Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Eine schwierige Kost bietet uns heute der Hebräerbrief: Gott wird mit einem Vater verglichen, der seine Kinder liebevoll mit Rutenschlägen züchtigt. Eine voreilige und oberflächliche Lektüre dieser Bibelstelle könnte zu falschen Schlussfolgerungen führen, als ob der Autor Eltern dazu ermutigen möchte, ausgiebig von der Prügelstrafe Gebrauch zu machen.
Um diesen Text richtig zu verstehen, muss man den gesamten Inhalt des Briefes, die historischen Umstände und die Situation der Adressaten berücksichtigen. Die Adressaten des Hebräerbriefes waren Judenchristen am Ende des ersten Jahrhunderts, also Juden, die zum christlichen Glauben gefunden haben. Sie erlebten vermutlich eine sehr schwierige Zeit in einem feindseligen, antichristlichen Umfeld: Anfeindungen, Beschimpfungen und Enteignungen waren an der Tagesordnung (vgl. Hebr 10,32–36; 12,3–4). Einige unter ihnen waren so entmutigt, dass sie den christlichen Glauben ganz aufgeben wollten. Denn sie dachten: «Wenn Gott auf unserer Seite steht, warum müssen wir so viel leiden?».
Sie waren noch unmündig im christlichen Glauben. Sie standen noch unter dem Einfluss einer alten Denkweise. Man glaubte, dass Krankheiten und Schicksalsschläge direkt von Gott geschickt wurden, um die Sünder zu bestrafen. Schon die alttestamentlichen Propheten hatten versucht, dieses falsche Gottesbild zu korrigieren, aber auch zur Zeit Jesu war diese Vorstellung noch aktuell. Selbst die Jünger Jesu fragten angesichts eines blind geborenen Menschen: «Wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?» (Joh 9,2). Der Autor des Hebräerbriefes versuchte, diese falsche Gottesvorstellung zu korrigieren. Und er tat dies auf eine Art und Weise, die die Adressaten verstehen konnten.
In der Antike war es üblich, Kinder durch körperliche Züchtigung zu erziehen (dies war übrigens bis vor wenigen Jahrzehnten auch bei uns der Fall). Diese körperlichen Züchtigungen waren kein Ausdruck von Wut oder Hass (zumindest waren sie nicht als solche gemeint). Sie waren ein geläufiges Erziehungsmittel. Mit dieser Argumentation versuchte der Verfasser des Hebräerbriefes seinen Adressaten klar zu machen, dass Verfolgungen und Leiden keine Zeichen göttlicher Verwerfung waren, sondern vielmehr als Zeichen der Erwählung Gottes verstanden werden konnten.
Mit der Vorstellung der göttlichen Züchtigung können wir heute nicht mehr argumentieren. Wir stehen aber auch vor der grossen Herausforderung, aus christlicher Perspektive das Leiden in der Welt und auch unser persönliches Leiden zu deuten. Und vielleicht sind wir auch – wie damals die Judenchristen – nicht vollkommen reif im Glauben geworden. So stellen wir uns oft einen Gott vor, der uns das Leben leichter machen soll. Er soll Probleme lösen, die wir nicht lösen können. Er soll Krankheiten heilen, die die Medizin nicht heilen kann. Er soll Kriege beenden, die Menschen begonnen haben. Heute wie damals: ein verzerrtes Gottesbild.
Nun muss ich einen Exkurs machen, denn jemand könnte mir erwidern: «Aber Jesus hat doch Kranken geheilt und sogar Tote auferweckt». Das stimmt, aber solche Wunder, solche Machttaten Jesu waren Zeichen; Zeichen, die auf eine höhere, grössere und ewige Wirklichkeit hinwiesen. Nachdem der arme Lazarus von Jesus auferweckt worden ist, musste er später ein zweites Mal sterben. Und alle Menschen, die von Jesus geheilt wurden, starben früher oder später auch. Heute wie damals: So grossartig ein Heilungswunder auch sein mag, seine Wirksamkeit ist zeitlich begrenzt.
Heute wie damals besteht die Gefahr, diese Zeichen falsch zu deuten. Als ob der Zweck der Menschwerdung Christi darin bestünde, auf der Erde Wunder zu vollbringen, um uns das Leben zu erleichtern. Dieses Missverständnis ist heute genauso verbreitet wie vor zweitausend Jahren. Nach der Brotvermehrung suchten viele Menschen beharrlich nach Jesus, aber die Motivation war nicht die richtige, wie Jesus selbst ihnen erklärte: «Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird!» (Joh 6,26–27). Wir sollen nicht bei den wunderbaren Zeichen stehen bleiben, bei ihrer zeitlich begrenzten Wirksamkeit. Versuchen wir, weiterzugehen, hin zu den ewigen Wirklichkeiten, auf die uns diese Zeichen hinweisen wollen.
Was sollen wir dann tun angesichts von Krankheiten, Leid, Kriegen, Naturkatastrophen und Schicksalsschlägen? Wie sollen wir sie aus christlicher Perspektive deuten? Wir können uns nicht mehr, wie damals, einen Gott vorstellen, der wie ein liebender Vater seine Kinder mit Rutenschlägen erzieht. Wie schon gesagt: Diese Argumentation funktioniert heute nicht mehr, wenigstens nicht bei uns.
Wir müssen uns jedoch eingestehen, dass wir wie verwöhnte Kinder wären, wenn unser Leben reibungslos verliefe. Es sind gerade die Schwierigkeiten, das Leiden und auch die Schicksalsschläge, die uns als Menschen und als Gläubige reifen lassen. Und vielleicht ist es gerade eine schwere Krankheit, die uns hilft, unseren Fokus von den irdischen und vergänglichen Dingen auf die ewigen zu verschieben.
Es gibt ein weiteres Argument, das uns hilft, Schwierigkeiten, Schicksalsschläge und Leiden zu akzeptieren, ja zu bewältigen. Dieses Argument finden wir ebenfalls im Hebräerbrief: «Lasst uns … auf Jesus blicken, er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen … Richtet also eure Aufmerksamkeit auf den, der solche Anfeindung von Seiten der Sünder gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermattet und mutlos werdet!» (Hebr 12,2.3). Jesus, der Sohn Gottes, hat für eine Weile auf seine göttlichen Vorrechte verzichtet, um ein Mensch wie wir zu sein. Um mit uns alle Dimensionen des menschlichen Lebens zu teilen, auch die unangenehmsten. Er hat Versuchung, Leiden und Tod kennengelernt, bis hin zu dem Gefühl der absoluten Verlassenheit: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen» (Mt 27,46) – rief er am Kreuz. Jesus, als wahrer Mensch, hätte das Leiden gerne vermieden - er war kein Masochist -, aber er hat es akzeptiert: «Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst» (Mt 26,39).
Jesus hat mit seinem irdischen Leben jede menschliche Realität geheiligt: die harte Arbeit, die Ruhe, das Wohlergehen am Tisch, aber auch das Leiden und den Tod. Mit seinem Leben hat Jesus jeder dieser menschlichen Realitäten einen heilbringenden Sinn gegeben: «Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden» - heisst es an einer anderen Stelle des Hebräerbriefes (5,8–9).
Jesus hat einen Sinn, einen heilbringenden Sinn dem gegeben, was für die Welt keinen Sinn hat. Und wenn wir mit Jesus verbunden bleiben, in guten wie in schlechten Zeiten, können auch wir, unserem ganzen Leben, selbst unserem Leiden, einen heilbringenden Sinn geben. Verbunden mit Jesus werden wir zu Mitwirkenden an der Erlösung. Eine grössere Ehre gibt es nicht, in guten wie in schlechten Zeiten. Amen!
