Liebe Brüder und Schwestern!
Ein Mann, der 26 Jahre als Eremit Gott gesucht hat (der hl. Meinrad), Ratsuchende, die ihn im finsteren Wald besuchten, und Mönche, die seit 934 an diesem Ort das Lob Gottes gesungen haben: das ist der Grund und Boden, auf dem die Engelweihlegende hervorgegangen ist. Menschen haben an diesem Ort die Gegenwart Gottes in besonderer Weise erfahren, und diese Erfahrung konnte man sich nicht anders erklären, als dass Gott hier seine Hand besonders im Spiel hat: und so ist die Legende entstanden: Gott selber hat diese Kirche geweiht, der Bischof braucht sie nicht mehr zu weihen.
Die Legende ist kein historischer Bericht, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass man den Zeitpunkt bestimmen könnte, da dies geschehen ist, und die Art und Weise darstellen könnte, wie dies sich abgespielt hat. Der Auferstandene ist nicht so vom Himmel herabgekommen, wie es im grossartigen Gemälde über der Gnadenkapelle dargestellt ist.
Und doch spricht die Legende von einem Geschehen in dieser Welt, einem historischen Geschehen. Gott hat durch Menschen gewirkt: durch den hl. Meinrad, durch die Mönche, durch die Pilgerinnen und Pilger, und sehr bald auch durch die Gottesmutter Maria, die diese Gottsuchenden auf dem Weg zu ihrem Sohn begleitete. Durch sie alle und durch ihr Gottsuchen hat dieser Ort seine Ausstrahlung erhalten, so stelle ich mir die Engelweihe vor.
Aber dies geschah nicht nur damals, es geschieht durch alle Zeiten bis zum heutigen Tag, auch heute.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass diese Akteure nicht zu allen Zeiten gleich aktiv waren. Vor fünfhundert Jahren z.B. war keine Mönchsgemeinschaft mehr hier, es waren «nur noch» die Pilgerscharen, die hierherkamen und durch die Gott wirken konnte. Damals hat Gott noch einen weiteren Mitspieler «engagiert»: die Schwyzer Regierung, die durch die Einsetzung eines Abtes, wozu sie eigentlich gar nicht legitimiert gewesen wäre, den Fortbestand des Klosters ermöglicht hat. Auch dies war ein Beitrag zur Heiligung dieses Ortes.
So wir feiern heute das Engelweihfest nicht einfach als Erinnerung an etwas, das sich irgendwann in der frühen Geschichte dieses Ortes ereignet hat, sondern «Engelweihe» ereignet sich heute und jetzt. In und durch unser gemeinsames Beten und Feiern heiligt Gott diesen Ort. So leisten wir alle auch unseren Beitrag zur Ausstrahlung dieses Ortes, wir sind dabei, wenn Gott diesen Ort heiligt.
Das ist ein Aspekt unseres christlichen Glaubensvollzuges, den uns gerade das heutige Fest mit aller Deutlichkeit in Erinnerung ruft: Mit unserem Beten und Feiern stehen wir im Dienste Gottes, ermöglichen wir es ihm gleichsam, unter uns zu sein und so diesen Ort zu heiligen. Ja, Engelweihe geschieht hier und jetzt – auch durch uns.
So ist das Engelweihfest Anlass zum Dank für jene, die den Grundstein für diesen Ort gelegt haben, insbesondere der hl. Meinrad und die ersten Mönche. Ohne sie gäbe es diesen Ort nicht, und ohne sie hätte Gott diesen Ort nicht weihen können.
Engelweihe ist aber auch Anlass zur Freude, weil sie auch heute geschieht und weil wir mitwirken dürfen bei der Heiligung dieses Ortes.
Ist es nicht ein kostbares Privileg, Teil eines solchen grossen Ganzen zu sein, in welchem Gottes Wirken – zusammen mit uns – einen solchen Ort am Leben erhält? Tragen wir Sorge dazu und danken wir Gott, dass wir dabei sein dürfen.
Gebe Gott, dass dieses Zusammenspiel auch in Zukunft erhalten bleibt, zu seiner Ehre und zum Heil der Menschen. Amen.
