Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Während des letzten Abendmahls – kurz vor seinem Tod am Kreuz – hält Jesus in Gegenwart der Apostel eine tiefgründige Abschiedsrede. Er schliesst diese Rede mit einem innigen Gebet zum Vater ab, dessen ersten Teil wir im heutigen Evangelium gehört haben. Es beginnt mit den Worten: «Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn» (Joh 17,1).
Es ist bemerkenswert, dass Jesus ausgerechnet kurz vor seiner brutalen Hinrichtung von «Verherrlichung» spricht. Aus rein menschlicher Sicht ergibt das überhaupt keinen Sinn. Ein solcher Tod ist in den Augen der Welt nichts anderes als eine endgültige, beschämende Niederlage.
Was meinte Jesus mit diesen Worten? Vielleicht dachte er dabei weniger an das bevorstehende Leiden am Kreuz, sondern blickte bereits voraus auf seine Auferstehung und Himmelfahrt.
Ich bin jedoch der Überzeugung, dass Jesus mit seiner Verherrlichung noch etwas anderes, ganz Wesentliches meinte: den endgültigen Sieg der Liebe. Jener Liebe, die sich bedingungslos für andere verschenkt. Denn wie er selbst sagte: «Es gibt keine grössere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt» (Joh 15,13). Es ist diese unüberbietbare Liebe, die uns Jesus mit seinem ganzen Leben und auf erhabene Weise durch seinen Tod am Kreuz offenbart hat.
Hier beginnen wir, das Geheimnis des Kreuzes ein Stück weit zu durchdringen. Warum musste Jesus am Kreuz sterben? War dieser gewaltsame Tod wirklich notwendig für unser Heil?
Das heutige Evangelium erinnert uns daran, dass Jesus gekommen ist, um uns das ewige Leben zu schenken (vgl. Joh 17,2). Und er fügt hinzu: «Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus» (Joh 17,3). Indem er am Kreuz stirbt, offenbart uns Jesus nicht mit leeren Worten, nicht mit schönen und ausgeklügelten Theorien, sondern durch konkrete Taten die Liebe Gottes: eine Liebe, die sich bis zum Äussersten hingibt. Und da Gott Liebe ist, offenbart uns Jesus Gott selbst und lässt uns somit Gott erkennen. Und «Gott erkennen» bedeutet «ewiges Leben», Leben in Gott.
Aber geben wir wohl Acht! In der biblischen Sprache meint das Wort «Erkennen» keine rein intellektuelle Erkenntnis. Man kann Gott nicht bloss mit theologischen Überlegungen erkennen. Gott zu erkennen bedeutet vielmehr, in eine persönliche, tiefe Beziehung mit ihm einzutreten. Und da Gott die Liebe ist, fordert uns Jesus auf, uns ganz auf die Logik der selbstlosen Liebe einzulassen. Nur so können wir in voller Gemeinschaft mit Gott leben.
«Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast» (Joh 17,4). Mit diesen Worten will Jesus nicht sagen, dass das Werk der Erlösung für uns nun abgeschlossen und abgehakt ist. Wir erfahren täglich das Gegenteil: Es genügt, die Nachrichten zu lesen oder uns im Alltag umzuschauen, um zu begreifen, dass das Böse in der Welt noch nicht endgültig besiegt ist. Es bleibt viel zu tun – und das ist jetzt unsere Aufgabe. Mit der Gabe des Heiligen Geistes an Pfingsten hat die Sendung der Kirche begonnen: die Sendung von uns allen, unsere Mission!
Die Aufgabe der Kirche – unsere Aufgabe – besteht gerade darin, das Werk Jesu fortzusetzen. Nicht ohne Grund nennen wir uns Christen. Wir sind keine passiven Empfänger der Frohen Botschaft. Wir müssen uns vom Evangelium Jesu formen lassen, damit wir wahre Jünger und Jüngerinnen werden, die seinen Spuren folgen.
In jedem Bereich unseres Lebens sollen wir im Namen Jesu wirken. «Alles, was ihr in Wort oder Werk tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn» (Kol 3,17), ermahnt uns der Apostel Paulus im Brief an die Gemeinde von Kolossä. Alles, sagt der Apostel. Alles, was wir tun, auch die alltäglichen Aufgaben, alles soll im Namen Jesu geschehen, als ob Er selbst an unserer Stelle wäre. Alles, was wir tun, jedes Wort, das wir sagen, ja selbst unsere Gedanken sollen jenen Bonus Odor Christi (den Wohlgeruch Christi) ausströmen (vgl. 2 Kor 2,15).
Das ist gewiss keine leichte Aufgabe. Selbst wenn wir das Gute wollen, erfahren wir immer wieder Misserfolg und tun nicht das, was wir wollen.
Doch wir sind nicht auf uns allein gestellt. Jesus hat uns den Beistand verheissen. Nutzen wir diese Tage bis Pfingsten, um uns ganz bewusst neu für den Heiligen Geist zu öffnen. Bitten wir ihn, die Güte in uns reifen zu lassen. Denn die Güte ist eine Frucht des Heiligen Geistes (vgl. Gal 5,22) – etwas, das wir nicht aus eigener Kraft hervorbringen können. Die Güte – diese Frucht des Heiligen Geistes – ist eine starke Sehnsucht nach dem Guten; es ist die innere Haltung, stets das Wohl des anderen zu suchen (vgl. Papst Franziskus, Fratelli tutti, Nr. 112). Die Güte soll zu unserem inneren Kompass werden, der unser Reden, Denken und Handeln leitet.
Beten wir in diesen Tagen vor Pfingsten zum Heiligen Geist. Er wird uns helfen, mit jener Liebe zu lieben, mit der Gott selbst uns liebt. So gelangen wir zur wahren Gotteserkenntnis und zum ewigen Leben – denn Gott kann man letztlich nur mit dem Herzen erkennen.
Amen!
