Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!
Kirchen, Kapellen und Klöster. Sie prägen unser Landschaftsbild seit Jahrhunderten, sind Ausdruck unserer christlichen Prägung und erinnern uns an die Gegenwart Gottes, der ja unter uns wohnt (vgl. Joh 1,14). Gottes Gegenwart lässt sich überall finden (vgl. Jes 55,6). Der Evangelist Lukas bringt es auf den Punkt, wenn er Jesus zitiert: „Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! oder: Dort ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17,21).
Kirchen, Kapellen, Klöster. Sie sind sakrale Räume, in welchen wir unseren Glauben feiern durch die Verkündigung des Wortes Gottes und die Feier der Sakramente, durch Rituale und Zeremonien, durch Gebete und Gesänge. Dabei faszinieren die Kirchengebäude durch ihre vielfältigen Baustile mit ihrer je eigenen Botschaft. Da ist die romanische Kirche, die uns in ihrer Schlichtheit zum stillen Gebet einlädt und uns das Gefühl gibt, hier Zuflucht vor den Stürmen der Zeitgeschichte zu finden. Zu einer romanischen Kirche passt wohl Vers 2 von Psalm 91: „Ich sage zum HERRN: Du meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue.“ Da ist die gotische Kirche, die uns zum Himmel emporzieht und uns gleichsam aufrichtet trotz der Alltagslasten, die wir zu tragen haben. Zu einer gotischen Kirche passt wohl Vers 10 aus dem 5. Kapitel des ersten Petrusbriefes: „Der Gott aller Gnade aber, der euch in Christus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch, die ihr kurze Zeit leiden müsst, wieder aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen.“ Da ist die barocke Kirche, wie unsere Klosterkirche, die in ihrer Farbenpracht, durch zahlreiche Bilder und Skulpturen auf überwältigend feierliche Weise ein Stück Himmel auf Erden schafft. Zu einer barocken Kirche passen wohl die Verse 10 und 11 aus dem 21. Kapitel der Geheimen Offenbarung des Johannes: „…heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein…“
Doch diese beeindruckenden sakralen Gebäude sind irdisch, von Menschenhand geschaffen und somit vergänglich. „Als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schön bearbeiteten Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es werden Tage kommen, an denen von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleibt, der nicht niedergerissen wird“ (Lk 21,5-6). Diese Worte spricht Jesus mit Blick auf die Zukunft des Tempels in Jerusalem. Sie gelten aber genauso für jede Kirche, für jede Kapelle und für jedes Kloster unserer Zeit. Es ist das Los des irdischen Lebens, das ausnahmslos alles vergänglich ist. Wirklich alles? Nicht ganz.
Anfang und Ende, Schatten und Licht, alles ist Gnade, weil DU, EWIGER, in allem bist. Geburt und Tod, Werden und Vergehen, in allem ist DEIN Segen, denn aus DIR kommt es, in DIR ist es, und zu DIR fliesst es, das Leben. Alles verwandelt sich, alles wird neu, durch DEINE immerwährende Liebe, denn DU bist treu.
Was der lebendige Gott erschaffen hat, das Leben, kann nicht endgültig vergänglich sein. Eindringlich ermahnt Jesus seine Jünger: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin“ (Joh 14,1-3).
Diejenigen, die zu meiner Generation gehören oder älter sind, erinnern sich wohl an den Namen Elisabeth Kübler-Ross. Als junger Erwachsener las ich bewegt und begeistert ihre Bücher. Sie war eine willensstarke und zielstrebige Persönlichkeit: 1926 geboren, in Zürich aufgewachsen, studierte sie trotz Widerständen und Schwierigkeiten Medizin, wanderte in die USA aus, praktizierte als Ärztin und Psychiaterin, schliesslich, infolge der Begleitung zahlreicher schwerstkranker und sterbender Menschen wurde sie zu einer Pionierin in der Sterbeforschung, eine wichtige Stimme bis in die heutige Zeit hinein. Sie galt als kritischer Geist, sehr reflektiert und ganz und gar nicht leichtgläubig. Sie betonte jedoch die Wichtigkeit einer offenen Grundhaltung in der Begegnung mit Menschen, gerade mit Kranken und Sterbenden, sowie gegenüber den Fügungen des Lebens, die sie nie als zufällig erachtete. Vor einiger Zeit wurden mir zwei Videoaufzeichnungen zugesandt. Im Jahre 1982 hielt sie an der medizinischen Fakultät der Universität Zürich einen Vortrag, in welchem sie über Leben, Sterben und Tod referierte, schöpfend aus ihrer langen Lebens- und Berufserfahrung; diesen Vortrag zu hören, war für mich tief beeindruckend. Sie wurde gegen Schluss des Vortrags gefragt, ob sie an ein Leben nach dem Tode glaube. Ihre Antwort fiel ganz nach ihrer Art kurz und nüchtern aus: „Nein, ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod; ich weiss es.“
Kirchen, Kapellen und Klöster. Wir feiern an einem Kirchweihfest nicht wirklich die steinernen Gebäude, die teils künstlerisch-architektonischen Meisterwerke. Vielmehr feiern wir die lebendigen Steine der Kirche: das sind wir, die wir auf dem Namen Jesu Christi getauft und mit dem Heiligen Geist gesalbt sind. Wir feiern die Wahrheit, die an Allerheiligen anlässlich der Predigt eines Mitbruders so wunderbar formuliert worden ist: „Ganz egal, wer wir sind und was unsere Herkunft und Vergangenheit ist: Wir sind von Gott aus Liebe erschaffen, wir sind durch seine Barmherzigkeit erlöst, und wir sind jetzt schon zum Leben in seiner Gegenwart berufen. Das ist der Boden, auf dem wir stehen.“
Wenn wir heute auf dem Boden der Klosterkirche stehen und das Weihefest der Lateranbasilika feiern, als weltweit christliche Glaubensgemeinschaft, so möge uns dieser Moment daran erinnern, dass der Boden der göttlichen Wahrheit, die überall aufleuchten kann, uns wirklich trägt, unerschütterlich und über die Todesschwelle hinaus. Und wir müssen Sorge zur Kirche tragen. Ich meine auch hier vor allem die lebendigen Steine. Sakrale Gebäude zu erhalten und zu pflegen ist Ausdruck von Ehrfurcht und Wertschätzung. Aber viel wichtiger ist es, den inneren Tempel, die lebendigen Steine zu erhalten und zu pflegen. Eine Tempelreinigung muss zuallererst in uns selbst stattfinden. Je mehr in uns ein Raum der Liebe wächst, umso mehr findet von selbst die innere Tempelreinigung statt. Es gibt nur etwas, was unrein macht: die Lieblosigkeit. Wer von Liebe erfüllt ist, in ihr lebt, aus ihr denkt, redet und handelt, ist rein. Und zur heiligen Kommunion kommen wir nicht, weil wir so gut sind, sondern weil wir des Erbarmens und des Heils immer wieder bedürftig sind. Das Wort Gottes führt uns auf dem Weg dieses Heils und die Feier der Eucharistie, der Empfang der heiligen Kommunion ist Ausdruck dieser bereits geschenkten Barmherzigkeit und Heiligung durch Gott selbst. Die heilige Kommunion ist keine Medaille, keine Auszeichnung, weil wir gut oder rein wären. Sie ist, wie jedes Sakrament, ein Heilmittel. Jesus selbst lädt uns ein. So sagte er zum römischen Hauptmann, dessen Diener krank war: „Ich will kommen und ihn heilen“ (Mt 8,7). Die Heilung aber, die Heiligung, die Jesus Christus meint, geht über den Tod hinaus.
Was kann mein Verstand schon wissen, wenn es um die Frage geht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt? Er wird keine Antwort haben.
Aber was tröstlich ist, wenn ich offen bin – die Offenheit des Herzens und die Demut des Geistes muss schon sein –, dann vermag ich meine Seele zu hören: Ich weiss es!
Amen.
