Im Religionsunterricht hatten wir seinerzeit die Fragen und Antworten aus dem Katechismus, dem „Kanisi“ auswendig zu lernen. Eine der Fragen lautete: „Was heisst glauben?“ Und die Antwort: „Glauben heisst alles für wahr halten, was die Kirche zu glauben vorschreibt.“ Dass eine solche bedingungslose Unterwerfung unter die Autorität der Kirche auf modernen Menschen wenig anziehend wirkt, ist verständlich. Darüber hinaus scheint hier Glaube einfach eine defiziente Form des Wissens zu sein, die man doch durch Wissenschaft überwinden sollte.
In seinem Buch „Zwei Glaubensweisen“ stellt Martin Buber die jüdische und die christliche Weise des Glaubens einander gegenüber. Für die christliche Weise scheint ihm eben dieses für wahr Halten von Sätzen charakteristisch zu sein. Und hat er nicht recht? Hat nicht auch der „Kanisi“ recht? Ist unser Glaubensbekenntnis nicht eine Aufzählung von Glaubenssätzen? Und hat das nicht seine Grundlage im Neuen Testament? Geht es bei Paulus nicht in erster Linie darum anzuerkennen, dass Gott in Jesus Christus Mensch wurde, für uns gelitten hat und auferweckt wurde? Und sagt nicht auch der Abschnitt aus dem Hebräerbrief, den wir gehört haben, genau das: „Glaube ist … ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.“ (In der alten Einheitsübersetzung hiess es sogar: „Glaube ist … Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“)?
Aber dann fährt der Hebräerbrief fort mit Beispielen, die auch Martin Buber als charakteristisch für die jüdisch Glaubensweise anführt: Abraham und Sarah etwa, die darauf vertrauten, dass Gott die Macht hat, ihnen auch im hohen Alter noch Kinder zu schenken. Glaube bedeutet also Vertrauen auf diesen Gott, der sein Volk führt und beschützt, der auch dem Einzelnen mit seiner Nähe begleitet. Genau das meint auch Jesus, wenn er von Glaube spricht, etwa wenn er nach einer Heilung sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen.“
Augustinus hat von drei Bedeutungen des Wortes credere, glauben gesprochen. Zunächst ist da credere aliquid, etwas glauben. Das ist das „für wahr Halten“. Sodann credere aliquo, jemandem glauben. Das meint, dass ich einer Person vertraue. Von diesen zwei Bedeutungen haben wir bisher gesprochen. Augustinus fügt aber noch eine weitere Bedeutung hinzu: credere in aliquem, an jemanden glauben. So steht auch in unseren Glaubensbekenntnissen. Wer an jemanden glaubt, der erhofft sich nicht nur von diesem etwas, sondern vertraut sich seinerseits ihm an. Eine solche Hingabe steht im Vollsinn nur Gott zu. Jesus verlangt sie allerdings auch für sich: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ Auch darin zeigt sich sein Anspruch, Sohn Gottes zu sein.
Jesus spricht da ausdrücklich von Liebe. Hier verschränkt sich Glaube mit Liebe. Der Hebräerbrief sagt uns auch noch: „Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft.“ Glaube, Hoffnung und Liebe finden also zusammen. Das ist weit mehr als ein für wahr Halten von Sätzen.
