Lesung und Evangelium: 1 Petr 3,15-18; Joh 14,15-21
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn
Der heutige Evangeliumsabschnitt ist nicht gerade ein Höhepunkt österlicher Freude. Es herrscht eine bedrückte Stimmung. Jesus spricht vom Weggehen, obwohl er uns nicht als Waisen zurücklassen werde. Die Welt werde ihn nicht mehr sehen. Er werde uns einen anderen Beistand erbitten, den Geist der Wahrheit, den aber die Welt nicht empfangen könne.
Diese Worte Jesu sind eine Reaktion auf die angstgeladene Atmosphäre unter den Jüngern. Diese sind verunsichert und wissen nicht, was auf sie zukommt. Sie haben Angst, dass Jesus sie verlässt, dass nichts mehr sein wird wie vorher. Sie fürchten sich vor dem Verlust der unmittelbaren Erfahrung der Anwesenheit Jesu. Ohne seine physische Gegenwart fühlen sie sich verloren.
Ich denke, dass der Autor dieses Textes die konkrete Erfahrung der damaligen ersten Christen aufgenommen und versucht hat, darauf eine Antwort zu geben. Er hat die Verunsicherung der ersten Christen in den Abschiedsdialog Jesu mit seinen Jüngern vor seiner Gefangennahme und seinem Tod verpackt.
Der Evangelist Johannes schreibt diesen Text etwa ums Jahr 100 an eine Gemeinde, deren wenigsten Mitglieder Jesus noch persönlich gesehen haben. Es sind Jesus-Jüngerinnen und Jünger der zweiten oder gar dritten Generation. Sie haben von der Auferstehung Jesu nur durch das Zeugnis von anderen gehört. Nach seiner Himmelfahrt ist ihnen Jesus wohl kaum als Auferstandener erschienen.
Ihre Situation muss möglicherweise nicht viel anders gewesen sein als diejenige von uns 1900 Jahre später. Ihnen wird gesagt: «Die Welt sieht mich nicht mehr; aber ihr seht mich, weil ich lebe und will auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater. Ihr seid in mir und ich bin in euch» (Joh 14,19f).
Spätestens hier muss es den Christen ums Jahr 100 gedämmert haben, dass Jesus im Evangelium nicht vom blossen physischen Sehen spricht. Es geht um ein Sehen im Glauben, im Vertrauen. Wenn wir ihm vertrauen und ihn lieben, können wir ihn sehen. Jesus fragt jeden neu – wie damals Petrus: «Liebst du mich?» Erst wenn ich liebe, kann ich ihn erkennen. Und diese Liebe zeigt sich, indem ich die Gebote halte. Erst in der Liebe kann sich Jesus offenbaren.
Die Welt ist jene Dimension, die nicht lieben kann oder nicht will; Welt ist jene Grösse, die sich gegen die Gebote sträubt; Welt ist jener Teil, der nicht an den Auferstandenen glauben will. Diese Haltung verhindert, dass Christi Gegenwart im Geist erkannt werden kann. Der Geist der Wahrheit erträgt diese negierende Haltung nicht. Diese weltliche Haltung herrscht aber nicht einfach in den anderen, wie das Evangelium suggeriert. Nein, ich denke, dass die Urkirche der zweiten und dritten Generation von dieser angstvollen Haltung teilweise betroffen war. Der andere Beistand, der Geist der Wahrheit, war nicht so unmittelbar erfahrbar. Die Gewissheit der Gegenwart des Auferstandenen stand auf wackligen Füssen. Ja, ich stelle die These auf, dass die Urkirche ums Jahr 100 keine grössere unmittelbare Erfahrung der Auferstehung und kein intensiveres Erleben der Präsenz des anderen Beistandes hatte als wir heute. Wir müssen nicht glauben, dass die ersten Generationen der Christenheit bessere Voraussetzungen hatten als wir heute.
Wenn diese These stimmt, dann mag aber die Abschiedsrede Jesu ebenfalls an uns gerichtet sein. Die Worte Jesu wollen – wie damals – unsere Grundstimmung aufnehmen und dahinein Trost sprechen. Jesus bittet auch heute den Vater um einen anderen Beistand, der immer bei uns bleiben wird. Das bedeutet, dass der Vater ermöglicht, dass Jesus auf eine andere Weise gegenwärtig bleibt – nicht mehr in der Begrenztheit eines Menschen – sondern in der Weise, die seine ständige Gegenwart verheisst: «Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht sieht und nicht kennt.»
Jene, die sich aber auf diese neue Seinsweise einlassen, sehen und erkennen ihn als denjenigen, der ständig da ist, weil er lebt, wie auch wir in ihm leben.
Wie der ersten Generation muss es jetzt auch uns dämmern, dass Jesus nicht von einer mit physischen Augen sichtbaren Anwesenheit spricht, sondern von einer weit grösseren, die nur jene wahrnehmen, die sich auf die Beziehung mit ihm einlassen.
Die Welt zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie sich nicht auf Gott einlässt, dass sie unabhängig und selbstherrlich sein will. Solches Denken kommt nicht aus einem Geist der Wahrheit. Der Geist der Wahrheit lässt sich ein auf den Gott der Liebe. Der Geist der Wahrheit vertraut dem Schöpfer und ordnet sich seinem Willen unter. In diesem Geist lieben bedeutet, sich an die Gebote halten – an die Gebote der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe.
Das Erkennen des auferstandenen Jesus ist immer ein Prozess. Erst als Maria Magdalena sich von Jesus persönlich ansprechen lässt, erkennt sie ihn. Sie kann ihn fassen und gleichzeitig entzieht er sich ihr. Erst als Petrus die Frage «Liebst du mich?» existenziell bejahen kann, kann er Jesus ganz folgen und die Schafe weiden, das heisst seine Brüder und Schwestern stärken.
Der Glaube, dass Jesus auferstanden und gegenwärtig ist, bleibt für alle Jünger eine Sache des Vertrauens und nicht einfach die intellektuellen Anerkennung eines gegenständlichen Faktums. Es geht um einen Prozess des sich Einlassens auf Jesus, den abwesend Gegenwärtigen.
Am Ufer des Sees von Tiberias haben die Jünger Jesus beim reichen Fischfang wahrgenommen. Die Wahrnehmung bleibt aber eine Sache des Vertrauens, denn es heisst da: «Keiner von den Jüngern wagte zu fragen, wer er sei, denn sie wussten, dass es der HERR war» (Joh 21,12)!
Geht es uns in unserem Alltagsglauben nicht ähnlich? Oft sind wir vom Geist der Welt besessen, der harte Fakten sehen will. Doch hie und da gelingt es uns, bewusst ein Zeichen des Vertrauens zu setzen und wir beten vielleicht: «Ich überlasse mich dir, Herr. Sorge du! Ich überlasse diese Situation, diese Aufgabe, diese Person dir. Sorge du!» Und oft überraschend: die Sache kommt gut.
Dann mögen wir Jesus in der Situation sehen und wagen kaum zu fragen, «Warst du es?», denn wir erkennen, dass es der HERR war.
Wie in der Urkirche ist heute Glaube genau das: sich in jeder Situation wieder neu einlassen auf IHN, der unser wahrer Beistand ist, IHN sehen, weil er lebt und weil auch wir leben mit ihm.
Diese Gewissheit seines ständigen Beistandes stellt unser Lebensgefühl auf eine neue Basis. Es ist eine Hoffnung, die durch alles trägt. Diese Grundzufriedenheit strahlt aus, ohne dass wir bewusst etwas in diese Richtung äussern. Andere aber werden dadurch veranlasst, uns nach unserer Hoffnung zu fragen. Dann dürfen wir von der Wahrheit sprechen, die uns in Christi Gegenwart geschenkt ist.
Der Geist der Wahrheit ist aber in erster Linie ein Beistand für uns, dass wir IHN sehen und erkennen: Wir sind in IHM und ER ist in uns, wie er im Vater ist. Wenn er sich so offenbart, mag es vorkommen, dass wir nicht wagen zu fragen, ob ER es sei, denn wir wissen, dass ER es ist.
