Kloster Einsiedeln, zur Startseite
Kloster Einsiedeln, zur Startseite

Predigt von P. Cyrill Bürgi am Vierten Fastensonntag 2026

Dank dem, dass wir sehen, dürfen wir auch die Schönheiten dieser Welt sehen und entdecken. In der Erzählung von der Salbung Davids zum König, hat Schönsein aber ambivalente Seiten.

Ist es nicht bemerkenswert, dass Samuel alle älteren Söhne von Isaï als schöne, stattliche Männer ansah? Zu jedem sagte aber Gott: „Achte nicht auf sein Aussehen und auf seine Gestalt… Gottes sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der HERR aber sieht das Herz“ (1 Sam 16,7). Als aber der Jüngste gerufen wurde, da hiess es: „David war rötlich, hatte schöne Augen und eine schöne Gestalt“ (1 Sam 16,12). Auch er wird als schön beschrieben. Die Schönheit, die Gott im Herzen sieht, drückt sich offenbar auch in der äusseren schönen Gestalt aus. Der Vater Isaï hat diese bis jetzt nicht erkannt, denn er liess ihn zuerst nicht einmal vor Samuel zur Wahl hintreten. Auch Samuel hat sich täuschen lassen. Er interpretiert vorschnell und sieht im Ältesten, Eliab, den zukünftigen König. Bewegt durch die göttliche Stimme schaut er abermals hin und gewinnt eine neue Erkenntnis: Es ist der Jüngste, der vernachlässigte Hirt auf dem Feld, in dessen Herz Gott die königliche Würde erkennt.

Die Offenheit, die Samuel an den Tag legt, erlaubt ihm eine Entwicklung in der Erkenntnis durchzumachen. Das achtsame Hinhören führt ihn ins Dahinter. Hinter dem Schein entdeckt er das Sein, die tiefe Schönheit, die sich auch äusserlich ausdrückt.

Die Erzählung des Blindgeborenen berichtet ebenfalls von einer inneren Entwicklung, von jener, die der vernach­lässigte Bettler durchgemacht hat. Er wird wortwörtlich vom Blinden zum Sehenden. Dabei geht es nicht einfach um die Heilung von der körperlichen Blindheit, sondern um die geistliche Entwicklung, die ihm zum Glauben an Jesus führt. Die Unvoreingenommenheit erlaubt ihm, diesen Prozess durchzumachen. Zu Beginn nämlich be­schreibt der Geheilte Jesus recht distanziert. Er nennt ihn „den Mann, der mir einen Teig auf die Augen strich“. Es ist auch keine Beziehung da, denn er weiss nicht, wo er sich befindet.

Als er erneut gefragt wird, wie er über diesen Jesus denke, antwortet er: „Er ist ein Prophet.“ Wieder später kommt er zur Erkenntnis, dass jener Heiler ohne Sünde ist, ja gar von Gott kommen muss. In einer erneuten Begegnung mit Jesus ausserhalb des Tempels bekennt er: „Ich glaube, Herr!“ und er wirft sich vor Jesus nieder.

Der Blinde wird nicht nur von seiner körperlichen Blind­heit geheilt. Im Laufe der Geschichte wird er auch geistiger­weise sehend. Er erkennt in dem fremden Mann, einen Propheten, einen, der von Gott kommt. Der Fremde wird zum Freund, der Heiler zum Messias.

Mit diesen Ent­wicklungs­schritten repräsentiert der Blindgeborene jeden von uns. Wir alle kommen nur schrittweise zum Glauben und auch jetzt noch vertieft sich das Gläubige Vertrauen in kleinen Schritten.

Die Offenheit, ja Sehnsucht nach dem Sehen und Erken­nen, befähigt dem Blinden im Glauben zu wachsen.

Anders die Pharisäer, die sich in ihrer Abgrenzung verschliessen. Jesus, dieser Sünder, kann nicht der Messias sein. Was nicht sein darf, gibt es auch nicht. Sie lassen keine Schritte der weiteren Erkenntnis zu. Diese verhärtete Abgrenzung und Verstockung des Herzens ist letztlich die Sünde, die sie blind sein lässt. Damit gewinnen die beiden Bemerkungen über die Sünde zu Beginn und am Ende der Erzählung ihren vollen Sinn. Es ist keine Frage der Sünde, ob einer am Auge blind ist oder nicht – auch nicht die Folge der Sünde einer vorhergehenden Generation. Aber am Ende der Erzählung wird klar: Es ist Sünde, das heisst man bleibt im Schatten des Todes, wenn man die Wunder Gottes sieht und trotzdem nicht staunen kann: „Ich bin gekommen, damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden“ (Joh 9,39). Und die Pharisäer fragen: „Sind etwa auch wir blind?“ Und Jesus: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“

Es geht also um die Frage, ob wir wachsen möchten in unserem Sehen und Erkennen. Möchten wir mehr vom Geheimnis der Wirklichkeit erfassen? Möchten wir in das Tiefste aller Ding, in das Dahinter des äusseren Scheins gelangen?

Wenn es wahr ist, dass der Blindgeborene ein Repräsentant von jedem von uns ist, dann wird seine Geschichte in uns fortgeschrieben. Die Entwicklung, die er durchgemacht hat, vollzieht sich in uns und findet seine Fortschreibung. Und jetzt wird es spannend: Wie geht die Entwicklung in uns weiter? Jesus wird in jeder Begegnung wieder neu fragen: „Glaubst du an den Menschensohn, an jenen, der von Gott kommt und sich als Mensch zeigt?“ Und ich werde höchst­wahrscheinlich fragen müssen: „Wer ist es?“ Und er wird antworten: „Ich bin es, der vor dir steht. Ich bin da in deiner momentanen Situation.“

Kann ich ihn nun ohne Voreingenommenheit annehmen – ihn, der da ist, unmittelbar im nächsten Gegenüber.

Die Entwicklung, der Prozess in die Tiefe, ins Sehen und Erkennen hinein, geht also weiter. Es bleibt spannend.

Dieses gespannte, erwartungsvolle Vorwärtsgehen mag uns mit jener Freude füllen, von der der heutige Laetare-Sonntag erzählt. Die Geschichte geht weiter – erwartungsvoll und schön.

Servicenavigation