Liebe Brüder und Schwestern
Es hat sich mittlerweile eingebürgert, dass wir neben den Festen des Kirchenjahres an einzelnen Sonntagen Themen aufgreifen, die für die Praxis des christlichen Lebens von Bedeutung sind.
So feiern wir heute den Weltmissionssonntag. Er erinnert uns an den Grundauftrag des Christen, die frohe Botschaft des Evangeliums nicht für sich zu behalten, sondern wo und wie immer es möglich ist, unseren Mitmenschen weiterzugeben. Dabei denken wir heute vor allem an jene fernen Gemeinden, wo diese Botschaft unter erschwerten Umständen verkündet wird.
Der Auftrag ist klar: «geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe», so nachzulesen im Matthäusevangelium, Kapitel 28.
Weniger klar scheint mir zu sein, was dieser Auftrag inhaltlich bedeutet und wie er konkret zu verwirklichen ist. Es lohnt sich, darüber ein paar Gedanken zu machen.
Ein kurzer Blick in die Vergangenheit mag zeigen, was ich damit meine.
Vor allem seit der Entdeckung Amerikas hat man den damals so genannten «primitiven» Völkern nicht nur das Evangelium, sondern gleichzeitig die europäische Kultur gebracht, und weil man von der Überlegenheit der eigenen Kultur überzeugt war, hat man die Kultur dieser Völker durch die europäische Kultur ersetzt und damit einen Teil ihres Lebens zerstört. Missionsarbeit und Zerstörung…? Das kann und darf doch nicht sein. Was ist da falsch gelaufen?
Relativ einfach: Man hat nicht unterschieden zwischen dem Kern der christlichen Botschaft und der zeit- und kulturbedingten äusseren Form, mit der sie verbunden war.
Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus bedeutet, dass die Frohbotschaft des Evangeliums immer hineingesprochen ist in eine bestimmte Zeit und eine bestimmte Kultur. Sie trägt gleichsam das Kleid dieser Zeit und Kultur. Doch Botschaft und Kleid sind nicht dasselbe, und genau das hat man in früherer Missionsarbeit oft nicht beachtet. Mittlerweile ist man für dieses Problem sensibel geworden.
Es stellt sich die zentrale Frage: was gehört zum Kern der christlichen Botschaft und was ist zeitbedingte Kultur, wo ist die Trennlinie zwischen dem, was bleiben muss und dem, was auch anders sein kann (und muss).
Diese Frage ist gerade auch für unsere römisch-katholische Kirche von grosser Bedeutung, denn durch den Anspruch weltumspannend zu sein, ist die Gefahr gross, dass wir unser eigenes, europäisch geprägtes Glaubens- und Kirchenverständnis auf die verschiedenen Kulturen projizieren und erwarten, dass sich die dortigen Kirchen uns anpassen und sich nach uns ausrichten.
Eigentlich sollte aber etwas anderes passieren: Die Kernbotschaft des Evangeliums sollte die Gestalt dieser Kulturen annehmen, sich in den Formen dieser Kulturen verwirklichen. Da müssen wir noch lernen, andere als unsere europäischen Formen christlicher Lebenspraxis zu akzeptieren und zu respektieren. Je mehr uns das gelingt, desto vielfältiger und farbenfroher wird die weltumspannende Kirche sein.
Aber eben, die zentrale Frage bleibt: was ist der Kern der christlichen Botschaft, und was ist «Verpackung», die auch anders sein könnte. Eine Antwort lässt sich nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln. Wir wollen sie jedoch heute mit auf den Weg nehmen, denn sie ist nicht bloss beim Thema «Weltmission» von zentraler Bedeutung, sondern wird auch in unserer eigenen Kirchenwelt immer aktueller. Angesichts der verschiedenen Krisen, die wir heute (übrigens in allen christlichen Konfessionen) feststellen – ich denke da vor allem an die Entfernung von der Kirche und der kirchlichen Gemeinschaft -, ist kritisch zu überlegen, welche konkreten Gestalten und Formen religiöser und kirchlicher Praxis allenfalls überholt sind und durch andere ersetzt werden müssten, die besser geeignet sind, den heutigen Menschen die christliche Botschaft näher zu bringen – aber immer ohne den Kern des Glaubens zu verlieren.
Was immer in der näheren und weiteren Zukunft passieren wird, und es ist Einiges zu erwarten, entscheidend sind dabei jene Menschen, die sich von der Botschaft des Evangeliums ansprechen lassen, ihr Leben auf Gott ausrichten und damit ein Beispiel gelebter Hoffnung und Zuversicht sind.
Ich hoffe, dass wir alle solche überzeugte Christen sind und es auch bleiben werden. Amen.
