Predigt zu Jes 55,6-9 und Mt 20,1-16
Liebe Brüder und Schwestern im HERRN
Gerade weil das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg nicht aufgeht und deswegen eine innere Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit weckt, erzielt die Erzählung seine Wirkung.
Verstehen wir uns nicht als Arbeiter und Arbeiterinnen der ersten Stunde? Wir haben Ja gesagt zu Gott und der Aufgabe sein Reich unter uns aufzubauen. Weil Jesus es sagt, bemühen wir uns um Liebe und Versöhnung, um Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Dieses Bemühen empfinden wir anstrengend und manchmal denken wir, es wäre einfacher, nur für sich zu schauen – rücksichtslos wie andere. Weil wir uns an die Gebote zu halten versuchen, kommen wir – gefühlt – zu kurz und denken insgeheim, Gott ist nicht fair.
Diese göttliche Ungerechtigkeit nehmen einfach hin, denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind Gottes Wege und Gedanken über unseren Wegen und Gedanken. Damit verpassen wir eine Gelegenheit und tun nicht, zu was die Lesung uns auffordert: «Sucht den Herrn, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah» (Jes 55,6)!
Bei diesem sehr verständlichen Gedankengang möchte ich drei Annahmen aufweichen:
- dass es nämlich um verschiedene Tagelöhner handelt
- dass der Lohn am Ende der Tage kommt und
- dass der Lohn eine fixe Begleichung einer Leistung ist.
Zuerst möchte ich einmal die Arbeiter, die zu unterschiedlichen Tagzeiten auf dem Markt stehen, um angeheuert zu werden, zu einer Person vereinen. Ich sage einmal, es geht nur um eine Person und zwar um uns, d.h. um jeden einzelnen. Der Zwölfstundentag ist unser Leben. Früh am Morgen trat Gott in unser Leben. Die Eltern haben uns taufen lassen. Wir sind in der Tradition des Glaubens aufgewachsen, haben mehr oder weniger Ja gesagt zu Gott und die Erstkommunion gefeiert. Natürlich empfanden wir das Ganze manchmal als Zwang. Wir mussten am Sonntag zur Kirche und zur Beichte im Religionsunterricht.
Als Gott aber in der dritten Lebensstunde wieder an uns herantrat, haben wir doch Ja gesagt und uns firmen lassen. Ja, es war ja auch schön – die Vorbereitung mit den Kollegen, die Firm-Reise und die Geschenke. Gewisse Glaubenssätze und das kirchliche Bodenpersonal und die Unfehlbarkeit des Papstes waren uns fremd, aber schliesslich geht es um die Liebe. So konnten wir in der sechsten Lebensstunde auch Ja sagen zum Bund Gottes in der Ehe oder als Mönch. In der Sexualmoral denken wir zwar anders als die offizielle kirchliche Lehre, aber das muss ja jeder mit Gott ausmachen.
Als Gott in der neunten Lebensstunde an uns herantrat mit der Frage, «Was stehst du hier den ganzen Tag untätig herum?», da hatte wir keine Alternative. Wie konnten wir anders umgehen mit den harten Schicksalsschlägen, der Ungerechtigkeit auf der Erde und der Ohnmacht gegenüber den globalen Problemen, als sie Gott anzulasten? Es gibt letztlich nur zwei wirklich stringente Alternativen: aus Verzweiflung zynisch werden oder sich einem wohlwollenden Gott anvertrauen, dessen Passivität wir zwar nicht verstehen, aber doch hoffen, dass er Gutes aus dem Chaos der Welt machen kann.
Als dann Gott am Ende der zur letzten Lebensstunde den Lohn auszahlen und jeder Lebensstunde denselben Lohn geben wollte, da haben wir uns gegen die vermeintliche Ungerechtigkeit aufgelehnt. Die gemeinen und verworrenen Stunden verdienen doch nicht denselben Lohn! In unserer Verschlossenheit haben wir uns gerechtfertigt und die dunklen Stunden nicht als Teil unseres Lebens akzeptiert. Es kann doch nicht sein, dass gerade dann Gott uns nahe war. Wir behaupten: «Niemand hat uns angeworben»!
Gott aber gibt auch da den Lohn, wo wir Gott nicht erkannt haben. Er akzeptiert uns als ganze Person mit allen Hochs und Tiefs. Er respektiert jede Lebensstunde – jene mit ihren Widerständen und Halbherzigkeiten, wie die anderen – und gibt denselben einen Denar: die Gemeinschaft mit IHM. Ist das nicht gütig? Da darf unsere Empörung übergehen ins dankbare Staunen.
Eine zweite Vorannahme möchte ich ebenfalls umkrempeln. Der Lohn kommt nicht am Ende des Tages, respektive des Lebens.
Besteht nicht gerade das Himmelreich darin, dass wir mit Gott leben und für ihn existieren dürfen. Gott ist doch der Denar unseres Lebens. Das Leben mit ihm beginnt aber nicht erst nach dem Tod. Es ist doch nicht so, dass Gott uns jetzt – quasi passiv – zuschaut, wie wir sind und dass wir nach dem Tod – ebenfalls quasi passiv – ihn schauen, wie er ist. Wir sind mit Gott und Er mit uns – heute wie in Ewigkeit. Das ewige Leben hat schon mit unserer Taufe begonnen. Der Denar, die Einheit mit Ihm, dürfen wir heute erfahren – vielleicht erst recht in der Last der Arbeit und in der Hitze des Tages. Meine jetzige mühsame Geschichte ist Gottes Geschichte – die Geschichte mit Ihm. Der Denar ist die Freude mit Ihm zu sein, mit Ihm zu kämpfen.
Mit diesem Gedanken möchte ich auch die dritte Annahme über den Haufen werfen. Gotteslohn ist keine 1:1 Abrechnung mit meiner Leistung.
Wenn der Denar die liebende Einheit mit Gott ist, die ich jetzt schon erfahren darf, dann geht es hier nicht um den Verdienst einer Leistung. Die Last und die Hitze des Tages gehören zur Geschichte mit Gott. Ich schwitze mit Gott und Er trägt mit mir. Die Dynamik Gottes ist nicht fix und starr, sondern von lebendiger Auseinandersetzung. Gott ist gegenwärtig inmitten der Wechselwirkung von Hitze und Kälte und gegenwärtig im Umgang mit der Last. Er liebt es aktiv mit mir zu ringen. Er will gesucht und gefunden werden. Er will gerufen werden und nahe sein – aber nicht billig, sondern um den Denar der Einheit mit IHM. «Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nahe» (Jes 55,6).
Die Empörung gegen die vermeintliche Ungerechtigkeit des HERRN können wir so ebenfalls in die dynamische Auseinandersetzung mit Gott hineinnehmen. Sie ist die Energie, die uns unsere verpassten Chancen in der Hitze des Gefechtes neu bewerten, ja bedauern lassen, weil wir genau die Hitze nicht intensiv mit Gott gelebt haben. Er war gegenwärtig. Der Denar lag offen da und wir haben ihn nicht genutzt.
Also nicht die anderen werden übervorteilt und der Denar kommt nicht am Ende, sondern Gottes Lohn – Er selbst – ist schon da und wir dürfen mit ihm zusammenwirken – in der Hitze des Lebens. Das gibt eine neue, frohgemute Perspektive des Lebens: «Er ist nah!
