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Predigt von P. Cyrill Bürgi am 23. Sonntag im Jahreskreis 2025

Liebe Brüder und Schwestern im HERRN,

Das Buch der Weisheit fragt: „Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen oder wer begreift, was der Herr will“ (Weish 9,13)?

Kennen wir Gottes Willen? Es wäre wahrscheinlich anmassend, diese Frage zu bejaen. Jedenfalls haben wir unsere grossen Zweifel, warum Gott heute nicht eher und direkter eingreift?

Das Buch der Weisheit gibt dann aber selbst eine Ant­wort: „Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen Heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast“ (Weish 9,17)?

Wir glauben, dass in Jesus Christus die Weisheit Gottes gekommen ist und er uns den Heiligen Geist gesandt hat. Wir kennen also eigentlich den Plan Gottes: Ist es nicht der Wille Gottes, dass wir eins seien mit IHM, dass wir Gemeinschaft– im Fremdwort „Communio“ – haben mit ihm heute und für immer?

Die Gemeinschaft mit Gott im Himmel ist ein Ziel und uns in Christus schon geschenkt. Die Communio ist das Ziel und der Höhepunkt des Plans Gottes und des Lebens des Menschen.

So ist auch in der Heiligen Messe die Kommunion das Ziel und der Höhepunkt der Eucharistiefeier. Die Ge­mein­schaft mit ihm und durch Christus untereinander voll­ziehen wir zeichenhaft, sakramental-real im gemein­samen Kommuniongang.

In diesem Zusammenhang hatte ich kürzlich in Frankreich in der Kathedrale von Tours, wo der heilige Martin Bischof gewesen war, ein schönes Erlebnis. Dazu aber noch später.

Im Evangelium knüpft Jesus zwei Bedingungen an seine Nachfolge. Seine Gemeinschaft mit ihm fordert eine kategorische Entschiedenheit. Er mag keine Halbherzigkeiten:

  • Zuerst muss man alles verlassen – Vater, Mutter, Frau, Kinder, allen Besitz, ja sogar sein eigenes Leben. Es geht um eine radikale, das heisst, von der Wurzel her, entschiedenen Haltung.
  • Und dann als zweite Bedingung: Als Jünger muss man sein Kreuz tragen und in Jesu Spuren folgen

Diese Bedingungen für Jesu Jüngerschaft mögen uns erschrecken und schockieren. Das ist genau ihre Absicht. Lukas legt diese radikalen Bedingungen in den Mund Jesu, nicht für eine wortwörtliche Befolgung, sondern um eine ent­schiedene Haltung in der Nachfolge Jesu herbeizu­führen.

Diese Forderung mag dem Einzelnen, der es mit der Nach­folge ernstmeint, einen enormen Druck aufbürden. Das ist gewiss nicht im Sinne Jesu.

Erst vor einer Woche hat mich ein 22-jähriger Mann, der getauft werden möchte, gefragt: „Wie lebe ich als Christ?“

Ist das nicht die entscheidende Frage – damals zu Lukas‘ Zeiten wie heute? Wie lebe ich als Christ?

Im Evangelium sagt Lukas, bevor man ein grosses Lebens­projekt starte, setze man sich hin und rechne. Man setze sich hin und überlege, was zu tun sei.

Dann erzählt er die Geschichte mit dem Mann, der einen Turm bauen will und das zweite Gleichnis mit dem König, der in den Krieg ziehen will.

Unbemerkt wechselt Jesus von den Forderungen an die individuelle Nachfolge in das kollektive Projekt einer ganzen Gruppe. Niemand kann allein einen Turm, ein Haus bauen oder allein in den Krieg ziehen. Das ist ein gemein­schaftliches Projekt, bei dem man aufeinander an­ge­wiesen ist.

Dieser Wechsel nimmt auch den Druck vom Einzelnen weg. Ich erfahre, dass viele Christen unter einem wahn­sinnigen Druck stehen. „Wie kann ich heilig werden?“ „Wie lebe ich gut und fromm und ohne Sünde?“ „Was kann ich alles machen, um in den Himmel zu kommen?“

In den Himmel kommen wir nicht alleine, sondern nur gemeinsam. Der Himmel ist ein Gemeinschaftsprojekt, das niemand alleine erreichen wird.

Übrigens ist uns der Himmel schon geschenkt in Christus. Christus ist unsere Garantie dafür. Die Communio mit Christus sollen wir aber nicht einfach passiv hinnehmen, sondern aktiv gestalten.

Die Frage bleibt: „Wie lebe ich als Christ?“ „Wie lebe ich als jemand, der in Gemeinschaft mit Jesus Christus ist?

Das Evangelium sagt deutlich: Wir sollten nicht planlos in die Welt hineinleben und schicksalshaft hinnehmen, was kommt. Wir sollen unsere Grundoption für Jesus ent­schieden leben im Umgang mit unseren Nächsten, mit unserem Besitz und auch im Umgang mit unseren kleinen und grossen Kreuzen.

Dann sollen wir uns hinsetzen und auf unsere Ressourcen besinnen. Welches sind unsere Ressourcen in Bezug auf die Gemeinschaft mit Jesus?

Auch hier geht es wahrscheinlich nicht zuerst um die individuellen Ressourcen. Jüngerschaft Jesu ist ein Gemein­schaftswerk.

Im Versuch mich hinzusetzen und die Resourcen zu überdenken, bin ich auf ein paar Punkte gestossen: Trägt uns nicht eine ge­mein­same Freude, dass Gott jeden von uns liebt? Dass wir zu Christus gehören? Dass wir als Auferstandene auf ewig sicher nicht aus den Händen Gottes fallen können? Trägt uns nicht eine Hoffnung, die uns durch die Wirrnisse diese Zeit lenkt? Besonders im Jubeljahr 2025 verstehen wir uns als Pilger der Hoffnung, weil Christus unsere Hoffnung ist. Wir haben wir nicht eine frohmachende Botschaft, die allen gilt?

Vielleicht ist es notwendig, nicht nur im grossen Stil der globalen, d.h. katholischen Kirche zu denken, sondern uns auf unser konkretes Kirchesein hier in dieser Gottes­dienst­gemeinschaft zu beziehen. Ob wir nun hinter oder vor dem Gitter sitzen, wir bleiben eine Communio in Jesus. An unserem Verhalten können andere ablesen, ob wir aus dieser Freude leben und sie teilen.

Im Sommer hatte ich in Frankreich diesbezüglich ein schönes Erlebnis. Frankreich gilt als säkulares Land, ja, es wurde schon als Missionsland betitelt. Doch überall, wo ich der Eucharistie teilnahm, fiel mir der herzliche Willkomm beim Eingang und der Abschied beim Ausgang auf. Ebenfalls fiel mir der Gang zur Kommunion positiv auf.

Der Kommunionempfang hat etwas Individuelles an sich. Christus kommt zu mir und ich darf in einen persönlichen Dialog mit ihm treten. Gleichzeitig hat der Kommu­nion­gang einen Gemeinschaftscharakter. Ich empfange, was wir alle sind: Leib Christi.

Auch in der grossen Kathedrale von Tours mit mehreren 100 Gottesdienstbesuchen hat die Kommunionspro­zession so begonnen, dass wir stehend und auswendig einen Kehrvers gesungen und gewartet haben, bis die Leute in den hintersten Bänken die Kommunions­prozession angeführt haben. Jene, die Kommunion empfangen haben, gingen zurück an ihren Sitzplatz und blieben stehen, bis die vordersten Reihen als letzte ebenfalls die Kommunion empfangen hatten. Der Kommunionhelfer brachte nach der Kommunion das Allerheiligste in den Tabernakel zurück und alle, inklusive dem Priester, wandten sich dem Tabernakel zu. Erst als die Tür zum Tabernakel zuging, haben sich alle hingesetzt.

Diese Geste hat die individuelle wie die gemeinschaftliche Freude an der Communio mit Christus augenscheinlich zum Ausdruck gebracht.

Das Sich Hinsetzen und Überlegen wie wir die Communio in Christ zum Ausdruck bringen, beschränkt sich natürlich nicht nur auf den Sonntagmorgen, doch hier lässt es sich exemplarisch durchdenken.

Ganz dem Evangelium entsprechend müssen wir uns individuell und gemeinschaftlich hinsetzen und uns überlegen: „Wie lebe ich als Christ?“ Wie drücken wir unsere gemeinsame Hoffnung aus?

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