Liebe Brüder und Schwestern
Ich weiss nicht, wie gut sie das letzte Buch des Neuen Testamentes kennen, die Offenbarung des Johannes. Das Buch, das sich in Inhalt und Stil sehr stark vom Rest des Neuen Testamentes unterscheidet, spricht in einer sehr bildhaften, ja oft phantastischen Sprache vom Ende der Welt und wird deshalb vornehmlich am Ende des Kirchenjahres vorgelesen – jedoch, wie wir soeben in der Lesung gehört haben, auch in der Osterzeit. Und warum?
Ganz einfach: weil mit der Auferstehung Jesu diese Endzeit bereits angebrochen ist. Dessen war man sich in den Anfängen des Christentums durchaus bewusst, denn man rechnete allen Ernstes damit, dieses Ende demnächst zu erleben – die sogenannte Naherwartung. Unterdessen ist dieses Ende ausgeblieben und es wird wohl noch lange ausbleiben. Was geblieben ist, ist der Glaube, die feste Überzeugung, dass uns in der Taufe ein neues Leben geschenkt wurde, das vieles von dieser Endzeit in sich trägt, auch wenn der Alltag noch anders aussieht.
Was wird denn alles anders sein?
In der heutigen Lesung heisst es: «Der Tod wird nicht mehr sein, nicht Trauer noch Klage noch Mühsal, denn die alte Welt ist vergangen».
Mit dieser alten Welt ist offenbar alles vergangen, was uns heute noch belastet und zu schaffen macht: dazu gehören die Kriege zwischen den Völkern und Nationen, Naturkatastrophen, menschengemachte Naturzerstörung, aber auch die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen uns Menschen, die oft ein unerträgliches Ausmass annehmen. Das alles wird verschwinden: «Siehe, ich mache alles neu».
Im Sinne eines Gedankenexperimentes habe ich mich gefragt, ob nicht auch anderes nicht mehr sein wird, das uns heute so oder anders zu schaffen macht: z.B. die verschiedenen Weltanschauungen und Religionen, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind und deshalb immer wieder zu Spannungen führen, die verschiedenen christlichen Konfessionen, die beanspruchen, die richtige Sicht von Gott und Welt zu haben, vielleicht gibt es auch keine Theologen mehr, die sich in wichtigen Punkten des Glaubens nicht einig sind. Könnte man die obige Aufzählung ergänzen und sagen: es wird keine Religion, keine Philosophie, keine Konfessionen, keine Theologen mehr geben? Wenn es doch heisst: siehe ich mache alles neu? Ich überlasse es ihnen, diesen Gedanken selber noch etwas weiter zu verfolgen und darüber nachzudenken, was das heissen könnte.
Und wie nun soll diese neue Welt aussehen? Ehrlich gesagt: Ich weiss es auch nicht. Ich verlasse mich auf die Bilder, in welcher die Offenbarung diese neue Wirklichkeit beschreibt: da ist die Rede von einer Stadt, vom neuen Jerusalem, das aus dem Himmel herabkommt; es wird beschrieben als das Zelt, in welchem Gott selber wohnt, also ein neuer Ort, wo alle Platz haben und alle wohnen können, und zwar in Eintracht und Frieden.
Und weiter heisst es in der heutigen Lesung: «Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein». Gott wird alles in allem sein. Seine Gegenwart ermöglicht uns ein Zusammensein in Frieden und eröffnet uns eine Sicht der Dinge aus einer höheren Warte, so dass all unsere Diskussionen an Gewicht verlieren oder sich gar erübrigen.
Das ist freilich erst eine Vision und noch keine Realität, aber die Aussicht auf diese Zukunft lässt uns die Gegenwart viel gelassener ertragen. Sie erweitert unseren Horizont und lässt uns vieles relativieren, was sonst zu viel Gewicht hat. Sie verleiht uns Hoffnung und Zuversicht und fordert uns dazu auf, selber mitzuarbeiten an dieser neuen Welt.
So spricht die Offenbarung des Johannes nicht nur von einer fernen Zukunft, sondern erinnert uns an die Gegenwart: Gott ist schon jetzt unter uns, wir dürfen uns jetzt schon ihm anvertrauen, unsere Hoffnung geht nicht ins Leere. Amen.
