Kloster Einsiedeln, zur Startseite
Kloster Einsiedeln, zur Startseite

Predigt von P. Lorenz Moser am Zweiten Adventssonntag 2025

Liebe Brüder und Schwestern

Advent – Zeit der Vorbereitung auf das kommende Weihnachtsfest. Während draussen in der Welt das grosse Weihnachtsgeschäft in vollem Gange ist, werden wir hier in der Liturgie mit verschiedenen Texten aus der hl. Schrift auf Weihnachten vorbereitet. Da ist einerseits die Vorgeschichte der Menschwerdung des Sohnes Gottes – heute im Evangelium das Auftreten Johannes des Täufers als Bussprediger und Wegbereiter Jesu, zum anderen sind es verschiedene Texte aus dem Alten Testament, die eine neue Zeit ankündigen, eine Zeit der Eintracht und des Friedens, so der heutige Abschnitt aus dem Buch Jesaia. Wir hören und lesen diese alttestamentlichen Texte immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass mit der Geburt Christi diese Verheissungen in Erfüllung gegangen sind, lesen Sie also mit den Augen unseres heutigen Glaubens.

Versuchen wir einmal, uns in jene alte Zeit zurückzuversetzen, da diese Texte entstanden sind, wo man noch nichts von der späteren Geschichte, von der Erfüllung in Jesus Christus wusste. Was war damals ihre Botschaft? Was sagten diese Texte den Menschen von damals?

Es sind Texte, die den Menschen eine «heile» Welt in Aussicht stellen, die Ihnen Mut und Hoffnung schenken, die ihnen helfen, den oft sehr beschwerlichen Alltag zu bewältigen. Dabei sind diese Geschichten oft geradezu fantastisch, wie uns das Beispiel der heutigen Lesung zeigt: dem Reis, das aus dem Stumpf Isais sprossen wird, werden so ziemlich alle nur möglichen positiven Eigenschaften zugesprochen: der Geist der Weisheit und der Einsicht ruht auf ihm, der Geist des Rates, der Stärke, der Erkenntnis, der Gottesfurcht – und vor allem eine Gerechtigkeit, bei der kein Geringer und kein Armer mehr zu kurz kommt. Zu schön, um wahr zu sein, mögen wir dabei denken. Und dann wird das friedliche Zusammenleben mit Bildern aus der Tierwelt geschildert, von denen der Realist sagen muss: ist ja gar nicht möglich: Wolf und Lamm, Kalb und Löwe, Kuh und Bärin sollen friedlich zusammenleben, und dann soll noch der Löwe Stroh fressen…?
Doch darauf kommt es gar nicht an: es ist die «fantasievolle» Vorstellung einer Welt, wie wir sie gerne haben würden, ohne dass die Einzelheiten stimmen müssen. 

Die moderne Hirnforschung hat mittlerweile herausgefunden, wie wichtig solche positiven Geschichten für die psychische, seelische Gesundheit des Menschen sind. Augenfällig wird dies bei kleinen Kindern, die vor dem Schlafengehen noch eine schöne Geschichte hören wollen – und dann gut einschlafen können.

Es ist durchaus möglich, dass evolutionsgeschichtlich die verschiedenen Mythen und auch Göttergeschichten der alten Völker als Überlebenshilfe entstanden sind. Das alttestamentliche Volk jedenfalls konnte mit diesen Geschichten sehr wohl überleben und sich in den verschiedenen Notsituationen immer wieder behaupten. Aus ihnen schöpfte es immer wieder neuen Mut und neue Zuversicht.

Für uns Christen haben nun diese Überlebensgeschichten eine neue Dimension bekommen. Die fantastische Welt der heutigen Lesung wird über die Grenzen unserer Welt hinaus erweitert: mit der Menschwerdung des Gottessohnes kommt die Welt des Himmels auf uns zu. Uns wird nichts weniger als das Reich Gottes verheissen und damit unsere ewige Vollendung im Himmel.

Doch was bedeutet das? Wir wissen es eigentlich nicht, müssen es auch gar nicht wissen, denn entscheidend ist nicht die Kenntnis der Einzelheiten, sondern dass uns diese Botschaft eine positive Sicht auf die Zukunft vermittelt, die uns hilft, die negativen Gegebenheiten und Erfahrungen unseres Lebens durchzustehen und zu überwinden.

Um nochmals auf die Hirnforschung zurückzukommen: es ist erwiesen, dass eine gesunde Religiosität sich positiv auf die psychische und seelische Gesundheit auswirkt.

Mit anderen Worten, unser christlicher Glaube ist eine kostbare Überlebenshilfe, für die wir dankbar sein wollen. Er ist ein Weihnachtsgeschenk, das unendlich mehr wert ist als all die Geschenke, die an Weihnachten gegenseitig ausgetauscht werden. Tragen wir Sorge dazu. Amen.
 

Servicenavigation