Liebe Mitchristen!
Maria Himmelfahrt – so wird das heutige Fest landläufig oft genannt – in Anlehnung an das Fest Christi Himmelfahrt. Aber dieser Name kann falsch verstanden werden. Maria ist nicht in den Himmel aufgefahren, nicht aus eigener Kraft, nicht aus eigenem Wollen. Sie wurde aufgenommen in den Himmel. Diese Aufnahme ist Gottes Werk, ist Jesu Geschenk an seine leibliche Mutter, keinesfalls ihre eigene Leistung. Der korrekte Name des heutigen Festes ist Mariä (Genitiv!) Aufnahme in den Himmel. Ein zu langer und holpriger Name!
Papst Pius XII hat vor 75 Jahren, am 1. November 1950, eine uralte Glaubensüberzeugung als offizielles Glaubensbekenntnis verkündet. „Maria ist nach Ablauf ihres Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden“. Es gibt auch einen anderen Namen für das heutige Fest, der mir sympathischer ist, die Dormitio, auf Deutsch das nicht besonders schöne Wort Entschlafung. Maria ist gestorben, ist entschlafen. Sie haben das bestimmt auch schon in ihrer eigenen Verwandtschaft erlebt und man liest es bis heute in vielen Todesanzeigen: da schläft ein Mensch am Ende seines Lebens am Abend ruhig ein und am nächsten Morgen ist er tot. Über das Wie der Aufnahme Marias zu Gott und das Wie ihres Lebens bei Gott wissen wir nichts. Martin Luther hat einmal in einer Predigt gesagt: „Es ist nötig zu glauben, dass die Mutter Gottes lebe. Wie es aber zugeht, das überlasse man Gott“.
Das Neue Testament schweigt sich total aus über das Leben Marias nach der Himmelfahrt Christi und dem Pfingstfest, wo Maria mitten unter den Jüngern ist. Deshalb konnten sich fromme Legenden des Themas annehmen. Eine davon besagt: Johannes hat Maria in sein Haus in Jerusalem aufgenommen, wie Jesus es am Kreuz befohlen hatte. Dort hat sie gelebt. Sie wird die Entstehung der jungen christlichen Gemeinde mit ihrem Gebet begleitet haben. Wir wissen nichts über ihr weiteres Leben. Als es mit ihr zum Sterben kam, rief Johannes alle Apostel zusammen. In ihrem Kreis ist sie entschlafen. Dormitio. In Jerusalem gibt es eine Benediktinerabtei mit diesem Namen. Dort zeigt man den Raum mit dem Bett, worin Maria gestorben ist. Die Apostel haben den toten Leib begraben. Als sie nach zwei Tagen wieder zum Grab gingen, war der Leichnam verschwunden. Aus dem Grab kam kein Verwesungsgeruch, sondern der Duft saftiger Blumen und Kräuter. Wenn Jene von Ihnen, denen es möglich ist, in unserer wunderschönen Klosterkirche ganz nach vorn schauen, dann sehen Sie das grossartige Hochaltarbild. Im unteren Teil ist genau dieser Moment dargestellt, wo die Apostel voll Staunen und Ergriffenheit die Blumen im leeren Grab entdecken. In der oberen Bildhälfte wird Maria wie in einem Lift in den Himmel hinaufgezogen. Mariä (Genitiv!) Aufnahme in den Himmel – mit Leib und Seele. „Es ist nötig zu glauben, dass die Mutter Gottes lebe. Wie es aber zugeht, das überlasse man Gott“.
Als der Papst 1950 dieses Dogma verkündete, waren viele schockiert. Wie kann man nur etwas verkünden und als Glaubenssatz definieren, wovon uns die Bibel kein einziges Wort sagt? Anders die Reaktion des grossen Schweizer Psychologen und Psychotherapeuten C. G. Jung. Für ihn war diese amtliche Verkündigung des Papstes das wichtigste religiöse Ereignis seit der Reformation. Er schlug vor, das Dogma nicht historisch, sondern psychologisch zu deuten. Denn in dieser Glaubensüberzeugung würden archetypische Bilder in der Tiefe unserer Seele angesprochen. Da werde die Frau in den Bereich des Göttlichen erhoben und der Leib erhalte eine göttliche Würde. Wenige Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges mit der furchtbaren Ermordung von 6 Millionen Juden war dieses Dogma eine Antwort der Kirche: der menschliche Leib, jeder menschliche Leib hat seine göttliche Würde und darf nicht zerstört werden. Und das gilt nicht nur für Marias Leib, das gilt für den Leib eines jeden Menschen. Gott zeigt an Maria, was er mit der ganzen Schöpfung vorhat. Nicht Verwesung ist deren letzte Bestimmung, sondern Verwesentlichung. Gott will alles, was er erschaffen hat, vollenden. Alles, nicht nur Maria, sondern auch Dich und mich. So wird der 15. August zum kleinen Osterfest für Maria, aber auch für jeden von uns. Wir feiern heute, dass es einmal unendliches Glück für uns alle geben wird. Wir feiern, dass auch bei unserm Einschlafen der Himmel sich öffnen wird und dass da einer sein wird, der uns erwartet. Dass da bei ihm noch viele sind, die uns erwarten, uns entgegenlaufen und uns abholen. Denken Sie an die vielen gleichlautenden Erlebnisse von Menschen in Nahtodsituationen. Sterben ist ein Eintreten ins Licht.
An einem Tag wie dem heutigen erhalten wir einen Vorgeschmack für das, was wir Himmel nennen. Wir sollten dafür sorgen, dass wir ihn nie verlieren. C.G. Jung wurde einmal von seinen Studenten gefragt: „Herr Professor, wo ist der Himmel?“ Er gab zur Antwort: „Das weiss ich nicht, wo der Himmel ist. Das müsst ihr die Theologen fragen. Aber eines weiss ich, wer nicht an den Himmel glaubt, der wird depressiv“. Amen.
