Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Wir feiern heute das Hochfest der Unbefleckten Empfängnis. Dieses Hochfest möchte uns eine Glaubenswahrheit vor Augen führen, deren dogmatische Erklärung auf relativ junge Zeiten zurückgeht, nämlich auf den 8. Dezember 1854 mit der Bulle Ineffabilis Deus von Papst Pius IX. Darin wird gesagt, (ich zitiere): «dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadenprivileg des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erretters des Menschengeschlechtes, von jedem Schaden der Erbsünde unversehrt bewahrt wurde».
Wer kann damit etwas anfangen? Hat eine solche Aussage eine praktische Bedeutung für unseren Alltagsleben als Christen? Diese Frage möchte ich heute angehen.
Die Aussage, dass Maria von jedem Schaden der Erbsünde unversehrt bewahrt wurde, betrifft nicht nur Maria. Indirekt ist sie auch eine Aussage über das Wesen eines jeden Menschen. Die Lehre der unbefleckten Empfängnis besagt nämlich auch, dass der Mensch von Gott gut geschaffen wurde; die Sünde, das Böse, die schlechten Neigungen kamen später hinzu und gehören nicht zum Wesen des Menschen. Andernfalls wäre Maria nicht wirklich ein Mensch.
Diese Glaubenswahrheit soll praktische Konsequenzen für unser Alltagsleben haben, vor allem in den Beziehungen untereinander. Wenn jeder Mensch von Gott gut geschaffen ist, wenn die Sünde, das Böse, die schlechten Neigungen nicht zu seinem Wesen gehören, dann müssen wir uns sehr davor hüten, über andere Menschen zu urteilen oder über sie zu lästern. Das ist genau so schlimm, als ob man über die seligste Jungfrau Maria lästern würde. Denn, wie soeben gesagt, jeder Mensch ist an sich gut. Das Böse gehört nicht zu seinem Wesen.
Ich verletze kein Beichtgeheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass das Urteilen über andere Menschen vielleicht die Sünde ist, die am häufigsten gebeichtet wird. Im Gegensatz zu den Verfehlungen im sechsten Gebot (im Bereich der Sexualität), schämen wir uns nicht, diese Sünde zu bekennen. Wir unterschätzen sie sehr. Ich bin aber überzeugt, dass gerade das Urteilen über andere Menschen – auch wenn nur in Gedanken – sowie die üble Nachrede die mächtigsten Waffen des Teufels sind, denn sie vergiften die Beziehungen unter uns Menschen, sie trennen uns voneinander. Jesus hat für die Einheit gebetet und der Teufel will gerade das Gegenteil. Nicht umsonst heisst er so, denn der Teufel ist gerade derjenige, der auseinander trennt, spaltet und Zwietracht sät. Das ist die Bedeutung des Wortes «Teufel» – diábolos auf Griechisch.
Nachdem der Mensch von der Schlange verführt worden war und vom Baum gegessen hatte, was geschah dann? Das erfahren wir aus dem Bericht der Genesis: Sofort wurden die Beziehung des Menschen zu Gott, die zwischenmenschlichen Beziehungen und sogar die Beziehung des Menschen zur Natur schwer beeinträchtigt.
Leider haben sich die Folgen über die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte hingezogen, und wir erleben sie noch heute auf sehr dramatische Weise. Denken wir an die schweren sozialen Ungleichheiten, an Kriege, Kriminalität und Umweltprobleme. All das sind Probleme, die ihren Ursprung darin haben, dass der Mensch sich selbst übersteigen wollte, er wollte das sein, was er niemals hätte werden können.
«Nein, nein, es wird euch nichts geschehen. Im Gegenteil: Sobald ihr von diesem Baum esst, werdet ihr wie Gott sein und könnt selbst entscheiden, was gut und was böse ist». Das ist die teuflische Verführung, die Feindschaft unter den Menschen gesät hat. Denn wenn der Mensch wie Gott sein will, kann er das Bild Gottes in seinem Mitmenschen nicht mehr erkennen; der andere wird automatisch zu einem Konkurrenten.
Der Schöpfungsbericht kündigt einen Kampf an: «Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs». Es ist der Kampf des Guten gegen das Böse. Es ist der geistliche Kampf, den wir Christen unbedingt aufnehmen müssen. Dieser Kampf richtet sich nicht gegen andere Menschen, sondern gegen die Mächte des Bösen – gegen jene teuflischen Kräfte, die auf jede erdenkliche Weise versuchen, Zwietracht in die zwischenmenschlichen Beziehungen zu säen.
«Meide das Böse und tu das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach» (Ps 34,15). Diesen Vers aus Psalm 34 können wir als eine Zusammenfassung dieses geistlichen Kampfes betrachten. Wenn der Teufel versucht, Misstrauen, Zwietracht und Hass zu säen, müssen wir Christen Frieden in die zwischenmenschlichen Beziehungen bringen. Wir sollen uns bemühen, eine gute und angenehme Atmosphäre um uns herum zu schaffen. Frieden ist nicht etwas, das wir ein für alle Mal erreichen können. Frieden muss jeden Tag neu errungen werden: «Suche Frieden und jage ihm nach».
Das kann uns nur dann gelingen, wenn wir aufhören, Menschen nach ihrer Lebensführung zu beurteilen – nach dem, was sie tun oder nicht tun. Vielmehr sollten wir Menschen für das schätzen, was sie sind, nämlich Männer und Frauen, geschaffen als Bild Gottes. Und angesichts des Bildes Gottes können wir nichts anderes tun, als eine Haltung tiefen Respekts und Ehrfurcht einzunehmen.
In jedem Menschen das Bild Gottes zu sehen: Das ist unsere stärkste Waffe gegen die Mächte des Bösen. Ausgerüstet mit dieser Waffe können wir den Teufel entmachten und gemeinsam mit Maria ihm den Kopf zertreten.
Amen!
