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Predigt von P. Lorenz Moser am Josefstag 2026

Liebe Brüder und Schwestern!

Im 7. Kapitel der Offenbarung des Johannes lesen wir: «Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen». Ein grandioser Blick auf die unzählbare Schar der Heiligen. Keiner wird namentlich genannt.

Diese anonyme Schar bekommt ein konkretes Gesicht, wenn man z.B. das ökumenische Heiligenlexikon zur Hand nimmt, wo eine Riesenmenge von Heiligennamen mit der entsprechenden Lebensgeschichte aufgeführt sind.

Da gibt es Heilige, vor allem der neueren Zeit, von denen quasi jedes Detail aus ihrem Leben bekannt ist, beschrieben in ausführlichen Biografien. Es gibt aber auch solche, von denen nichts anderes bekannt ist als der Name. Das beginnt schon bei den Aposteln, die zwar in den Evangelien namentlich aufgezählt sind, deren weiteres Leben aber bei mehreren Namen unbekannt geblieben ist. Oder bei den Märtyrern der ersten Jahrhunderte: immer wieder trifft man auf bloss legendarische Hinweise oder gar die Bemerkung, es sei historisch nichts gesichert bzw. nichts bekannt. Aber sie wurden als Heilige verehrt und stehen heute noch im Heiligenkalender. Damit sind sie eine Erinnerung daran, dass in ihnen die Botschaft Jesu im Alltag angekommen ist und konkrete Gestalt angenommen hat. Wenn dann ihr Leben legendarisch ausgeschmückt wurde, ist das zweitrangig; wichtig ist ihre Botschaft: das Reich Gottes ist mitten unter Euch, wie Jesus einmal gesagt hat (Lk 17,21).
Josef, der heutige Tagesheilige, ist ebenfalls ein Beispiel für diese – ich möchte sagen – «Hintergrund»-Heiligen.

Von Josef ist kein einziges Wort überliefert. Anders als Maria hat er mit dem Engel nicht gesprochen. Er ist also kein Kirchenlehrer. Auch kein Märtyrer. Er ist buchstäblich ein stummer Heiliger. Er dient bei den Evangelisten Matthäus und Lukas dazu, die Abstammung Jesu vom alttestamentlichen Volk zu gewährleisten, eine für sie wichtige Botschaft, denn nur so konnte Jesus der erwartete Messias sein. Und wenn Josef etwas getan hat, dann war es immer auf Anweisung Gottes, überbracht durch einen Engel im Traum. Josef also als Werkzeug Gottes, ohne eine weitere Aufgabe und Rolle, weshalb er aus der weiteren Lebensgeschichte Jesu verschwunden ist. Er hatte nichts mehr zu tun.

Doch dieses wenige Wissen über Josef konnte den Gläubigen auf die Dauer nicht genügen, vor allem seit dem Mittelalter, als sich in der Westkirche die Verehrung des hl. Josef zu entfalten begann. So wie die Theologen die Botschaft Jesu theologisch reflektiert und ausgedeutet und damit das vielschichtige Gebäude der Theologie geschaffen haben, so hat die Volksfrömmigkeit die Gestalt Josefs konkretisiert und veranschaulicht. Aus den spärlichen Angaben zu seiner Person in den Evangelien hat man sich ein Bild geschaffen, das geeignet ist, die Gegenwart des Reiches Gottes mitten unter uns fassbar zu machen: aus dem Zimmermann (dessen Sohn Jesus war) wurde der Patron der Arbeiter, insbesondere der Handwerker und der Zimmerleute. Als Familienvater musste er doch wohl seine Aufgabe vorbildlich erfüllt haben, also wurde er zum Vorbild des idealen Familienvaters, und weil er so vorbildlich auf die Anweisungen des Engels im Traum gehört hat, ist er zudem ein Vorbild des Gehorsams und des Gottvertrauens. Das sind nur einige der Aspekte, die dem hl. Josef im Verlauf der Zeit zugesprochen worden sind.

Während die Theologie die Glaubensinhalte formuliert und ausdeutet, also vom und über den Glauben spricht, zeigt die Heiligenverehrung, wie dieser Glaube beim Volk ankommt, von den Gläubigen aufgenommen und gelebt wird. Die oft reichlich ausgeschmückten Heiligenlegenden zeigen, was Gläubige von Gott erwarten und offenbar auf die Fürbitte der betreffenden Heiligen auch schon oft erhalten haben.

Diese «Hintergrund»-Heiligen und die legendenhafte Ausschmückung ihres Lebens sind eine Art Echo, das zeigt, was das Wort Jesu meint: das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Dass dieses Echo in der heutigen Zeit schwächer geworden ist, ist leider eine Tatsache, die durch unsere heutige gesellschaftliche Situation bedingt ist. Möge die Fürsprache des hl. Josef, der 1870 von Pius IX. zum Schutzpatron der ganzen Kirche erhoben wurde, dazu verhelfen, dass dieses Echo wieder stärker wird, dass unsere verschiedenen Lebensbereiche wieder vermehrt durchdrungen und bestimmt werden durch die Gegenwart des Reiches Gottes mitten unter uns. Amen.
 

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