Liebe Schwestern und Brüder!
„Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung“ (Lk 12, 51). Ist das nicht verwirrend, ja sogar schockierend, dass Jesus, der Fürst des Friedens (Es 9, 6-7), so etwas sagt!? Im Matthäusevangelium tönen seine Worte noch drastischer: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34).
Diese Worte scheinen in starkem Widerspruch zu sein mit anderen Aussagen Jesu, wie: „Ihr sollt eure Feinde lieben “ (Lk 6,35) oder „Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin“ (Lk 6,29).
Solche scheinbaren Widersprüche erinnern uns daran, dass wir nie ein Wort, einen Satz, einen Text, ja, sogar ein Buch aus einem Kon-Text herausnehmen und interpretieren dürfen. Zwischen Klammern: Dies macht der Feind, der Spalter. Der Teufel hat Jesus mit Zitaten aus der Bibel in der Wüste versucht (siehe Mt 4, 1-11). Auch wenn Worte und Sätze aus der Heiligen Schrift stammen, sind sie kein Gottes Wort mehr, wenn sie ihren Geist verloren haben. Dann sind sie nur noch leere Worte und Buchstaben, die töten können (siehe 2 Kor 3, 6). So gibt es eine Art und Weise die Bibel zu zitieren, die geradezu kriminell sein kann. Dies besonders, wenn das Wort Gottes benutzt wird, um zu verurteilen und zu diskriminieren, oder sogar, um einen so genannten «Heiligen Krieg» zu führen.
Da können wir uns fragen: «Wie gehe ich mit dem Wort Gottes um?»
Kommen wir zurück zum heutigen Evangelium. Das mittlere Thema von Lukas, ist ein einziger Aufstieg nach Jerusalem, der Heiligen Stadt, wo Jesus seine Passion und seine Auferstehung erleben wird. Auf diesem Weg, und wissend was ihn erwartet, hat Jesus die heutigen Worte ausgesprochen.
In seiner Rede bringt Christus drei Themen vor: das des Feuers, das einer Taufe und das der Spaltung.
Das Feuer ist das, was erleuchtet, wärmt und reinigt. In der Bibel ist es vor allem ein Sinnbild für Gott, der sich zum Beispiel Mose in einem brennenden Busch offenbart (Exodus 3, 2). Gott kommt auch im Feuer auf dem Sinai, um die Zehn Gebote zu geben (Exodus 19, 18). Im Tempel werden die Opfertiere auch verbrannt, um sie Gott zu übergeben. Für Lukas ist das Feuer vor allem ein Zeichen des Heiligen Geistes, der an Pfingsten als Feuerzungen kommt (siehe Apg 2,3). Und dieses Feuer erleben auch die Jünger von Emmaus, wenn sie bekennen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?“ (Lk 24,32). Mit diesem Feuer, das belebt, reinigt, vereint und inspiriert, will Jesus die Welt verwandeln. Und wie froh wäre er, es würde schon brennen!
Dieses Feuer der Liebe brennt aber noch nicht, deshalb muss Jesus eine Taufe durchmachen. Das griechische Wort für Taufe ist „baptisma“, was „tauchen“ oder „untertauchen“ heisst. Er weiss, dass er in den Tod eintauchen muss, um die Auferstehung, das neue Leben für ihn und für uns Menschen zu erlangen. Mit diesem Wort: «Ich muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist», verkündet er seine kommende Passion.
Der grösste Teil des Evangelium-Abschnitts, den wir soeben gehört haben, spricht von der Spaltung.
Zur Zeit Jesu erwartet das Volk Gottes den Messias, der den Frieden auf Erden bringen sollte. Aber Jesus ist sich bewusst: Er bringt keinen fixfertigen Frieden, wie die Welt es erwartet (siehe Joh 14,27): seine Verkündigung und Taten rufen heftige Gegenreaktionen hervor. Seine Auslegung der Heiligen Schrift, sowie die Autorität seiner Worte widersprechen der Tradition der Pharisäer und Schriftgelehrten, die ihn deshalb loshaben wollen. Sein Verhalten ohne Berührungsangst gegenüber Ausgestossenen und Unreinen wie Kranken, Armen, Aussätzigen, Prostituierten und Zöllnern, ist eine Schande für seine Kultur, seine Religion und seine Zeit. Auch durch sein Wirken polarisiert Jesus die Menschen und könnte unter Umständen dadurch politische Unruhe verursachen. Deshalb wollen die Eroberer des Landes, die Römer, ihn ebenfalls loshaben.
Auch hier können wir uns fragen: «Wie gehe ich mit Menschen um, die anders denken oder handeln als ich?»
Der Fürst des Friedens, Jesus, ist auch das wahre Licht der Welt. Und wo das Licht strahlt, zeigt sich der Schatten. Und je heller das Licht ist, desto dunkler ist der Schatten. Wo die Wahrheit ist, entlarvt sie auch die Lüge, die oft versucht, sich zu mehren, um das letzte Wort zu haben. Ansonsten stellen sich die Machtgier, die Eifersucht, die Selbstsucht, die Rechthaberei gegen die Einheit und ertragen deshalb den Frieden nicht.
Christus bringt die Spaltung oder das Schwert nicht aktiv. Die Spaltung entsteht von selbst, indem wir uns für ihn oder gegen ihn entscheiden. In den Worten Jesu ist das Schwert auch nicht unbedingt als Kriegswerkzeug zu verstehen. Es ist auch ein Zeichen der Unterscheidung, der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Und jede Entscheidung ist ebenfalls ein Verzicht, was schmerzhaft sein kann.
Liebe Schwestern und Brüder, „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung“. Diese Worte Jesu sind keine Einladung, einen «Heiligen Krieg» zu führen oder mit Gewalt unseren Glauben zu verkünden noch zu verteidigen. Diese Worte sind eine Feststellung: Seine Worte verlangen Entscheidungen und erwecken Emotionen.
Wie damals sehnen wir uns nach Frieden, und dies um uns und in der Welt. Gott sendet uns als Boten des Friedens, aber dieser Friede beginnt in uns selbst. Wie können wir den Frieden in der Welt verlangen, solange unser eigenes Herz gespalten ist und es ihm an Frieden mangelt? Können wir uns selbst annehmen und bedingungslos lieben, wie wir aktuell sind, auch als unvollkommener Mensch, so wie Gott uns liebt? Sind wir im Frieden mit unserer Familie und unseren Nächsten?
Verschieben wir die Probleme nur auf die anderen oder sind wir bereit, unser Ego, das aus dem Vergleichen und aus der Spaltung entsteht und lebt, zum Schweigen zu bringen? Die Kriege in der Welt sind der Ausdruck des inneren Unfriedens der Menschen. Deshalb beginnt der Friede der Welt bei uns selbst. Zeiten der Stille, des Gebetes, der Empfang der Sakramente, auch geistliche Lesung, liebevolle Begegnungen und Austausch können uns helfen, den Frieden Gottes anzunehmen, den er uns schenken will, wenn er sagt: «Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch» (Joh 14,27). Wollen wir es annehmen und danach handeln?
