Liebe Brüder und Schwestern!
Nachdem das Fest «Darstellung des Herrn» dieses Jahr wieder einmal auf einen Sonntag fällt, möchte ich die Gelegenheit benützen, kurz ein paar Überlegungen zu diesem Fest zu machen, das uns besser als «Maria Lichtmess» bekannt ist.
Mit dem heutigen Besuch im Tempel vollziehen Maria und Josef ein alttestamentliches Ritual, womit deutlich zum Ausdruck kommt: Jesus ist ein Jude, er gehört zum jüdischen Volk. Mit diesem Ritual erfüllen sie zwei verschiedene Vorschriften des Gesetzes: zum einen die rituelle Reinigung der Frau nach der Geburt und zum andern die Auslösung der Erstgeburt.
Der erste Ritus geht auf die Vorstellung zurück, dass die Frau durch die Geburt verunreinigt wird und deshalb – auch rituell - gereinigt werden muss. Dieser Ritus soll uns nicht weiter beschäftigen, er ist nicht mehr aktuell, sehen wir doch das ganze Geschehen um die Geburt heute mit anderen Augen.
Der zweite Ritus ist jedoch sehr bedenkenswert.
Um was geht es? Das alttestamentliche Volk verstand sich als Volk Gottes, von seinem Gott auserwählt, was damals durch den Auszug aus Ägypten grundgelegt worden ist. Als Erinnerung an diese Auserwählung entstand die Vorschrift, jede (männliche) Erstgeburt als Gott gehörend zu betrachten und deshalb Gott als Opfer zurückzugeben. Bei den Tieren geschah dies im strengen Sinn des Wortes, indem das erstgeborene (männliche) Tier geschlachtet und geopfert wurde oder in bestimmten Fällen durch ein anderes Tier ersetzt werden musste; so konnte z.B. an Stelle des Esels ein Schaf geschlachtet und geopfert werden.
Diese Vorschrift galt für die Menschen genauso wie für die Tiere, aber da der Mensch nicht geopfert werden darf, musste der Erstgeborene Gott dargebracht und dann, wie es heisst «ausgelöst», gleichsam von Gott «zurückerworben» werden. Das verbirgt sich im Ausdruck «Darstellung des Herrn»: Josef und Maria haben Jesus Gott dargebracht, um ihn dann zurückzuerhalten und als gottgeweihten Sohn in das Leben hineinzubegleiten.
Wir feiern heute nicht dieses alttestamentliche Ritual– ein entsprechender Ritus hat sich in der christlichen Tradition nie eingebürgert – wohl aber erinnert uns diese Geschichte an die Bindung der gläubigen Juden an ihren Gott und damit auch an unsere eigene Bindung an Gott, die aber nicht mehr auf den Auszug aus Ägypten, sondern auf unsere Taufe zurückgeht.
Nach diesem Blick in die Vergangenheit öffnet uns die Begegnung mit dem greisen Simeon den Blick auf die Zukunft. Simeon war einer jener frommen Juden, die auf den Messias, den Retter Israels warteten. Und nun offenbart ihm der Geist Gottes, dass er mit diesem Kind diesen Retter in den Armen trägt.
Es ist interessant und bedenkenswert, wie Simeon diese Erfüllung seiner Erwartung im Loblied besingt:
- das Heil, das Du vor allen Völkern bereitet hast
- ein Licht, das die Heiden erleuchtet
- und Herrlichkeit für Dein Volk Israel
Das ist eine wahrhaft umfassende Perspektive, die niemanden ausschliesst und erst noch verstanden wird als «Herrlichkeit» für das auserwählte Volk Israel. Lassen wir uns von dieser befreienden und beglückenden Botschaft erfassen (der Chor wird uns nach der Kommunion dabei unterstützen, wenn er Simeons Loblied in der Vertonung von Mendelssohn erklingen lässt); lassen wir diese Stichwörter in unseren Herzen nachklingen:
Heil für alle Völker,
Licht für die Heiden,
Herrlichkeit für Dein Volk Israel,
und wir dürfen wohl zufügen: Herrlichkeit für uns und die ganze Christenheit,
So werden wir am Ende des Gottesdienstes mit Simeon sagen können: «Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden». Amen.
