erzählungen über den Prozess Jesu vor dem Hohen Rat betrachtet, der sieht, dass genau das der Vorwurf an Jesus war: «Du machst dich selbst zu Gott, und bist doch nur ein Mensch.» Das aber war Gotteslästerung, die mit dem Tode bestraft wurde.

ein, Jesus lässt es nicht zu, dass man ihn einfach als grossen Menschen anerkennt. Man muss sich entscheiden: Entweder ist er tatsächlich der, sagen kann: «Wer mich sieht, der sieht den Vater», oder dann ist er einer von den Unzähligen, die sich masslos überschätzen, ein Betrüger, oder eben ein Gotteslästerer.

Wenn wir ihn aber erkennen als den, in dem Gott sich zeigt, dann müssten wir eigentlich zutiefst erschrecken, wie Petrus, der nach dem reichen Fischfang zu ihm sagt: «Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch.» Denn «kein Mensch kann Gott sehen und am Leben bleiben.» Kommt dazu, dass Jesus uns ganz haben will: «Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.» Er darf das fordern, wenn keiner zu Vater kommt, ausser durch ihn.  Auch hier müssten wir erschrecken, denn wir werden immer hinter den Forderungen des Herrn zurückbleiben, immer wieder geteilt sein. 

Aber das Wort: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» ist nicht nur ein Anspruch Jesu, nicht nur eine Aufforderung zum Glauben und zur Nachfolge, es ist auch ein Zuspruch. Wer zu ihm kommt, der findet den Weg und die Wahrheit, dem ist das Leben geschenkt. So ist es letztlich kein Grund zur Furcht und Erschrecken, sondern zu Dankbarkeit und Freude.
 

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