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Predigt von P. Daniel Emmenegger am 26. Sonntag im Jahreskreis 2025

Sollten Sie nach den Schrifttexten, die uns eben vorgetragen wurden, ein schlechtes Gewissen haben, weil es Ihnen im Grossen und Ganzen gut geht: Sie haben warme Kleidung, ein warmes Zuhause, genug zu Essen und zu Trinken; Sie feiern gerne ab und zu ein schönes Fest – falls Sie deswegen jetzt ein schlechtes Gewissen haben, dann lassen Sie sich gesagt sein: Das ist nicht die Absicht dieser Schrifttexte!

Sollten Sie gar denken, dass Sie alles, was Sie in diesem Leben an Gutem und Schönem geniessen dürfen, im «Jenseits» entbehren; dafür vielleicht sogar büssen müssen – dann lassen Sie gesagt sein: Das ist nicht der Sinn der heutigen Schriftlesungen!

Gott will nicht, dass der Mensch in Lumpen umhergeht und frieren muss; Gott will nicht, dass der Mensch kaum zu Essen findet und hungern muss; Gott will nicht, dass der Mensch kaum zu Trinken findet und dürsten muss! Gott will nicht, dass der Mensch in diesem Sinne arm sei. Vom heiligen Thomas von Aquin ist uns folgender Satz überliefert: Zum Gutsein braucht der Mensch ein gewisses Mass an Komfort: Warme Kleidung, ein Zuhause, genug zu essen, genug zu trinken und auch ab und zu ein schönes Fest.

Das Problem, das heute angesprochen wird, ist ein ganz anderes: Der Prophet Amos nannte es in der Lesung «Selbstsicherheit» und «Sorglosigkeit». Und zwar eine Selbstsicherheit und Sorglosigkeit, die losgekoppelt ist von der Realität; die mit der Wirklichkeit, wie sie ist, nichts zu tun hat. Die Wirklichkeit, die Realität für die Leute im AT, zu denen Amos spricht, ist drohende Verbannung! Sie werden bald ihr Land, ihre Häuser, ihre Heimat verlassen müssen. Und das sehen sie nicht oder wollen sie vielleicht auch nicht sehen. Sie üben sich in Selbstsicherheit und Sorglosigkeit – und belügen sich damit.

Und diese haben eine ganz konkrete Gestalt: Bequemes Bett mit feinen Polstern, bestes Fleisch, gute Musik, natürlich Wein und feinste Kosmetik. Gut zu wissen: Die Lüge sieht sehr verlockend aus! Proportionalität: Je grösser die Gefahr, desto mehr übt man sich in Selbstsicherheit und Sorglosigkeit, d.h. desto grösser und bequemer das Bett; desto grösser die Menge an Fleisch; desto lauter die Musik; desto fliessender der Wein (und das Bier!) und desto aufwändiger die Kosmetik! Aber in unserem Fall dient das alles dazu, die Realität auszublenden; sich der Wirklichkeit, wie sie ist, nicht stellen zu müssen. 

Hat das nicht auch eine gewisse Aktualität? Uns scheinen heute von vielen Seiten her ebenfalls Gefahren zu drohen: Russische Drohnen kommen immer näher; das Funktionieren der Wirtschaft ist gefährdet usw.: Wir fürchten um unsere Zukunft! Nicht wenige Menschen sind heute verunsichert oder gar verängstigt angesichts der täglichen, zumeist eher trüben Nachrichten. Und hier eben kann man versuchen, die eigene Unsicherheit oder Angst irgendwie zu überspielen, sie auszublenden – eben indem man sich in trügerischer Selbstsicherheit und Sorglosigkeit übt. Ich kaufe mir dann plötzlich jede Woche irgendwelche neuen Kleider oder Schuhe, die ich gar nicht brauche; ich gehe viel öfter in den MacDonalds als es meinem Körper guttut; meine Wochenenden sind voll mit Party, Unterhaltung und Konzerten, an denen der Alkohol reichlich fliesst und für die ich nicht genug Kosmetik aufwenden kann.

Hier sprechen wir ja längst nicht mehr vom Komfort, den ein Mensch braucht, um gut sein zu können – Sie erinnern sich an das Zitat des heiligen Thomas von Aquin. Hier hat das Ganze etwas Exzessives, Überbordendes; das gesunde Mass geht verloren. Und das geht fast zwangsläufig auf Kosten anderer Menschen.

Das sehen wir im Gleichnis, das uns Jesus im heutigen Evangelium erzählt. Der reiche Mann lebt darin üppig: Purpur, feines Leinen, tägliche glanzvolle Feste. Also kein Komfort, der ihm hilft, gut zu sein; sondern Überfluss, der blind, taub und gefühllos macht – auf Kosten des armen Lazarus. Die Realität, dass Lazarus vor der Tür liegt – also in unmittelbarer Nähe –; die Wirklichkeit, dass ich ihm helfen könnte, indem ich ihm ein klein wenig von meinem Überfluss gebe: Diese Realität wird ausgeblendet, die Wirklichkeit nicht gesehen. Insofern bauen auch dieses Purpur, das feine Leinen und die glanzvollen Feste auf einer Lüge auf.

Nur wird hier nun noch die besondere Tragik der Lüge deutlich: Denn die Realität, die hier ausgeblendet; die Wirklichkeit, die hier nicht gesehen wird, ist die Wirklichkeit Gottes selbst. Darauf weist der Fortlauf des Gleichnisses: Gott selbst nimmt sich schliesslich des armen Lazarus an, indem er seine En-gel schickt und ihn in den Schoss Abrahams tragen lässt. Das Schicksal des armen Lazarus macht Gott sich zu eigen. Und das zeigt sich ja gerade in demjenigen, der dieses Gleichnis erzählt, Jesus: Er ist der Sohn Gottes, der sich in den Armen dieser Welt vertreten sieht: «Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das hat ihr mir getan – oder eben nicht getan» (Mt 25,40).

Die Wirklichkeit Gottes nicht zu sehen, heisst im Grude auch die Realität zu verkennen, dass Gott für uns Menschen schaut und wir uns nicht ängstigen und in trügerischer Selbstsicherheit und Sorglosigkeit üben müssten. An einer Stelle im Evangelium sagt uns Jesus: «Schaut mal, Ihr handelt mit Sperlingen für ein paar Pfennige. Aber ich sage Euch: Gott vergisst nicht einen von ihnen.» Wenn Gott schon keinen einzigen seiner Vögel vergisst, wie viel weniger dann irgend einen Menschen (Lk 12,6-7). Das Üben in trügerischer Selbstsicherheit und Sorglosigkeit, in dem Sinne, wie es uns heute begegnet, ist letztlich ein Misstrauensvotum Gott gegenüber.

Was können aus all dem nun mitnehmen? Worüber können wir nachdenken? Was wir ganz zu Beginn gesagt haben: Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, auch nicht angesichts des Elends in der Welt, wenn wir ein gewisses Mass an Komfort haben, also warme Kleidung, ein Zuhause, genug zu essen und zu trinken. 
In allem aber sollen wir das rechte Mass haben, bescheiden und enthaltsam sein, vor allem aber: dankbar. Dankbar Gott gegenüber.

Statt in scheinbarer Selbstsicherheit und Sorglosigkeit üben wir uns lieber in Selbstlosigkeit und in der Sorge um die Armen, soweit es uns möglich ist. Was uns an Überfluss gegeben ist, gehört den Armen. Im Absichern und Versichern dürfen wir etwas zurückhaltend sein, weil wir uns gerade so ganz konkret darin üben können, uns ganz auf Gott zu verlassen und in jenes Vertrauen zu kommen, das uns Leben und Freiheit schenkt. Das Vertrauen, dass Gott um jeden von uns weiss – über den Tod hinaus.

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