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Predigt von P. Cyrill Bürgi am Pfingstmontag 2026

Lesung: Eph 4,1b-6
Evangelium: Joh 15,26-16,3.12-15

Liebe Brüder und Schwerstern im HERRN

«Wenn der Beistand kommt, dann wird er Zeugnis für mich ablegen» (Joh 15,26), sagt Jesus.
Was bedeutet das: «Zeugnis ablegen»?

Wer vor einem Gericht Zeuge ist, beglaubigt in eigener Autorität einen Sachverhalt. Je grösser die Vertrauens­würdigkeit des Zeugen, je gewichtiger das Zeugnis. Kann ein Zeuge dazu noch plausible Beweise bringen, ist sein Zeugnis von grosser Bedeutung. Er nimmt quasi die Zuhörerschaft ins wahre Geschehen hinein und zeigt den Richtern die Zu­sam­menhänge der zu beurteilenden Sache. Das Aufzeigen der Vor­aussetzungen und der Zusammenhänge er­öffnet allen den wahren Blick auf das Geschehene.

Wenn der Geist also Zeugnis für Jesus ablegt, dann zeigt er allen die Zusammenhänge. Dieser Zeuge ist aber nicht irgendeiner. Er ist der Geist der Wahrheit. Er kommt vom Vater. Wie Gottessohn so quillt er aus demselben Ursprung und besitzt dadurch höchste Glaubwürdigkeit.

Wie kann dieser Geist aber Zeugnis ablegen – und das auch noch 2000 Jahre nach dem ersten Pfingstereignis?

Es ist nicht so, dass der Geist Gottes am Pfingstfest mit vernehmlicher Stimme redete und die Apostel ihn hörten, wie er für Jesus Zeugnis ablegte. Nein, die Jünger redeten in den verschiedenen Sprachen, so dass alle verstehen konnten. Der Heilige Geist hat ‘nur’ die Zusammenhänge erkennen lassen. Mit seiner Hilfe haben die Apostel erkannt, wie sich die Verheissungen an das Volk Israel und wie die Sehnsucht ihres Glaubens auf wunder­bare Weise im Schicksal Jesu erfüllt hat: Der versprochene Neue Bund ist in der Tat im Blut Jesu geschlossen. Gottes Wort im Alten Testament und die Worte Jesu über den barmherzigen Vater machen auf einmal konkreten Sinn. Die Gabe des Heiligen Geistes ermöglicht den Aposteln ihre Vorgaben im jüdischen Glauben mit dem Ereignis Jesu zu verbinden. Ihnen gehen die Augen auf. Heute würden wir sagen: «So konnten vernetzt denken und anderen diese Vernetzung vermitteln». Dadurch schafft der Geist eine Ge­meinschaft unter den ver­schiedenen Playern: den Juden mit ihrer Sehnsucht nach Erlösung, den Heiden mit ihrem Streben nach Erleuchtung und den Apostel als Zeugen für den menschgewordenen Gott. Der Geist vernetzt sie und eint sie zu einer Gemein­schaft mit Christus. Es ist die Auf­gabe des Heiligen Geistes über Zeit und Raum, über Sprache und Denkhorizont hinweg zu verbinden und zu einen. Er schenkt die Zusam­men­schau. Das war damals vor 2000 Jahren, so ist es heute. Der Geist Gottes nimmt, was vor­handen ist und setzt es in Beziehung. Damit wird die Gegen­wart lesbar im Zusammen­hang mit der Bibel, mit dem Ereignis Jesu und mit dem göttlichen Trost, der dabei auf­kom­men mag. In heutiger Ausdrucksweise würden wir das Networking Gottes be­nennen. Dinge, Sachverhalte, Per­sonen werden in Beziehung gesetzt und es passt. «Es stimmt für mich!» würden wir sagen, aber eben nicht nur für mich, sondern es ist stimmig in sich – für alle. Im Networking Gottes erfahren wir Wert­schätzung des Vorhandenen, die Hochachtung des Gegebenen. Wenn ich mich entscheide, mich auf die Beziehung mit Gottes Geist einzu­lassen, erfahre ich, wie ein innerer Friede, eine Freude auf­kommt. In seinem Licht erkennen wir unseren Wert, unsere Würde. Wir sind uns nicht mehr fremd. Das schenkt eine Ruhe, einen Frieden. Gleichzeitig versetzt der Geist Gottes in Unruhe. Er drängt zum Guten, zum Aufbau, zum Zeugnis Geben.

Deswegen sagt Jesus: «Auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid» (Joh 15,27). Aber wie denn? Wir waren ja nicht ums Jahr Null geboren und waren nicht mit Jesus unterwegs. Bei der Wahl des Apostels Matthias war das aber Vor­aus­setzung, denn in der Apostelgeschichte heisst es: «Es ist nötig, dass einer von den Männern, die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, ange­fangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde - einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Aufer­stehung sein» (Apg 1,21f). Wir erfüllen diese zeitliche Voraus­setzung nicht. Wir waren nicht von Anfang an dabei.

Wie so oft spielt das Johannesevangelium mit der Zwei­deutig­­keit. Im Kontext versteht man die Aussage Jesu zeitlich. Doch dann müsste es richtigerweise heissen, «weil ihr von Anfang an bei mir gewesen seid» und nicht «weil ihr von Anfang an bei mir seid».  Das griechische Wort ἀρχὴ bedeutet nicht nur Anfang, sondern auch Ursprung oder Ordnung. «Auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr den Ursprung, die Ordnung in mir habt» (vgl. Joh 15,27). Auch wenn wir nicht im Jahre Null geboren wurden oder schon zu Beginn unseres Lebens gläubig waren, so haben wir doch alle die Quelle in ihm. Er ist unser Ursprung. In der Taufe und in der Nachfolge Jesu bilden wir eine Schicksals­gemeinschaft mit ihm und unter­einander. Sein Sterben befruchtet unsere Hingabe und unsere Ent­scheidung, für das Gute einzustehen. Wir leben aus seinem Geist, wie Jesus sagt: «Er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein» (Joh 16,14f). Diese vernetzte Einheit geht so weit, dass Paulus an die Epheser schreiben kann: «Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist» (Eph 4,4-6).

Diese Einheit mit Gott und untereinander seit Anfang an ist nicht eine Frage des guten Willens. Die Heiligkeit ist nicht eine Frage der Anstrengung und Leistung. Gottes Geist bewirkt sie. Er macht das Networking mit IHM und unter­einander. Wir müssen einfach, was wir sind und haben, zur Verfügung stellen. Er setzt dann das Vorhandene in Bezieh­ung. Pfingsten geschieht dann, wenn wir das Vorgegebene, unser Leben, unser Schicksal, unsere Bedürfnisse und Sehn­süchte im Zusammenhang mit IHM neu sehen. Auf einmal macht alles Sinn. Die Gegenwart wird lesbar im Zusammen­hang mit Gottes Wirken und wir lernen zu unterscheiden, zwischen dem, was aufbaut und dem, was ins Leere führt. Diese Erkenntnis schenkt einen ungeahnten Frieden und drängt gleichzeitig, Zeuge für ihn zu sein, Zeuge für seine Liebe.

Das Networking des Geistes wird unser Leben mit dem Ursprung verbinden. Das Leben wird eine Ordnung in sich haben, eine Ordnung, die Zeugnis für Jesus gibt.

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