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Predigt von P. Jean-Sébastien Charrière am 6. Sonntag im Jahreskreis 2026

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus ist im Evangelium immer wieder sehr streng gegenüber den Pharisäern und Schriftgelehrten. Es ist aber wichtig sich daran zu erinnern, dass diese zwei Gruppen vor allem ein Sinnbild für ein Verhalten sind, das auch unsere Haltung widerspiegeln kann.

Die Pharisäer und Schriftlehrten wollten Gott gefallen. Sie wollten rein und gerecht sein. Deshalb war das Gesetz zentral für ihr Leben. Sie haben sich bemüht, es buchstäblich zu folgen. Aber leider sind sie der Schrift oft gnaden-, ja sogar lieblos gefolgt. Mit der Zeit ist der Sinn des Gesetzes für viele verloren gegangen. Es wurde aus Gewohnheit befolgt, als unreflektierte Tradition übernommen. In diesem Fall droht die Treue am Gesetz ein blosser Legalismus zu sein und ist in Gefahr, unmenschlich zu werden, was mit dessen ursprünglichem Zweck in Widerspruch steht. Deshalb erinnert Jesus im Markusevangelium, dass das Gesetz für den Menschen gemacht ist und nicht der Mensch für das Gesetz (siehe Mk 2,27).

Auch in diesem Sinn warnt Christus seine Jünger im heutigen Evangelium:  «Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit grösser ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen» (Mt 5,20). Und er ergänzt die Gebote sogar mit Autorität: «Ihr habt gehört, … ich aber sage euch». Damit könnten wir denken, dass Christus die Gebote verschärft. In der Tat erfüllt er das Gesetz, in dem er es auf seinen ursprünglichen Sinn zurückführt. Es geht für Jesus zuerst um die innere Haltung und nicht um die äussere.

Äusserlich waren die Schriftgelehrten und Pharisäer oft tadellos, doch am Ende des Matthäusevangeliums vergleicht Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten mit Bechern, die aussen sauber, innen aber voll Raffsucht und Gier sind (siehe Mt 23,25). Oder mit Gräbern, die aussen getüncht sind und schön aussehen, drin aber voll Knochen und aller Unreinheit sind (siehe Mt 23,27). Und er fügt hinzu: «Ihr (…) lasst das Wichtigste im Gesetz ausser Acht: Recht, Barmherzigkeit und Treue» (Mt 23,23).

Jesus interessiert sich nicht nur für unsere Hände, das heisst für das, was wir tun. Er interessiert sich vor allem für unsere Herzen, das heisst für das, warum wir etwas tun.

Im Evangelium spricht Jesus Verbote an: Mord und Ehebruch – und weist auf ihre verborgenen destruktiven Wurzeln hin: Zorn und Begierde. Für Jesus beginnt das Böse nicht erst mit dem Schlag oder mit dem Begehen der Sünde. Es beginnt lange davor, in den verborgensten Winkeln unserer Gedanken. Zorn ist Mord im Anfangsstadium, und der Blick der Begierde ist bereits ein gebrochener Bund. In beiden Fällen ist die Beziehung zu unserem Nächsten zerstörerisch geworden. Wahrer Glaube misst sich an der Qualität unserer Beziehungen mit Gott, mit unseren Nächsten und mit uns selbst.

Mit seiner heutigen Lehre will Jesus sicher nicht, dass wir uns ständig mit unserer Sündhaftigkeit auseinandersetzen. Dies wäre eine Art Egozentrismus, bei dem wir mehr auf uns selbst schauen würden als auf Gott und seine Gnade. Zwanghaft auf seine eigene Unvollkommenheit zu schauen, könnte auch ein Ausdruck eines Mangels an Vertrauen auf Gott und seine Liebe zu uns sein. So, und trotz des wertvollen Sakramentes der Versöhnung, würden wir nie fertig sein mit unserem Makel. Und dann könnten wir entmutigt und verzweifelt mit den Jüngern fragen: «Wer kann dann noch gerettet werden?» (Mt 19,25).

Gott lädt uns mit diesem Evangelium ein, bewusst und achtsam mit unserem inneren Leben umzugehen und auch demütig zu bleiben, wie der Zöllner im Tempel, der von Gott gerechtfertigt wurde, weil er seine Hilfsbedürftigkeit erkannte (Lk 18,9-14). Jesus kennt das Herz des Menschen. Einmal, wo das Gesetz eine Steinigung vorgesehen hatte, sagte er: «Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein» (Joh 8,7). Und der heilige Paulus, der von sich sagte: «Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will» (Röm 7,19), erhielt von Christus, als er um Befreiung bat, die Antwort: «Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet» (2 Kor 12, 9). 

Der Herr verlangt nicht von uns, aus eigener Kraft vollkommen zu sein, sondern, dass wir wahrhaftig und barmherzig leben. Er will auch nicht, dass wir das Gesetz missbrauchen, um über andere zu urteilen. Denn Gerechtigkeit wird als Geschenk der Gnade verstanden, wie der Brief an die Kirche in Galatien uns daran erinnert: «Wir wissen, dass der Mensch nicht aus Werken des Gesetzes gerecht wird, sondern aus dem Glauben an Jesus Christus» (Gal 2,16).

Liebe Schwestern und Brüder, so wie Jesus uns mit dem ersten und höchsten Gebot daran erinnert, geht es beim Gesetz und den Geboten zuerst und vor allem um Liebe (siehe Mt 22,37-39). Es geht aber auch darum, das Leben in Fülle zu empfangen (siehe Joh 10,10), um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. In seinem Brief an die Kirche in Rom, weist der heilige Paulus auf den besten Weg hin, um in der Fülle des Lebens voranzuschreiten: «Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute» (Röm 12,21). Und ein kleines Stossgebet fasst es wunderbar zusammen: «Weil die Liebe mich liebt, werde ich Liebe». Mögen wir Zeit mit dieser Liebe, die für uns Fleisch geworden ist, verbringen. AMEN.
 

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